Markgröningen: Wenn die „Fieß saumäßig“ weh tun

Laith Abo Hamda (rechts) begrüßt im szenischen Spiel am Krankenbett den Theaterpädagogen Jörg Pollinger, der den Patienten mimt.
/Oliver BürkleAuf Jörg Pollinger sind 27 Augenpaare gebannt gerichtet. Er hat sich soeben in ein Krankenhausbett gelegt, sich die Decke übergezogen und wartet nun auf zwei Freiwillige. Aus den Reihen der Pflegekräfte der Orthopädischen Klinik Markgröningen geben sich Laith Abo Hamda und Esat Nuredini einen Ruck und gehen auf ihn zu. „Wie haben Sie geschlafen?“, fragt ihn Abo Hamda freundlich, um dann geantwortet zu bekommen: „Danke, s’ gâht, abr I frei mi jetzt uff a Frühschdigg“.
Dass hier die Frage auf breitestem Schwäbisch beantwortet wird, hat seine Berechtigung. Pollinger ist Theaterpädagoge und seit mehr als einem Jahr regelmäßig an der OKM zu Gast, um angehenden Pflegekräften, die vornehmlich aus dem Ausland stammen, das für sie ungewohnte südwestdeutsche Idiom nahezubringen.
Teil der Willkommenskultur
„Wir sind froh, dass wir so gute Arbeitskräfte aus den unterschiedlichsten Ländern in unseren Reihen wissen“, sagt Pflegedirektor Bernhard Klink, und der Kurs in Schwäbisch ist nur ein kleiner, aber wichtiger Teil einer umfassenden Willkommenskultur hier in der Schäferlaufstadt, die die jungen Menschen aus Syrien und Kamerun, aus dem Kosovo und aus Indien best- und schnellstmöglich integrieren möchte. „Da viele unserer Patienten Dialekt sprechen, haben wir diese Seminare initiiert, damit unsere Pflegerinnen und Pfleger auch für sie ungewohnte Ausdrücke lernen“, betont Klink. Dabei sei das Verstehen wichtig, weniger die Zielsetzung, dass die jungen Menschen schon selbst bald schwäbeln. Man versuche, auf diese Weise die letzten Hemmschwellen abzubauen, denn klinge schon Deutsch in den Ohren der ausländischen Fachkräfte streng, mitunter der Lautstärke wegen auch (ungewollt) ruppig, so könne sich dieser Eindruck noch verstärken, erklärt der Pflegedirektor, der selbst aus dem Ruhrgebiet stammt und daher mit dem hiesigen Idiom anfangs haderte.
Laith Abo Hamda aus Syrien und Esat Nuredini aus dem Kosovo, der erst wenige Wochen hier in Deutschland ist, sowie alle anderen in der Runde haben nachgewiesenes Deutsch-B2-Niveau, Die eigentlich harte Nuss hingegen aber ist das Schwäbische, welches die beiden jedoch schon ganz gut verstehen. So gibt es nur noch wenige Irritationen, als „Patient“ Jörg Pollinger, es ist im Szenenspiel noch früh am Morgen, sich auf das Frühstück freut, zu welchem er gerne „oi Oi, abb so richtich schlonzig“ hätte, damit er „Weißbrod neidonka“ könne. Der Wunsch nach dem Hühnerprodukt haben beide verstanden, nur bei „schlonzig“ haben sowohl Abo Hamda als auch Nuredini ihre Grenzen erreicht, und auch das „neidonka“ erschließt sich ihnen noch nicht. Dafür wissen sie aber, wie die anderen 25 Kollegen auch, dass in Deutschlands Südwesten der Fuß bis in die Leistengegend reicht und es angebracht ist, nach dem Rechten zu schauen, wenn ein Patient klagt, dass „mir mei Fieß saumäßig weh duan“, und dass ein „Debbich“ nicht nur eine Auslegeware, sondern das ist, was man andernorts in der Republik als Zudecke kennt. Sollte jemand einmal etwas nicht wissen, dann gibt es nicht den erhobenen Zeigefinger, sondern es geht spielerisch weiter in der für die Pflegekräfte (noch) fremden und mitunter nur schwer zu ergründenden Welt des Schwäbischen.
Pflegekräfte hier halten
Auch Pollinger zeigt sich motiviert: „Den jungen Menschen nicht nur die Sprache, sondern auch die teilweise bruddelige Art, überhaupt das Wesen der Schwaben nahezubringen, bereitet mir viel Freude“, sagt der Macher des Ludwigsburger „Q-Rage-Theaters“. Für die Pflegedirektion wie für ihn ist es wichtig, möglichst früh die Pflegekräfte an die Hand zu nehmen und jene Dinge beizubringen, die in einer durch Idiome geprägten Gegend wichtig sind. Nochmals Pflegedirektor Klink: „Es ist uns nicht nur immens wichtig, dass wir diese wertvollen Menschen hier als wichtige Arbeitskräfte haben, sondern dass wir sie auch zukünftig bei uns halten können.“