Ludwigsburg
: Wie ein Neubaugebiet geplant wird

Von der Idee bis zur Umsetzung ist es ein langer Weg. Bürgermeisterin Andrea Schwarz und Martin Kurt, Fachbereichsleiter Stadtplanung, erklären den Prozess.
Von
Yannik Schuster
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Bürgermeisterin Andrea Schwarz und der Fachbereichsleiter Stadtplanung bei der Stadt Ludwigsburg, Martin Kurt, erklären anhand des Beispiels Fuchshof, wie ein Neubaugebiet konzipiert wird – von der ersten Idee bis zur Umsetzung.

/Martin Kalb

Es gab eine Zeit, da sprossen in nahezu allen Kommunen – groß und klein – Neubaugebiete aus den Böden. Die Nachfrage nach Wohnraum war groß, das Bauen bezahlbar. Ersteres hat sich bis heute nicht geändert, die Baukosten hingegen haben in den vergangenen Jahren deutlich angezogen. Dennoch wird vielerorts weiter gebaut – so auch in Ludwigsburg mit dem Quartier Fuchshof. Doch wie läuft der Planungsprozess für ein Neubaugebiet eigentlich ab? Welche Gedanken stecken hinter den stadtplanerischen Überlegungen? Die BZ hat darüber mit der Ludwigsburger Bürgermeisterin Andrea Schwarz und dem Fachbereichsleiter Stadtplanung, Martin Kurt, gesprochen.

Schritt 1: Die Zielsetzung

Am Anfang eines jeden Planungsprozesse steht eine Idee. Sei es die Schaffung von Wohnraum oder eine Gewerbeentwicklung. In Ludwigsburg ergebe sich das Ziel aus der nachhaltigen Stadtentwicklung, die seit über zwei Jahrzehnten vorangetrieben werde, sagt Martin Kurt. Dieser strategische Prozess gebe die Richtung vor, in die sich die Stadt entwickeln soll. Für die kommenden zehn bis fünfzehn Jahre stehe der Plan dahingehend bereits.

Schritt 2: Der Standort

Der Standort hänge von der späteren Nutzung ab, erklärt Kurt. Soll in einem Neubaugebiet Wohnraum entstehen, müssen etwa diverse Umweltbedingungen – Lärm, Klima, Durchlüftung, um nur ein paar wenige Faktoren zu nennen – passen. Die verfügbaren Flächen in der Stadt habe man dahingehend längst untersucht. „Wenn man das nicht weiß, wäre man schlecht vorbereitet“, sagt der Stadtplaner. In Ludwigsburg gibt es jedoch nicht mehr viele Freiflächen, die man überhaupt bebauen könnte.

Gewerbeflächen und Mischgebiete im Westen der Stadt zwischen Bundesstraße und Autobahn in Wohnraum umzuwandeln – wie es andernorts immer stärker gemacht werde – lehne man trotzdem ab, sagt Bürgermeisterin Andrea Schwarz.

Man habe schlichtweg keine alternativen Flächen in der Nähe der Autobahn zur Verfügung, um das überregionale Gewerbe zu bedienen. „Würde man diese gewerblichen Flächen aufgeben, müsste man Neue im Osten der Stadt schaffen. Das würde dann aber zu einem Gewerbeverkehr führen, der einmal quer durch die Stadt muss“, sagt die Bürgermeisterin.

Schritt 3: Die Bestandsanalyse

Ist ein Standort für das Quartier gefunden – im aktuellen Ludwigsburger Fall der Fuchshof, wird dieser zunächst auf Herz und Nieren geprüft. Alle Rahmenbedingungen, die für einen Standort gelten, werden untersucht. Auf deren Grundlage entwickle man einen ersten Rahmenplan, sagt Martin Kurt. „Da überlegen wir ganz grob, wie das Wohngebiet aussehen könnte.“ Beim Beispiel Fuchshof wurde demnach schnell klar, dass aus klimatischen Gründen eine Durchlüftung in Nord-Süd-Richtung unabdingbar sei.

Das Ergebnis: Eine Grüne Fuge, die einerseits den Alten Oßweiler Weg im Norden mit Frischluft versorgt, andererseits aber auch als Mittelpunkt und Quartiersplatz dienen soll. Die ersten Planungen für den Fuchshof wurden bereits vor über zehn Jahren vorangetrieben. Der Grunderwerb der zahlreichen Grundstücke in Privatbesitz habe viel Zeit in Anspruch genommen, sagt Kurt.

Schritt 4: Der Wettbewerb

Bei der konkreten Ausgestaltung der Bebauungsstruktur greift man in Ludwigsburg auf Wettbewerbe zurück. Planungsbüros präsentieren dabei ihre Ideen für das Gebiet auf Grundlage der vorab definierten Rahmenbedingungen. „Die beste Idee kann man nur im Vergleich zu anderen Ideen, die auf dem Tisch liegen, herausfinden“, sagt Kurt. Diese werde im Anschluss noch weiter verfeinert, auch eine frühe Beteiligung der Bürger sei wichtig, sagt der Stadtplaner. Es gelte, öffentliche und private Interessen gegenüberzustellen. „Das Kernstück unserer Arbeit ist die Abwägung.“

Das spiegelt sich unter anderem beim Thema Baustruktur wieder: „Wir sind angehalten, dichter zu bauen als in der Umgebung“, sagt Martin Kurt. Der Verträglichkeit wegen wird die Bebauung im Fuchshof in der Höhe gestaffelt – aufgelockerter und niedriger im Norden, die höchsten Gebäude mit fünf bis sechs Geschossen in der Fuchshofstraße. „So dicht wie möglich und noch vertretbar“, laute die Devise. Würde man noch weitere Stockwerke aufschlagen, könnte die Planung kippen, sagt Kurt. Eine zu lockere Bebauung hingegen sei angesichts von Boden- und Baupreisen ohnehin nur für eine sehr kleine Käuferschicht attraktiv, ergänzt Schwarz. 40 Prozent der Wohnungen im Fuchshof sollen Sozialwohnungen werden.

Schritt 5: Die weitere Planung

In Projektteams mit fünf bis sieben Personen aus unterschiedlichen Fachbereichen der Stadtverwaltung werden die Planungen vorangetrieben. In Ludwigsburg habe man sich Mitte der Neunzigerjahre, als diverse ehemalige Kasernen plötzlich zur Verfügung standen und umgewandelt werden mussten, entschieden, diese Prozesse selbst in die Hand zu nehmen, sagt Kurt.

In Grundzügen bleibe der Rahmen zwar bis zur Umsetzung erhalten, Details würden sich aber bis zuletzt immer wieder verändern. Ein Beispiel im Fuchshof: Ursprünglich war keine eigene Schule vorgesehen. Doch mit dem Bedarf der Bildungseinrichtung entstand auch der Bedarf nach einem geeigneten Grundstück, einer Erschließung, sicheren Schulwegen, einer guten Anbindung. Auf der anderen Seite stellte sich die Frage: Können die Wohnungen, die entfallen, anderswo aufgeschlagen werden?

Andrea Schwarz nennt als weiteres Beispiel die Lage der Quartiersgarage, um die man lange gerungen habe. Ziel für das Areal sei eine Reduzierung des Verkehrs gewesen. Ein zentrales Parkhaus soll den Autoverkehr deshalb bündeln. Gebaut werden soll es im Süden des Quartiers, teilweise auf einem bestehenden Sportgelände (Im Bild Orange dargestellt). So fungiere das Parkhaus auch als Lärmpuffer zwischen Anwohnern und Sportgelände. Und auch die Anbindung selbst habe eine große Rolle in den Überlegungen der Stadtplaner gespielt. Den Hauptverkehr über den Alten Oßweiler Weg zu führen, wäre den Anwohnern dort nicht zu vermitteln gewesen, sagt Kurt. Die Fuchshofstraße habe sich zwar als leistungsfähige Haupterschließungsader angeboten, besitze jedoch keine direkte Verbindung zur Schorndorfer Straße im Norden. Eine Verbindung wird deshalb vom bestehenden Kreisverkehr in Richtung Süden verlegt.

Schritt 6: Der Beschluss

Am Ende eines langen Prozesses steht die Überführung der Planungen in ein kommunales Gesetz. Hierfür erlässt der Gemeinderat einen Bebauungsplan, der die Bebaubarkeit des Neubaugebiets bis ins kleinste Detail regelt. Erst mit dieser rechtlichen Grundlage kann die Umsetzung erfolgen.