Ludwigsburger Schlossfestspiele: Mit kraftvoller Energie in die Saison

Im ersten Teil des Eröffnungskonzerts der Ludwigsburger Schlossfestspiele und mit drei herausragenden Zugaben begeisterte Pianist Giorgi Gigashvili das Publikum im Forum.
Werner KuhnleZum ersten Mal in der 93-jährigen Geschichte der Schlossfestspiele, Internationale Festspiele Baden-Württemberg, findet das Festival ohne eigenes Festspielorchester statt, das auch meistens die Eröffnung gestaltete. In der ersten Saison von Intendant Lucas Reuter ist es das Konzerthausorchester Berlin, das die Festspiele unter Leitung von Dirigentin Joana Mallwitz im Forum eröffnet.
Zusammenkunft abseits des Alltags
Reuter hat sich auch dazu entschieden, die in den letzten Jahren unter den Intendanten Thomas Wördehoff und Jochen Sandig eingeführten Eröffnungsansprachen mit zum Teil gesellschaftlich und politisch brisanten Inhalten prominenter Redner wegfallen zu lassen. Diese hatten meist in das Thema der Saison eingeführt und den Veranstaltungen einen übergreifenden Rahmen gegeben. Reuters Saison soll, so schreibt er in seinem Vorwort zum Programm, „eine Zusammenkunft abseits des Alltags und ein Heraustreten aus dem Gewöhnlichen“ sein. Das ist eine Aussage: Kein philosophischer oder politischer Überbau soll den Genuss der Konzerte der Festspiele stören. Und so wurden den Künstlern am Ende des Abends auch keine Urkunden über nachhaltige Baumpflanzung überreicht, wie in der Ära Sandig, sondern ganz konventionell Blumensträuße.
Die Auswahl der beiden Werke, die das Konzerthausorchester spielte, ist eines Eröffnungskonzerts würdig, auch wenn diese konventionell-klassisch und von vornherein Publikumslieblinge sind, mit denen man nichts falsch machen kann. Beide Werke setzten einen kraftvollen, energiegeladenen Einstieg in die aktuelle Festspielsaison.
Das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 d-Moll von Sergei Rachmaninow hat es in sich. Die Komposition ist eine der schwersten und gleichzeitig beliebtesten Stücke des ganzen Genres der Klavierkonzerte. Und der junge Komponist Giorgi Gigashvili meisterte die emotionalsten und technisch anspruchsvollsten Parts geradezu meisterhaft. Der groß gewachsene Pianist versenkt sich in die Tastatur und die Töne, verschmilzt mit ihnen.
Pianist Gigashvili hypnotisiert das Publikum
Es gelingt ihm, das Publikum wie hypnotisierend mitzuziehen in die Tiefe der Rachmaninowschen Musik. Leider schwächte in Teilen die Lautstärke des Orchesters, angetrieben von der Kraft und Leidenschaft der Dirigentin Joana Mallwitz, die Wirkung seines Spiels. Fast meinte man, dass Gigashvili erst in den Zugaben mit Werken von Scarlatti und Prokofjew, die das begeisterte Publikum forderte, sein wahres Können zum Ausdruck bringen konnte. Denn Joana Mallwitz, die das Konzerthausorchester Berlin voll im Griff hatte, trieb dieses zu vollem Einsatz. Selbst langsame Passagen wurden von ihr in schnelle Fahrt versetzt. Ihre Sache sind die leisen, langsamen Töne nicht. Voller Kraft, mit einer Choreografie am Dirigentenpult, die für sich eine Show war, brachte sie die Musiker zu höchster Anstrengung. Leider ging dabei das berühmte Thema des Klavierkonzerts, das sich durch die Komposition zieht und einen typisch russisch-schwermütigen Charakter hat, in der treibenden Interpretation von Mallwitz unter.
Joana Mallwitz ist die treibende Kraft
Auch im zweiten Stück des Abends, Franz Schuberts Sinfonie Nr. 8 C-Dur, „Die Große“, änderte Mallwitz nichts an ihrer vorantreibenden Taktik. Doch in diesem Werk konnten die Berliner Musiker in Soloparts tatsächlich zeigen, was sie können. Das Solohorn spielt eine Fanfare, wie Schubert sie in seiner letzten, posthum veröffentlichten Sinfonie sicher gerne gehört hätte. Dieser Part ist in der Sinfonie die Eröffnung und ein musikalischer Grundbaustein, den Mallwitz durchaus zu betonen weiß. Schuberts Art, Rhythmik und Bewegung in der Musik zuerst zu vereinzeln und dann wieder zusammen zu bringen, kommt unter Mallwitz Leitung zutage. Man merkt, dass Mallwitz Schuberts „Große Sinfonie“ verinnerlicht hat. „Es ist eines der besten Stücke überhaupt“, sagte sie in einem Interview. Das diesjährige Eröffnungskonzert wurde für das Publikum, das minutenlang Beifall klatscht, zu einem überaus gelungenen Konzert – dank zweier Werke, die grandios sind und hoch in der Publikumsgunst stehen.