Ludwigsburg: Was macht das Stuttgarter Kammerorchester in der Musikhalle?

Chefdirigenten Thomas Zehetmair bringt das Stuttgarter Kammerorchester in der Musikhalle Ludwigsburg zum klingen: Gespielt wird Beethovens 9. Symphonie.
/Oliver RöckleEs herrscht erwartungsvolle Stille im Festsaal, bis Thomas Zehetmair seine Arme anhebt, auffordernd seine Musikerinnen und Musiker anblickt und sich die ersten zarten Töne aus der Ruhe herausschälen. So opulent Beethovens berühmte neunte Symphonie mit dem Schlusschor über Schillers Ode „An die Freude“ endet, so filigran beginnt sie im ersten Satz, dem „Allegro ma non troppo, un poco maestoso“. Ein leiser Quintklang keimt in den Geigen, noch ist die Tonart nicht festgelegt, bis das wuchtige Hauptmotiv in d-Moll herausbricht. Mit leicht vorgebeugtem Oberkörper gibt Thomas Zehetmair Anweisungen per Taktstock und seiner freien Hand. Nahtlos wechselt er zwischen Englisch und Deutsch, lobt seine Musikerinnen und Musiker immer wieder: „Wonderful drama“ ist zu hören ebenso wie „das ist wirklich super so“.
Seit 2019 hat der, aus Österreich stammende Violinist und Dirigent, die Leitung des Stuttgarter Kammerorchesters übernommen und seit inzwischen zwei Jahren läuft die Gesamteinspielung der neun Beethoven-Symphonien: „Wir haben in unserer Zusammenarbeit das Gefühl, jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt dafür“, erklärt Thomas Zehetmair. Zu den 17 Mitgliedern des Stuttgarter Kammerorchesters gesellen sich noch 36 weitere Instrumentalistinnen und Instrumentalisten dazu, da für Beethovens neunte Symphonie neben den Streichern noch Holz- und Blechbläser sowie zwei Pauken benötigt werden.
Mikrofone im Raum verteilt
Thomas Zehetmair unterbricht das Spiel, wünscht sich eine Wiederholung ab Takt 335: „Meine Aufgabe ist dafür zu sorgen, dass die Takes voller Leben bleiben und dass auch die Wiederholungen, die man macht, dazu da sind, dass jede Wiederholung lebendiger wird“, erklärt er und fügt hinzu, dass sie sehr im Detail arbeiten, um die Vielschichtigkeit des Werkes hörbar zu machen.
Um das perfekte Hörbar machen der neunten Symphonie geht es auch dem renommierten Hamburger Tonmeister Udo Potratz, der die Aufnahme aller Beethoven-Symphonien innehat: „Insgesamt haben wir hier 48 Spuren“, sagt er und lenkt den Blick auf seinen Bildschirm. Dort bewegen sich die einzelnen Pegel unermüdlich, zeigen, was die, zwischen den Notenpulten und Stühlen verteilten Mikrofone, klanglich hergeben.
Vor allem der vierte Satz ist herausfordernd, denn der dazukommende Chor sowie die vier Gesangssolisten müssen sich optimal in das vorhandene instrumentale Klangbild einfügen – eine imposante Schallfülle, die akustisch perfekt eingefangen werden will: „Die Herausforderung ist natürlich, dass der Chor entsprechend transparent klingt, dass er gut verständlich ist, dass auch die Solisten gut eingebettet sind und gut verständlich sind“, erläutert Udo Potratz.
Die Instrumente, die Beethoven zur Verfügung standen, unterschieden sich deutlich von dem modernen Instrumentarium heute und dem trägt das Stuttgarter Kammerorchester Rechnung, indem in der Aufnahme moderne Holzblasinstrumente auf historische Blechblasinstrumente treffen.
Naturhorn aus 19. Jahrhundert
Eine Kombination, die Thomas Zehetmair gern verwendet und so hat der Franzose Nicolas Roudier, der auf das Spiel auf Originalinstrumenten spezialisiert ist, die Position des zweiten Horns übernommen: „Dieses Horn ist ein Böhmisches Naturhorn aus dem frühen 19. Jahrhundert und das ist perfekt für Beethoven“, weiß er und seine junge Horn-Kollegin Helene Fleuter kennt ebenfalls die Vorzüge, aber auch Nachteile des Naturhorns, das unterschiedliche Zusatzbögen benötigt – je nach Tonart: „Auf der einen Seite hat man mal 18 Takte einen Ton auszuhalten und da ist es natürlich viel einfacher, weil man einen dünneren Luftstrom hat, den man durch das Naturhorn bringen muss. Aber dadurch, dass das Naturhorn sehr flexibel ist, kann man auch schneller mal einen Ton daneben spielen, was beim modernen Horn viel weniger vorkommt“, berichtet sie.
Für den Tonmeister Udo Potratz macht diese Mischung jedenfalls die Aufnahme leichter: „Wenn ich moderne Trompeten, moderne Posaunen, moderne Hörner hätte, die wären viel lauter und die würden viel eher bestimmte Dinge in den Streichern, die vor ihnen sitzen, zudecken oder, ich sag mal, kaputt machen durch ihre Brillanz als so eine Barocktrompete“, begründet er es akustisch und ist am Ende mit der Balance seiner Aufnahme sehr zufrieden.
Im Saal packen alle auch ihre Instrumente ein und es gibt viel Applaus des Orchesters für die beteiligten vier Solisten sowie den Stuttgarter „figure humaine kammerchor“, der eine feste Größe innerhalb des Konzertlebens der Stadt ist.