Ludwigsburg: Helferin gegen alltägliche Barrieren

Die künftige Architektin Amelie Hofer an ihrem Arbeitsplatz im Landratsamt Ludwigsburg.
/Oliver BürkleEigentlich hatte ich mich damit abgefunden, dass ich eben nicht einfach so einen Nebenjob machen kann. Das war nicht organisierbar, da ich selbst Assistenz brauche“, erzählt Amelie Hofer. Die 25-Jährige aus Marbach studiert Architektur an der Universität Stuttgart und bereitet gerade ihren Masterabschluss vor. Assistenz benötigt sie, weil sie an spinaler Muskelatrophie erkrankt ist – einer Krankheit, die Nervenzellen im Rückenmark absterben lässt und wegen derer sie seit ihrem dritten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt.
Dann hat es eben doch geklappt mit einem Nebenjob während des Studiums: Vier Stunden pro Woche arbeitet Amelie Hofer als Assistentin für Claudia Lychacz, die Behindertenbeauftragte im Landratsamt. Wie das kam? Bei einer Fortbildung zu barrierefreiem Planen lernten sich Lychacz und Hofer kennen, sie kamen ins Gespräch und wenig später fragte Claudia Lychacz sie, ob sie sich eine Assistenz vorstellen kann. Claudia Lychacz benötigt bei ihrer Arbeit nämlich auch Assistenz, da sie blind ist.
„Das war am Anfang spannend zu sehen wie Claudia arbeitet. Ich musste mich auch erst einmal herantasten, wo sie Unterstützung benötigt“, erinnert sich Amelie Hofer. Damit spricht sie ein Thema an, das sie aus eigener Erfahrung gut kennt, denn was man selbst schafft, möchte man auch nicht abgenommen bekommen.
„Fachwissen ist Gold wert“
Für Claudia Lychacz ist Hofers architektonisches Fachwissen in Kombination mit ihrem Fokus auf das Thema Barrierefreiheit eine wichtige Fähigkeit: „Du beschreibst mir zum Beispiel ganz anders Gegebenheiten im Gelände oder auf Plänen. Das ist Gold wert“, lobt Lychacz ihrer Assistentin.
So selbstverständlich die beiden mit ihren Behinderungen zusammenarbeiten, so häufig erleben sie auch, dass das Verständnis für dieses inklusive Arbeitsverhältnis fehlt. „Wir sind beide sehr darauf bedacht, auch darauf zu achten was die andere braucht. Das läuft gut. Irritationen gab es eher auf anderer Seite. Ich habe kein Problem damit, meiner Assistentin zu assistieren“, lächelt Lychacz und zeigt wie bei ihnen diese Teamarbeit aussieht: Hofer positioniert die Dokumente unter dem Tacker, Lychacz hilft beim Zudrücken.
„Ich habe Amelie nicht wegen ihrer Behinderung eingestellt, sondern wegen ihrer Fähigkeiten“, betont Lychacz. Im November wird Amelie Hofer ihre Masterarbeit abgeben und dann werde sie sich nach einer Stelle als Architektin umsehen. Die ewigen Vorurteile, wie eine Architektin im Rollstuhl denn ihren Job leisten könne, wenn sie nicht auf die Baustelle kommt, wischt sie gekonnt beiseite: „Dass die Architektin alles macht vom Planen bis zur Bauaufsicht, ist ein sehr veraltetes Berufsbild. Es gibt genügend Stellen, bei denen die Hauptaufgabe in der Planung liegt, man also im Büro sitzt.“ Doch auch die Arbeit in Lychacz’ Büro mache ihr viel Spaß, denn es sei so vielseitig, was an Aufgaben bei der Behindertenbeauftragten des Landkreises lande. „Ich habe wahnsinnig viel dazugelernt und mitbekommen was es alles für spannende Projekte im Kreis gibt“, so Hofer.
Inklusion betrifft komplettes Leben
Inklusion betreffe eben das komplette Leben und da seien die Arbeitsaufgaben dann auch sehr breit gefächert. Amelie Hofer zeigt deutlich, dass sie sich durch die nicht-inklusiven Strukturen nicht aufhalten lässt. „Als ich mich für mein Architekturstudium einschrieb, erfuhr ich von meiner Sachbearbeiterin, dass ich die erste Studentin mit Behinderung aus dem Kreis bin, die sich für dieses Studium einschreibt.“
Schnell merkte sie auch wo sich für sie Hindernisse auftaten, weil sie einfach nicht mitgedacht wurde: Von baulichen Barrieren im Unigebäude, über fehlende Assistenzbewilligung für ein Praktikum im Rahmen des Studiums, bis zu vielem Hin und Her, um den Umbau eines Autos zu erhalten, um eigenständig unterwegs zu sein. Doch geschafft hat sie alles. „Natürlich nervt es mich, wenn ich ständig darum kämpfen muss, dass ich das machen kann, was Menschen ohne Behinderung ganz selbstverständlich machen können, aber da muss ich dann eben durch“, sagt Hofer.
Lychacz nickt und erinnert sich an eine Geschichte: „Wir waren zur Begehung eines Gebäudes, dass umgebaut werden soll, eingeladen, um mit anderen zu besprechen, was im Rahmen der Barrierefreiheit wichtig ist, doch leider kamen wir nicht ins Gebäude, da es am Eingang Stufen gab, über die Amelie nicht kam. Ich wollte nicht ohne Amelie ins Gebäude.“ Zu allem Überfluss regnete es auch noch und die Teilnehmer, die konnten, standen unter einem Dach und wollten von dort aus besprechen. Doch Lychacz weigerte sich. „Ich erklärte: Entweder wir stehen alle im Regen oder es gibt keine Besprechung.“ Gesagt getan, denn auch darum gehe es bei der Inklusion: Gleiche Bedingungen für alle.
Für Amelie Hofer ist Inklusion dann erreicht, wenn man nicht mehr in barrierefrei und nicht barrierefrei unterscheiden müsse. „Wenn man sich auf Augenhöhe begegnet und die Behinderung kein Diskussionspunkt mehr ist.“