Ludwigsburger Schlossfestspiele
: Festspielsaison startet mit großem Drang nach Freiheit

Ministerpräsident Cem Özdemir erlebt bei der Eröffnung der Schlossfestspiele eine hochklassige Darbietung von Verdis Oper „Nabucco“.  
Von
Gabriele Szczegulski
Ludwigsburg
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Roberto Rizzi Brignoli leitete den großen Chor und das Orchester des Nationaltheaters Mannheim in der Aufführung der Oper „Nabucco“ im Forum am Schlosspark.

/Oliver Bürkle

Cem Özdemir (Grüne), neuer Ministerpräsident von Baden-Württemberg, sah bei seinem ersten offiziellen Besuch bei den Internationalen Festspielen Baden-Württemberg, den Ludwigsburger Schlossfestspielen, eine atemberaubende und grandiose szenische Aufführung von Verdis „Nabucco“. Es gab zum ersten Mal ein ganzes Eröffnungswochenende und am Sonntagabend setzte „Nabucco“ einen besonderen Schlusspunkt auf das Wochenende, aber gleichzeitig einen inhaltsschweren Auftakt für die Saison.

Starkes inhaltliches Zeichen für Freiheit und Gleichberechtigung

Özdemir blieb bis zum Schluss der dreistündigen Aufführung und schloss sich den Standing Ovations und Bravo-Rufen des Publikums lautstark an und verteilte beim anschließenden Empfang begeistertes Lob. Zu Recht. Intendant Lucas Reuter hatte die Oper für die offizielle Eröffnung der Festspiele im Forum am Schlosspark ausgewählt und setzte damit ein starkes inhaltliches Zeichen für Freiheit, Toleranz und Gleichberechtigung in einer instabilen, krisenbehafteten Zeit. Die Themen sind so aktuell wie nie seit Verdi „Nabucco“ 1842 uraufführte: Es geht um Krieg, um die Opfer, die Frauen, die als Erste auf die Schlachtbank geführt werden. Es geht um Gefangenschaft, um Unterdrückung, um Kriege aus Glaubensdifferenzen. Es geht auch um Tyrannen – und dass Frauen, in diesem Fall Abigaille, brutale Machthaber sein können.

Der Politiker Özdemir sah eine Inszenierung um den Kriegsherrn Nabucco, die die Grundrechte des Menschen in Szene setzt, durch den Verlust dieser. Die beiden ersten Reihen auf dem Hochparkett im Forum waren mit politischen Vertretern gefüllt, die sich die populäre Oper ansahen, die ein einziges Mahnmal für die Freiheit und Gleichheit der Menschen ist – die richtigen Adressaten.

Der große Chor, das starke Orchester und die Solisten agierten denn auch wie eine Einheit. Wozu aufwändige Kulissen in einer Oper, wenn man diesen Klangkörper hat? Der „Gefangenchor“ und seine Botschaft von Freiheit steht durch dieses grandiose Aufführung geradezu als Hymne für die Festspiele. Obgleich der Opernchor und das Orchester des Nationaltheaters Mannheim unter Leitung des die Mitspieler wie Marionetten verbindenden Roberto Rizzi Brignoli, dieses Stück in einer eher zurückhaltenden, leisen, dafür umso eindrücklicheren Version als üblich aufführten.

„Va, pensiero, sull’ali dorate“ („Flieg, Gedanke, auf goldenen Schwingen“) singt der Chor der Hebräer, die in Babylonien gefangen sind, und um die verlorene Heimat und um ihre Freiheit klagen. Das Stück gilt als berühmtester aller Verdi-Chöre und wird üblicherweise mit dramatisch aufsteigender Lautstärke intoniert und mit populistischem Pomp aufgeführt. Brignoli aber lässt Chor und Orchester sehr genau und bedrückend singen, mit Betonung auf das Leid der Hebräer und deren leiser Hoffnung auf Freiheit.

Kurzfristig übernahm „Granate“ Ludovic Tezier die Titelrolle

Eine „Granate“ sei Ludovic Tezier, der Verdi-Spezialist aus Frankreich, sagte der Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, Lucas Reuter. Am Freitag wurde den Festspielen mitgeteilt, dass Luca Salsi, der die Titelfigur Nabucco singen sollte, in Mailand im Krankenhaus liegt und nicht nach Ludwigsburg kommen kann. „In einer Nacht- und Nebelaktion“, so Reuter, wurde noch Freitagnacht der Ludovic Tezier angefragt, der zusagte, aber am Samstagabend in „La Traviata“ in der Pariser Bastille-Oper singen musste. Er fuhr am Sonntagmorgen mit dem TGV nach Stuttgart und weiter nach Ludwigsburg, wo er um 18 Uhr auf der Bühne stand und beeindruckend die vielen Facetten des Nabucco sang: zuerst den Feldherrn, dann den wahnsinnigen König, der Gott sein will, den liebenden Vater und zuletzt den Frieden schaffenden Politiker.

Csilla Boross als weibliche Tyrannin ist ein großer Fang

Wie überhaupt alle acht Solisten ein großer Fang und durchweg Verdi-Spezialisten für diese Inszenierung waren. Vor allem Csilla Boross als Abigaille: Ihr Tonvolumen ist nicht nur riesengroß, sondern es gelingt ihr ohne Anstrengung, die Tonlagen blitzschnell zu wechseln. Dabei werden ihre Gefühle so authentisch transportiert, dass die Angst, dass die weibliche Tyrannin um sich schlägt, aufs Publikum überschwappt. Julia Faylenbogen ist die liebende, aber zurückhaltende Fenena, deren Liebe sich eher in Taten als großen Worten ausdrückt. Aus Liebe zu dem bravourös fest und stark singenden Sung Min Song als Ismaele konvertiert sie sogar zu den Juden.

Der große Chor des Nationaltheaters Mannheim ist eine Wucht, die nicht nur den „Gefangenenchor, sondern auch den Schlusschor „Immenso Jehova“ kraftvoll und vor allem ausdrucksvoll darbietet. Dirigent Brignoli zieht an den Fäden der illustren Sängerriege, des Chors und der Musiker und setzt nach mehr als 150-jähriger Aufführungspraxis ein neues Maß der Dinge für „Nabucco“.

Diese Aufführung war der maßgebenden Eröffnung mehr als angemessen, da sie mit einem starken Drang nach Freiheit in die Saison startet. „Was für ein Abend – phänomenal“, lautete das Fazit des Ministerpräsidenten beim anschließenden Empfang. „Ich habe es nicht bereut, nicht das WM-Spiel Deutschland gegen Curaçao geschaut zu haben.“