Ludwigsburg: Verfolgung der Gewerkschafter in der NS-Zeit im Blickpunkt

Dr. Peter Müller vom Staatsarchiv Ludwigsburg und Ingrid Hönlinger vom Förderverein Zentrale Stelle zeigen die neue Ausstellung.
/Martin KalbAm 29. Dezember 1938, um 16 Uhr, wurde Eugen Ochs nach vier Jahren Haft aus dem Ludwigsburger Zuchthaus „entlassen“. Freilich setzten ihn die Nationalsozialisten nicht auf freien Fuß, sondern überführten ihn als sogenannten Schutzhäftling in das Konzentrationslager Welzheim. Es folgten Internierungen in Dachau und Buchenwald.
Biografien wie der von Eugen Ochs will eine neue Ausstellung im Ludwigsburger Staatsarchiv gedenken, die sich dem Schicksal von Gewerkschaftern im Dritten Reich verschrieben hat. Die Ausstellung trägt den Titel „Seid wachsam, dass über Deutschland nie wieder die Nacht hereinbricht“ – ein Zitat eines Gewerkschafters in einem Konzentrationslager. Eigentlich handelt es sich dabei um eine Wanderausstellung der Gedenkstätte Sachsenhausen, die Studenten der Freien Universität Berlin schon vor längerem erarbeitet haben und die in den vergangenen 14 Jahren bereits in zahlreichen Städten Deutschlands zu sehen war, mit Akten des Ludwigsburger Staatsarchivs wurde sie nun zusätzlich um sechs Gewerkschafter-Biografien aus der Region Stuttgart angereichert.
Entschädigungsakten geben Aufschluss
Darunter jener Eugen Ochs, ein ehemaliges KPD-Mitglied, das aufgrund seiner Nähe zur Sozialdemokratie jedoch schon 1928 aus der Partei ausgeschlossen wurde und sich fortan in der sogenannten KPD-Opposition engagierte. Nach der Befreiung beteiligte er sich am Aufbau der Metallarbeitergewerkschaft in Stuttgart, später baute er in Ludwigsburg die Ortsverwaltung der IG Metall auf.
In den Beständen des Staatsarchivs ließ sich sein Schicksal anhand seiner Gefangenenpersonalakte und den Akten über Entschädigung nach dem Krieg zurückverfolgen. So sind in der Ausstellung neben Dokumenten der Gefängnisverwaltung auch ein Brief an seine spätere Frau Johanna Semmler, die ebenfalls im Widerstand aktiv war, sowie eine Karteikarte der Kriminalbiologischen Untersuchungsstelle beim Zuchthaus Ludwigsburg zu sehen. Die Nazis hatten auf diesem Weg versucht, Ochs als „erbkrank“ zu diagnostizieren, um seine dauerhafte Inhaftierung zu begründen.
Dr. Peter Müller vom Staatsarchiv Ludwigsburg erklärt, dass die politischen Gegner, darunter auch Gewerkschafter, direkt nach der Machtübernahme der Nazis in deren Visier gerieten. Am 2. Mai 1933 besetzten Mitglieder der SA und der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation in einer präzise vorbereiteten Aktion Büros, Banken und Redaktionshäuser der im Deutschen Gewerkschaftsbund organisierten Freien Gewerkschaften. Führende Funktionäre wurden in „Schutzhaft“ genommen, die Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt.
Ingrid Hönlinger vom Förderverein Zentrale Stelle, mit dem das Staatsarchiv für die Ausstellung kooperiert, sagt, dass sich die Akten der Zentralen Stelle über die Täter gut mit denen des Staatsarchivs zu den Opfern der Nazis ergänzten. Vor allem die Wiedergutmachungsanträge zur Entschädigung der Opfer enthalten teils umfangreiche Dokumentationen, erklärt Müller. Zwischen 65.000 und 70.000 davon lagern demnach im Staatsarchiv. Aktuell laufe ein Projekt zur Digitalisierung besagter Akten, das Interesse an diesen aus der Öffentlichkeit habe sich in den vergangenen Jahren stark gesteigert, berichtet Müller.
Sechs Biografien von Gewerkschaftern aus der Region
Neben den 16 Gewerkschaftern der Wanderausstellung und Eugen Ochs wurden fünf weitere Biografien aufbereitet. Darunter auch der Ludwigsburger Karl Kunde, der sich nach der Machtübernahme durch die Nazis dem kommunistischen Widerstand anschloss. Nach seiner Verhaftung wurde das Mitglied des Metallarbeitervebandes in das KZ auf dem Heuberg gebracht, ein halbes Jahr später entlassen, nur um kurz darauf erneut verhaftet zu werden. Nach seinem Aufenthalt in einem KZ bei Ulm gelang im schließlich die Flucht in die Schweiz, nach Frankreich und wieder zurück in die Schweiz. Nach Kriegsende kehrte er nach Ludwigsburg zurück und fand eine Anstellung bei den Stadtwerken.
