Martin Dürrstein:
: „Krisen können auch stärken“

Trotz hoher Nachfrage nach Desinfektionsprodukten rechnet Dürr Dental 2020 mit geringeren Umsätzen als im Vorjahr.
Von
Claudia Mocek
Ludwigsburg
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Der Vorstandsvorsitzende und CEO von Dürr Dental, Martin Dürrstein.⇥

Dürr Dental

Während der Corona-Krise sind die Produkte von Firmen wie Dürr Dental besonders gefragt – sie werden nicht nur in Zahnarztpraxen eingesetzt, sondern auch in Beatmungsgeräten verbaut. Vorstandsvorsitzender Martin Dürrstein des Unternehmens, das am Stammsitz in Bietigheim-Bissingen 450 Mitarbeiter beschäftigt, stellte sich den BZ-Fragen.

Herr Dürrstein, wie unterstützt Dürr Dental Zahnärzte dabei, sich vor einer Ansteckung durch das Coronavirus schützen?

Als Unternehmen der Medizintechnik mit einem sehr breiten Produktportfolio bieten wir seit der ersten Stunde sämtliche notwendigen Hygiene- und Desinfektionsprodukte an.

Das sind Produkte für die Desinfektion von Flächen, Händen, Instrumenten, aber auch von Spezialbereichen wie zum Beispiel Absauganlagen. Unsere Produkte haben ein sehr breites Wirkungsspektrum wie bakterizid inklusive Tuberkulose, fungizid, voll viruzid (geprüft durch das RKI und damit auch gegen das Corona-Virus wirksam). Für das tägliche Arbeiten in der Zahnarztpraxis haben wir eine Sonderseite „Hygiene schützt Leben“ im Internet mit Tipps für die Praxishygiene erstellt.

Während zahnmedizinischer Behandlungen entsteht bei der Verwendung rotierender Hochleistungsbohrer in Kombination mit Kühlwasser Spraynebel, sogenannte Aerosole. Hierfür haben wir durch unsere leistungsstarken Absaugsysteme mit 300 Litern pro Minute und speziellen Kanülen die besten Lösungen am Markt, um den unsichtbaren Spraynebel wirkungsvoll abzusaugen. Es ist möglich, durch unsere mobile Absaugung Variosuc die Leistung auf 600 Liter pro Minute zu steigern.

Darüber hinaus sind Sie aber auch an der Produktion von Beatmungsgeräten beteiligt. Inwiefern?

Mit zur Firmengruppe gehört auch das Schwesterunternehmen Dürr Technik, das unter anderem Atemluftkompressoren für Beatmungsgeräte in Krankenhäusern, Kliniken oder Arztpraxen fertigt.

Für die hochempfindlichen Beatmungsgeräte bedarf es einer sehr sauberen und hohen Qualität der Druckluftversorgung, die gerade im medizinischen Bereich unverzichtbar ist, um die Patientensicherheit weltweit zu gewährleisten. Der kompakte und flüsterleise Atemluftkompressor Sicolab Med von der Firma Dürr Technik, die auch in Bietigheim-Bissingen ansässig ist, komprimiert und reinigt dabei mehrstufig die Umgebungsluft mit speziellen Filtern und erfüllt damit die medizinischen Anforderungen für die künstliche Beatmungsanwendung.

Viele Firmen haben ihre Produktion heruntergefahren. Welche Produkte sind bei ihnen am meisten gefragt?

Die Nachfrage nach Desinfektionspräparaten ist extrem stark gestiegen – so haben sich sowohl die Aufträge für Händedesinfektion, als auch für Flächendesinfektion seit Jahresbeginn um ein Vielfaches erhöht.

Abnehmer sind neben dem Dentalmarkt vorwiegend Pflegeheime, Rettungsdienste und Fachhändler. Jedoch gibt es auch Bereiche im Unternehmen, die Geräte für Zahnarztpraxen herstellen. Da hierfür die Nachfrage stark eingebrochen ist, reagiert Dürr Dental darauf mit Kurzarbeit.

Wie gelingt es Ihnen, den hohen Bedarf an Desinfektionspräparaten zu bedienen?

Die Firma Orochemie aus Kornwestheim stellt seit 55 Jahren Desinfektionsmittel her, aber bei einer derart sprunghaften Nachfrage können nicht mehr alle Anfragen bedient werden. Aktuell arbeitet die Belegschaft sechs Tage in der Woche mit vielen Überstunden in anderthalb Schichten.

Als Unternehmen suchen wir einen Teamleiter für die Analytik, Erfahrung als Chemiker oder Pharmazeut wären dafür Voraussetzung. Auch ein Fachangestellter in Teilzeit für unsere Produktentwicklung wird aktuell gesucht.

Wie schützen Sie Ihre Mitarbeiter vor Ort?

Durch die umgehende Umstellung auf den Mehrschichtbetrieb konnten wir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schützen und gleichzeitig die Produktionskapazitäten erhöhen. Zusätzlich haben wir die Abteilungen in kleinere Einheiten aufgeteilt. Bereits frühzeitig haben wir zudem weitere Maßnahmen in unseren Unternehmen und Standorten eingeleitet. So wurde bereits Anfang März die Kantine geschlossen und das gesamte Firmengelände in räumlich voneinander getrennte Bereiche unterteilt, um bei möglichen Erkrankungen nicht die gesamte Firma stilllegen zu müssen – alles Maßnahmen, die den persönlichen Kontakt auf ein Minimum reduzierten. Auch finden alle Besprechungen nur noch virtuell statt und die Mehrheit der Belegschaft arbeitet im Homeoffice. All diese kurzfristig umgesetzten Änderungen waren nur möglich, weil sich unsere IT- und Personalabteilung außerordentlich einsetzten und immer noch Mehrarbeit leisten.

Mussten Sie schon Aufträge ablehnen?

Ja, leider mussten wir aufgrund zu hoher Nachfrage nach Desinfektionspräparaten schon Aufträge ablehnen, was historisch noch nie stattgefunden hat.

Sind Sie auf Zulieferer aus dem Ausland angewiesen? Wenn ja: Was bedeutet das zurzeit für Ihre Produktion?

Unsere Lieferketten funktionieren grundsätzlich noch, jedoch ist beim medizinischen Alkohol eine sehr hohe Nachfrage im Markt vorhanden, hier kommt es immer wieder zu Engpässen.

Was denken Sie: Wie wird sich die gegenwärtige Krise mittelfristig auf Ihr Unternehmen auswirken?

Im Jahr 2020 werden wir die Umsätze von 2019 nicht erreichen können. Aber wie vor sieben Jahren, als ein Großbrand entscheidende Teile unseres Firmengebäudes in Bietigheim vernichtete, werden wir auch dieses Mal gestärkt aus dieser Krisensituation hervorgehen. Krisen können ein Unternehmen auch stärken, wenn Belegschaft, Betriebsrat und Geschäftsleitung an einem Strang ziehen – so war es 2013 und so ist es auch heute.

Vielen Dank für das Gespräch.