Ludwigsburg: IHK Jahresempfang: „Geld allein reicht nicht“

Von links: Geschäftsführerin Sigrid Zimmerling, Präsident Axel Kunkel und sein Stellvertreter Jens Kenserski beim Jahresempfang der IHK Region Stuttgart in Ludwigsburg.
/Martin KalbEin weiter wie bisher darf es nicht geben“, ist man sich bei der IHK sicher. Beim Jahresempfang im Ludwigsburger urbanharbour am vergangenen Montag stand für Präsident Axel Kunkel und die leitende Geschäftsführerin Sigrid Zimmerling fest, dass „die neue Bundesregierung die strukturellen Verkrustungen in diesem Land endlich angehen“ müsse, „ein mutiges Reformpaket“ solle geschnürt werden.
„Lediglich 14 Prozent der hiesigen Unternehmen wollen mehr investieren, 44 Prozent planen weniger. Das ist doch ein deutliches Alarmzeichen“, zitierte Kunkel aus dem Jahresbericht – bessere Rahmenbedingungen finden Unternehmen sogar in wirtschaftlich starken Ländern wie der Schweiz. „Geld allein reicht nicht“, warnte er , das geschnürte Milliardenpaket könne jedoch ein „wichtiger Impuls“ sein.
Die IHK, stellte Zimmerling dann klar, suche den Dialog, in der Überzeugung: „Ohne verbindliche und zuverlässige Informationen wird die Grundlage für jegliche stabile Beziehungen zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zerstört.“
Neue Form des Autoritarismus
Damit war der Bogen gespannt zur sich anschließenden Paneldiskussion: Medien und Demokratie waren das Thema: Andreas Möller hatte dazu einige Fragen an Makrosoziologen Steffen Mau, Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen und Annette Binninger, die Chefredakteurin der Sächsischen Zeitung.
Etwa zu dem, was man gerade in den USA beobachte. „Man muss anerkennen, dass die Situation ernst ist“, sagte Pörksen. Er sprach von einer „neuen Form des Autoritarismus“. Er selbst erinnert sich noch an die Hippie-Gründerszene vor vielen Jahren im Silicon Valley, wo man neue Kommunikation ohne Schranken erfand – ganz anders sei heute Elon Musk. Man habe es mit einer „Art von Kulturkampf“ zu tun, einem ideologisch-politischen Projekt, in dem Steve Bannon die „Feinde“ schon vor langem nicht als die politische Gegenseite definierte – sondern als die Medien.
Klimaschutz als Triggerpunkt?
In Anspielung auf seinen Buchtitel wurde Mau dann gefragt, ob die „Massivität, mit der das Thema Klimaschutz reingedrückt wurde, auch ein Triggerpunkt“ sei. Der Experte widerspricht: Relevanz von Klimaschutz und auch die Effektivität von Wärmepunkten seien eigentlich kaum umstritten – „meistens sind Triggerthemen völlig abseitige und abwegige Themen.“
Viele Menschen bejahten in Umfragen auch ihre Offenheit für sexuelle Minderheiten – wenn in Schwimmbädern aber ein separater Bereich für Transpersonen geschaffen werde, wecke das Ungerechtigkeitsgefühle. „Die Glaubwürdigkeit, dass sich mit der eigenen Stimme bei der Wahl etwas ändert, dass Themen angegangen werden, sinkt rapide“, stellte Chefredakteurin Binninger fest – das mache Sorgen.
Die Wirtschaft spiele bei dem ostdeutschen Gefühl des nicht-gesehen-Werdens eine enorme Rolle. Alle fünf Jahre habe man dem Osten die Ansiedlung eines DAX-Unternehmens versprochen – und bei Milliardeninvestionen Dankbarkeit erwartet. Die Westdeutsche, die nun in Dresden lebt und arbeitet, mahnt zu Differenzierung bei der Bewertung von Wahlergebnissen: die Leute wählten nicht einfach nur „blau“. Im Diskurs zu bleiben sei entscheidend, weshalb bei Diskussionsrunden ihrer Zeitung auch immer die AfD mit dabei sei.
„Die Angleichserwartung war völlig naiv“, blickt auch Mau auf die Wende zurück. In fast jedem Land gebe es die geografisch-kulturellen Differenzen.
Programmierte Ungeduld
Helfe Zeitunglesen gegen die Polarisierung? Eigentlich sei man ja ganz gerne in seiner „eigenen Wunschwelt“, befürchtet Pörksen, und das „mit mächtigem Filter“. Die im Silicon Valley erfundene „Programmierung der Ungeduld“, die einen zu Handys und sozialen Medien ziehe, sei erfolgreich. „Genauer hinschauen und um Nuancen ringen“, fordert er für den Diskurs: Es sei Zeit für einen „Abschied vom Diskurs-Alarmismus“, hin zu der Frage: „In welcher Welt ist das, was der andere sagt, gut und schön?“