Ludwigsburg: „Mein Großvater, der Gestapochef“

Junge Männer bei einer Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai 1933. Der Zweite von rechts ist Helmut Dannel.
/BundesarchivMein Großvater war Gestapochef im KZ Sachsenhausen, die Familie hat in unmittelbarer Nähe des Lagers gewohnt.“ Die Vorstellung, dass Helmut Dannel als Leiter der politischen Abteilung von den Ermordungen im Lager nichts mitbekommen haben soll, hat Kristina Dannel schon als Jugendliche empört. Vor 21 Jahren hat die heute 60-Jährige aus Neugier in der Zentralen Stelle Ludwigsburg Akten über Helmut Dannel angefordert. Als ein ganzer Rollwagen voller Dokumente hereingerollt wurde, „war das ein Schock“, sagt sie. Dann machte sie sich an die Recherche. Dannel hat unzählige Fakten über ihren Großvater zusammengetragen und ist im Förderverein der Einrichtung engagiert. Am Sonntag, 10. Mai, dem Jahrestag der Bücherverbrennung, berichtet sie von 11 bis 12.30 Uhr bei einer Führung durch die Ausstellung „Die Ermittler von Ludwigsburg“ im Schorndorfer Torhaus am Beispiel ihres Opas über die Arbeit der Zentralen Stelle. Die BZ hat die Lehrerin im Vorfeld in Waiblingen getroffen.
„Kinder merken, wenn etwas zwischen den Zeilen gesagt wird“, sagt Dannel. So sei es auch ihr gegangen: „Die nationalsozialistische Familiengeschichte hat mich schon als Kind sehr stark interessiert“, erinnert sie sich. Der Vater schenkte ihr das Buch „Die Ermittlung“ von Peter Weiß. „Das habe ich als eine Art Auftrag erlebt“, sagt sie. Als Jugendliche haben sie jeden Film über das Dritte Reich angeschaut, zahllose Bücher darüber verschlungen, eine Klassenfahrt in ein KZ habe sie extrem belastet.
Doch mit ihren Fragen über das Dritte Reich stieß Kristina Dannel in der Familie auf Unverständnis. Der Großvater müsse unschuldig, wenn nicht gar ein Opfer der Umstände sein, schließlich sei er nicht verurteilt worden, hieß es. Damals habe sie darauf nicht angemessen reagieren können, sagt sie heute: „Doch das Unbehagen hielt an.“
Helmut Dannel starb 1995. Zwölf Jahre später wollte sich Dannel, inzwischen Mutter zweier Söhne, endlich der Vergangenheit ihrer Familie stellen: „Die subtilen und verdrängten Anteile mussten an die Oberfläche geholt werden“, sagt die Enkelin. Ein Prozess, der der Kindergeneration der Täter schwerer gefallen sei. „Ich wollte beweisen und belegen können, was mein Großvater tatsächlich gemacht hat: Mein Großvater war ein Mörder.“
Helmut Dannel, geboren 1910, war früh begeisterter Nationalsozialist. Er kam zur SA, wurde Polizist und machte bei der Geheimen Staatspolizei Karriere. 1938 stieg er zum Gestapo-Chef im Konzentrationshausen Sachsenhausen bei Berlin auf. Dort wurden Zehntausende ermordet.
Lügen und Rechtfertigungen
Nach dem Krieg wurde Dannel gefasst. Er hatte sich unter falschem Namen versteckt, doch Kristinas Großmutter, die sich nach zahlreichen Affären ihres Mannes hatte scheiden lassen, verriet ihn aus Rache. Juristisch gab es keine Konsequenzen für den Mann, der als Gestapochef auch für die Verhöre, Misshandlungen und Ermordungen von Häftlingen verantwortlich war. Nach dem Krieg wurde er immer wieder befragt, mehrfach selbst angeklagt, doch für eine Verurteilung reichte es nicht. Einmal scheiterte eine Anklage an der Verjährungsfrist, was seine Enkelin auch heute noch wütend macht: „Seine Aussagen sind durch Rechtfertigungen, Falschaussagen und Entschuldigungen gekennzeichnet“, sagt sie.
Obwohl sie keine richtige Beziehung mit ihrem Opa verband, hat „seine Geschichte viel mit mir als Person zu tun“. Denn er verhinderte, dass ihre Eltern ihr den Namen Rebecca gaben. Dieser sei „zu jüdisch“ fand Helmut Dannel. Seine Enkelin ist davon überzeugt, dass sie stattdessen nach der Schauspielerin Kristina Söderbaum benannt wurde, dem Prototyp der „arischen Frau“ im Dritten Reich.
Über 20 Jahre lang hat sie akribisch Belege für die Gräueltaten ihres Großvaters gesammelt wie etwa die Zeugenaussagen zum Tod von Häftling August Dickmann, einem Zeugen Jehovas, der keinen Wehrdienst ableisten wollte, weil es sein Glaube ihm verbot: Dannel forderte „die Exekution von Dickmann vor allen Bibelforschern als Abschreckung“.
„Eiskalt und berechnend“
„Dannel war seinem Typ nach kein Schläger. Er war jedoch eiskalt, berechnend und systematisch arbeitend“, schildert ein anderer politischer Häftling: „Am Schicksal der Häftlinge war er überhaupt nicht interessiert... Er war ein gefürchteter Mann.“
Bei ihren Forschungen sei sie anfangs wie getrieben gewesen. Unterstützt von ihrem Mann, erzählte sie ihren Kindern zwar von ihren Erkenntnissen, „doch sie müssen einen eignen Umgang damit finden“, sagt sie. Dannel war in vielen Archiven unterwegs, suchte ein Puzzleteil nach dem anderen. So fand sie im Ministerium für Staatssicherheit den Hinweis, dass Helmut Dannel auch Mitglied einer Einsatzgruppe in der Slowakei war.
Manchmal half ihr der Zufall wie ein historisches Telefonbuch, das im KZ Sachsenhausen ausgestellt und beim Buchstaben D aufgeschlagen war. So fand sie heraus, dass ihre Großeltern nur 200 Meter vom Krematorium entfernt gewohnt hatten. Ihre Forschungen, die sie ihrer Familie und der Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen zur Verfügung gestellt hat, füllen rund 300 Seiten.
Ihr Opa sei auch möglicherweise an einer Geheimdienstaktion beteiligt gewesen, bei der angebliche „polnische Überfälle“ auf Deutsche mit verkleideten Häftlingen des KZ inszeniert worden seien. Diese wurden später erschossen. Seine Enkelin hat Hinweise darauf gefunden, dass Helmut Dannel die Häftlinge ausgewählt hat.
1942/43 arbeitete er im Gestapogefängnis und Arbeitserziehungslager Kiew und habe sich dort auch an Massenerschießungen von Juden beteiligt, ist sie sich sicher. Sie ist überzeugt, dass er auch bei der „Aktion 1005“ dabei war oder zumindest davon gewusst hat. Damals verbrannten die Deutschen nachträglich Leichen aus Massengräbern, um das Ausmaß ihrer grausamen Taten vor den Russen zu verschleiern. Wenn auch aus Angst vor deren Reaktionen, sei ihnen doch klar gewesen, „dass sie Unrecht getan haben“, sagt Kristina Dannel. Doch sich wirklich der Verantwortung für ihre Taten zu stellen, „darin hat die deutsche Bevölkerung damals kollektiv versagt“, sagt sie.
„Sie müssen sich nicht schämen“
Die Karriere von Helmut Dannel sei für die Familie mit einem sozialen Aufstieg in die privilegierte SS-Gemeinschaft verbunden gewesen: „Dazu zählten ein eigenes Haus, Bequemlichkeiten wie Lagerhäftlinge, die die lästige Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen mussten, kranke Kinder wurden zum Lagerarzt gebracht, löchrige Schuhe ins Schuhwerk im Lager“, sagt sie.
Kristina Dannel hat sich viele Jahre für die Taten ihres Großvaters geschämt. An ausländischen Gedenkstätten wollte sie nicht als Deutsche erkannt werden. Bei der Begegnung mit KZ-Überlebenden habe sie gedacht, diese könnten ihre Ähnlichkeit mit ihrem Großvater erkennen. Doch die Menschen hätten sie mit ihrer Haltung überrascht: „Sie müssen sich nicht schämen, sie können nichts für ihren Großvater“, sagten sie zu ihr, „es ist toll, dass sie mit ihrer Arbeit an uns erinnern und uns eine Stimme geben.“
Die Reaktionen von Freunden und Familie auf ihre Forschungen seien auch positiv ausgefallen. Der eine oder andere habe das Buch, das nicht öffentlich erschienen ist, zwar durchgeblättert, sie aber nicht weiter darauf angesprochen. Am meisten enttäuscht hat sie aber, dass ihr Vater, von dem sie einst den „Arbeitsauftrag“ übernommen hat, gar nicht darauf reagiert habe. Dennoch macht Kristina Dannel weiter. Ihre Fremdscham ist einem Verantwortungsgefühl gewichen. Sie engagiert sich in den Fördervereinen der Zentralen Stelle und im KZ Sachsenhausen, übernimmt Führungen, hält Vorträge. Sie ist überzeugt: „Die Erinnerung an die Vergangenheit wach zu halten ist angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen heute wichtiger denn je.“