Markgröninger Weltenbummler
: Mit 25 Plattfüßen nach Kapstadt

Der Markgröninger Helmut Hermann fuhr 1973 von Schwaben nach Südafrika – mit dem Fahrrad. Eine Reise, die sein Leben veränderte.
Von
John Patrick Mikisch
Ludwigsburg
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Südwest Presse

Helmut Hermanns Peugeot hat 13 000 Kilometer auf dem Buckel. Klingt nicht viel. Hermanns Peugeot ist allerdings kein Auto, sondern ein Fahrrad. Vor 50 Jahren fuhr er damit von Markgröningen nach Kapstadt/Südafrika. „Die beste Entscheidung meines Lebens“, wie der heute 76-Jährige rückblickend sagt.

Und ein echtes Abenteuer im nachkolonialen Afrika. Hermann durchquerte die Sahara von Algier aus auf den Ladeflächen von Lkws, erkrankte in Nigeria an Malaria, durchquerte illegal Zaire, schipperte den Kongo bis nach Sambia herunter und fuhr durch Botswana und das damalige Rhodesien weiter bis ins südafrikanische Kapstadt.

Er begegnete Tuareg-Nomaden, Erdölarbeitern, Dorfschamanen, korrupten Beamten, Missionaren, Entwicklungshelfen, wurde fast ausgeraubt, überfahren, kurvte auf Überlandpisten um Schlangen herum, die sich auf dem Teer aufwärmten.

Erst Drohungen, dann Tee

Angst um sein Leben hatte Hermann aber nur einmal: „An der Grenze von Zaire nach Sambia geriet ich im Busch nachts in ein Militärlager“, erzählt er. „Ein Posten brüllte ‚Hands up!’, aber ich konnte ihn im Dunkeln ja nicht sehen. Als ich hörte, wie er sein Gewehr durchlud, dachte ich, jetzt ist es vorbei.“ Doch Hermann hatte Glück; die Soldaten ließen ihn ziehen. „Eine Stunde später saß ich bei einem südafrikanischen Bergbauexperten am Abendbrottisch und trank Tee.“

Noch besser: Es gab eine Dusche und ein richtiges Bett. Absoluter Luxus, denn Hermanns Ausrüstung war nach heutigen Maßstäben spartanisch: „Ich hatte einen Schlafsack und eine Matte zum Unterlegen und habe außerhalb von Städten meistens im Freien geschlafen.“

Auch sein Fahrrad war, abgesehen von der Gangschaltung („Fünf Gänge!“), nicht gerade üppig ausgestattet. Den Gepäckträger für die Fahrradtaschen hatte der gelernte Werkzeugmacher selbst geschweißt, ebenso wie die Verlängerung des Rennradlenkers; dazu noch ein ungepolsterter Ledersattel von Brooks – fertig war das Afrika-Tourenbike 73.

Ein Auto wäre zu teuer gewesen

Vorteil: Das Fahrrad war günstig. „300 Mark. Ein Mofa oder Auto hätte ich mir gar nicht leisten können“, gibt Hermann zu. Und: Je einfacher die Ausrüstung, desto weniger kann kaputtgehen. Die Pannen beschränkten sich überwiegend auf Plattfüße (25), kaputte Speichen (20), abgefahrene Reifen (7) und gerissene Brems- und Schaltzüge. „Das Vorderrad musste ich allerdings schon in der Sahara austauschen“, erinnert sich Helmut Hermann. In Nigeria gingen Hinterachse und Zahnkranz kaputt. „Für solche Fälle hatte ich damals hochmodernen Zweikomponentenkleber dabei“, sagt Hermann. „Damit habe ich die Teile wieder zusammengeklebt und überm Lagerfeuer gehärtet. Das hält heute noch.“

Wie so manche Kontakte, die er damals knüpfte. „Das Spannende auf einer Reise sind ja nicht nur die Landschaften und Orte“, sagt Hermann. „Es sind die Menschen.“ Häufig machte er abends in Dörfern Station, meistens umringt von neugierigen Kindern, die den exotischen Radler aus Germany sehen wollten. „Ich habe auch immer nach Missionaren, Entwicklungshelfern und so weiter Ausschau gehalten, allein schon um Informationen über den weiteren Reiseweg zu bekommen“, sagt Hermann.

Denn das heute allgegenwärtige Internet war damals Science Fiction. Informationen zur Reisevorbereitung kursierten allenfalls im kleinen Kreis der wenigen Globetrotter. Selbst Kartenmaterial war rar. „Ich hatte eine französische Michelin-Karte von Afrika. Das war’s“, sagt Hermann.

Dass so eine Reise grundsätzlich möglich war, wusste er aus den wenigen Reiseberichten, die es damals gab. „Heinz Helfgen war in den 1950er-Jahren mit dem Rad um die Welt gefahren. Seine Bücher habe ich als Jugendlicher gelesen“, erinnert sich Hermann. „Und man hat damals mit Freunden selbst ausgedehnte Radtouren unternommen.“

Schuld waren die Beatles

Das befeuerte offenbar die Reiselust. Genauso wie der Alltag im Nachkriegsdeutschland. „Wir hatten alle nicht viel und waren hungrig auf Neues“, sagt der 76-Jährige. Im Radio liefen die Fernweh-Schlager von Freddy Quinn, dann kamen die 68er und ihre Revolte. „Viele aus meiner Generation wollten raus in die Welt“, erinnert sich Hermann. „Als die Beatles dann für eine Zeit nach Indien gingen, machten es ihnen viele nach und reisten nach Indien, Nepal, Afghanistan.“

Und Helmut Hermann eben nach Afrika. Als er 1974 nach Markgröningen zurückkehrte (drei Wochen als Maschinist per Schiff) war er ein anderer. „Ein normaler Job kam nicht mehr in Frage“, sagt er.

Hermann veröffentlichte seine Reiseerlebnisse als Buch, hielt Vorträge über seine Abenteuerreise, der bald weitere rund um die Welt folgten, und stieg später als Autor und Verleger in die Verlagsgruppe „Reise Know-How“ ein. Die vielen Reisebücher, Berichte und Fotos hat er akribisch archiviert. „Beim Blättern habe ich sofort alles wieder vor Augen“, sagt er. „So eine Afrika-Tour wie damals ist heute nicht mehr möglich“, sagt er. Das sei inzwischen leider einfach zu gefährlich. Eigene Fernreisepläne habe er auch nicht mehr. „Was ich sehen wollte, habe ich gesehen. Und langsam ist es auch mal gut.“

Ganz hält es Helmut Hermann und seine Frau Anita aber trotzdem nicht zuhause. „Nach Südafrika im Februar geht es demnächst nach Hamburg. Allerdings nicht per Fahrrad: Davon habe ich seit der Afrika-Tour genug gehabt.“

  • Helmut Hermann und sein treuer Drahtesel: Mit dem Peugeot-Fahrrad legte er 1973/74 mehr als 13.000 Kilometer von Markgröningen nach Kapstadt/Südafrika zurück. Eine Reise, die sein Leben veränderte.

    Oliver Bürkle
  • Heute gibt es GPS und Smartphones, 1972 musste sich Helmut Hermann noch mit einer ziemlichen groben Faltkarte für den gesamten afrikanischen Kontinent begnügen.

    Oliver Bürkle
  • Wenn der Markgröninger Abenteurer irgendwo haltmachte, war er häufig sofort von Kindern umringt, die den Exoten und sein Rad sehen wollten.

    Helmut Hermann
  • Die Einsamkeit der Landstraße: Für derartige Motive nutzte der gelernte Fotograf einen Fernauslöser.

    Oliver Bürkle
  • Auf dem Weg nach Kinshasa: Das Foto entstand bei einem Stopp in Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo.

    Helmut Hermann
  • Nach seiner Heimkehr schrieb Helmut Hermann ein Buch über seine abenteuerliche Afrika-Tour. Später folgten weitere Fernreisen und Bücher, auch als Verleger für andere Weltenbummler.

    Oliver Bürkle
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