Ludwigsburg
: Vor über 30 Jahren war für die Bundeswehr Zapfenstreich

Während das Verteidigungsministerium aktuell wieder nach Kasernen sucht, wird im „Schwäbischen Potsdam“ das letzte Militärgelände umgenutzt.
Von
Uwe Mollenkopf
Ludwigsburg
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Auf dem Ludwigsburger Marktplatz verabschiedete sich die Bundeswehr am 6. Mai 1994 mit einem Großen Zapfenstreich.

/BZ-Archiv/ad

Abrüstung und Aufgabe militärischer Liegenschaften gehören seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine der Vergangenheit an.  „Wir wollen und müssen schnell aufwachsen, um abzuschrecken“, erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius jüngst bei einer Fachkonferenz. Geplant ist laut einer Mitteilung, ab 2027 Kompaniegebäude in einer modularen und seriellen Bauweise auf den schon bestehenden Liegenschaften der Bundeswehr zu errichten. Auch an der früheren US-Kaserne Patrick-Henry-Village in Heidelberg hat das Militär Interesse bekundet. Dagegen hat Ludwigsburg, wo es in der Vergangenheit auch jede Menge Kasernen gab, vor über 30 Jahren mit seiner militärischen Vergangenheit abgeschlossen – wenn auch nicht freiwillig. An den Standorten, wo zuvor die Uniformträger ein- und ausgingen, gibt es inzwischen Wohnungen, kulturelle Einrichtungen oder auch Firmenareale. Ein Rückblick.

Verteidigungsminister zu Gast

Am 6. Mai 1994 hieß es für die Bundeswehr in Ludwigsburg letztmalig antreten. Mit einem Großen Zapfenstreich am Abend auf dem Marktplatz verabschiedete sich die Armee aus der Stadt, welche aufgrund ihrer langen Militärgeschichte auch als „Schwäbisches Potsdam“ bezeichnet wurde. Die Bundeswehr selbst war hier 1956 eingezogen. Knapp 300 Soldaten, darunter die Ehrenformation des Fallschirmjägerbataillons 251 aus Calw und das Heeresmusikkorps 9 aus Stuttgart, bildeten den Rahmen des Abschiedsspektakels. Im Residenzschloss hielt der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe eine Rede und enthüllte am Arsenalplatz eine Gedenktafel für alle hier stationierten Soldaten.

Nach den Worten von Oberbürgermeister Hans Jochen Henke bedauerte man in der Stadt den Abzug, der auch für die US-Army galt. „Wir freuen uns nicht, dass Sie gehen. Über diesem Abschied liegt schon ein Schleier von Wehmut“, erklärte Henke. Die Bundeswehr zog in der Folge aus der Luitpold-Kaserne und der Jägerhof-Kaserne ab, wobei letztere anschließend mit Asylbewerbern belegt wurde.

Völlige Aufgabe des Standorts

Entscheidend für die Aufgabe des Standorts Ludwigsburg für die Bundeswehr war laut Albert Sting (Geschichte der Stadt Ludwigsburg, Band III) das damalige Prinzip, im Zuge der Verkleinerung der Bundeswehr Kasernen in Ballungsgebieten aufzugeben und in ländlichen Gebieten als hilfreichen Wirtschaftsfaktor zu erhalten. Ludwigsburg wurde in die Kategorie 4 eingeordnet, was die völlige Aufgabe des Standorts bedeutete.

Zunächst hatte noch Hoffnung bestanden, wenigstens das Kreiswehrersatzamt in der Eberhard-Ludwig-Kaserne zu behalten, so Sting, was sich 1994 dann aber auch zerschlug. Stattdessen wurde nun für den hiesigen Kreis das Kreiswehrersatzamt Stuttgart zuständig, das heute unter dem Namen „Karrierecenter der Bundeswehr“ firmiert. In Ludwigsburg blieb bis 2003 nur noch eine Wehrdienstberatungsstelle.

In der Stadt begann nach dem Ende des Garnisonstandorts die Zeit der Umwandlung (Konversion) der noch bestehenden militärischen Areale in eine zivile Nutzung, in der Regel durch Kauf der Flächen von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Auf dem Bundeswehrstandort Luitpoldkaserne entstanden Neubauten von Finanzamt und Polizeidirektion, auf dem Gelände des Kreiswehrersatzamts in der Eberhard-Ludwig-Kaserne baute die Firma Lotter 2016 eine Halle.

Aber auch schon in früheren Zeiten waren in Ludwigsburg nicht mehr genutzte Kasernen anderen Zwecken zugeführt oder auch abgerissen wurden. So ist beispielsweise die bis zum Ersten Weltkrieg vom Militär belegte Kanzleikaserne heute Teil des Rathauses. Die Wilhelmskaserne wurde nach dem Auszug des Militärs 1945 erst Flüchtlingslager, dann Postamt und Ladenstandort, ab 2007 Einkaufszentrum. Das Zeughaus wurde 1989 bis 1992 für das Staatsarchiv umgebaut, in die Mathildenkaserne zog 1993 die Filmakademie ein. Die Reinhardtkaserne, die bis 1992 von der US-Armee belegt war, wurde Domizil des Film- und Medienzentrums, die ebenfalls von den Amerikanern genutzte Flakkaserne wurde in jüngerer Zeit zum Wohngebiet. Albert Sting kommt in seiner Stadtgeschichte auf insgesamt 47 Militärareale in der Stadt.

Jägerhofkaserne als Abschluss

Letztes Kasernenareal in der Stadt, das sich in Konversion befindet, ist laut Sprecherin Meike Wätjen die Jägerhofkaserne. Diese wurde von der Wohnungsbau Ludwigsburg aufgekauft und wird zum Wohnquartier entwickelt. Ansonsten erinnern an die militärische Vergangenheit heute nur noch Denkmäler, historische Gebäude und das Garnisonmuseum im Asperger Torhaus, das mit Vorträgen und Ausstellungen die Militärgeschichte wach hält.