Ludwigsburg: Hebammenstudium: „Die Geburt ist für mich einfach immer noch – wow“

Studienkoordinatorin Anja Tieg (von links) und die beiden Hebammenstudentinnen Lea Engelhardt und Susanne Frey kennen sich im Kreißsaal im Klinikum Ludwigsburg aus.
/Martin KalbDas Studium war für mich gar kein Grund. Eigentlich wollte ich nicht studieren, aber Hebamme wollte ich werden. Das stand fest“, sagt Lea Engelhardt. Die 21-Jährige ist in ihrem dritten Studienjahr. Ab Oktober beginnt ihr letztes Semester, in dem sie dann auch ihre Prüfungen absolviert.
Am 1. Januar 2020 trat das Hebammenreformgesetz in Kraft. Seit dem ist die Ausbildung zur Hebamme ein Regelstudiengang. Die akademische Ausbildung findet in einem dualen Studium statt. Die Akademisierung des Hebammenberufs bringt viele Vorteile mit, weiß Studienkoordinatorin Anja Tieg. Sie betreut gemeinsam mit einer Kollegin die Hebammenstudentinnen am Klinikum Ludwigsburg.
„Durch das Studium können die Hebammen nun auch europaweit arbeiten. Außerdem können Hebammen in die Forschung gehen und dann auch im Bereich der Frauengesundheit neue Forschungen beginnen“, erklärt Tieg. Das sei dringend notwendig gewesen. Denn bisher habe man viel auf Studien aus den Niederlanden und aus Skandinavien zurückgreifen müssen, da es in Deutschland bisher kaum Studien zur Frauengesundheit gab. „Die Gesundheitssysteme sind einfach so unterschiedlich, da ist es dann schwierig, die Daten der Studien auf Deutschland zu übertragen“, so Tieg.
Ein Drittel mehr Studienplätze
Seit Einführung des Studiums hat bereits ein Studienjahrgang den Abschluss gemacht. Durch die Akademisierung sei auch die Zahl der studierenden Hebammen gestiegen: Im Vergleich zur Ausbildung gebe es jetzt am Klinikum Ludwigsburg rund ein Drittel mehr Studienplätze als es Ausbildungsplätze gab.
„Im ersten Semester schaut man ganz viel zu. Es ist so spannend zu sehen, wie jede Frau ihren ganz eigenen Weg hat mit den Schmerzen umzugehen. Wenn ich bei einer Geburt dabei sein darf, dann nehme ich alles auf und denke noch keine drei Schritte weiter“, sagt Susanne Frey und lacht. Sie beginnt im Oktober ihr drittes Semester.
Frey hätte auch eine Ausbildung zur Hebamme gemacht, doch nach zwei Semestern sehe sie nun auch die Vorteile eines Studiums: „Gerade beim Thema Medikamentengabe, kann man jetzt viel mehr das Ganze hinterfragen: Ergibt dieses Medikament in dieser Situation wirklich Sinn?“ Dass man im Studium lerne, Studien richtig zu lesen und zu deuten, sei gut, findet Kommilitonin Engelhardt, denn das gebe auch eine gewisse Sicherheit im Kreißsaal, auch im Umgang mit den Arztkollegen. In gewisser Weise könne man sagen, dass das Studium eine Emanzipation der Hebammen auch im Kreißsaal bedeutet. „Da kommt dann auch schon mal die Frage, auf welcher Studienlage diese Entscheidung beruht“, sagt Studienkoordinatorin Tieg und schmunzelt. Doch der Austausch mit den Ärztinnen und Ärzten im Klinikum sei positiv: „Die Kollegen interessieren sich sehr für die Inhalte, die die Studentinnen nun mit in den Kreißsaal bringen.“
Vertrauen in den eigenen Körper
Für Lea Engelhardt steht bereits fest, dass sie nach dem Studium als Hebamme arbeiten möchte und nicht in die Forschung geht. Sie habe Freude an der Arbeit mit den Frauen: „Die Geburt ist für mich einfach immer noch – wow.“ Es sei faszinierend zu sehen, was der weibliche Körper alles kann.
Auch Susanne Frey ist fasziniert von der Stärke des weiblichen Körpers, die sie in ihrem Studium kennengelernt hat. „Man bekommt ein viel größeres Vertrauen in den eigenen Körper, wenn man sieht, wozu er bei einer Geburt fähig ist“, sagt Frey. Sie wisse noch nicht, wohin es nach dem Studium gehen soll, denn sie findet sowohl die Arbeit mit den Frauen spannend als auch die Forschung.
Worin sich Tieg und die beiden Studentinnen einig sind, ist, dass sie hoffen, dass durch das Hebammenstudium die Vorsorgearbeit mehr bei den Hebammen selbst sein werde. „Bis auf den Ultraschall dürfen Hebammen alle Untersuchungen bereits machen. Damit könnten wir die Frauen auch besser für die Geburt briefen“, sagt Engelhardt. Im Geburtshaus habe sie erlebt, was eine solche Sicherheit bei der Geburt ausmache.
Anderes Vertrauensverhältnis
„Wenn man eine Frau so lange begleitet, können bestimmte Diagnosen auch leichter gestellt werden, wie zum Beispiel bei postnatalen Diagnosen“, sagt Frey. Durch eine längere Betreuungszeit bereits in der Schwangerschaft, entstehe ein anderes Vertrauensverhältnis.
Auch Studienkoordinatorin Tieg ist gespannt, wohin das Hebammenstudium die Berufsgruppe noch führen werde. Eine Studentin habe bereits angekündigt, dass sie in die Forschung gehen möchte. Für Tieg steht auch im neuen Studienjahr wieder die organisatorische Feinjustierung im Vordergrund: „Wie holen wir das Optimale heraus, auch durch andere Lernformate wie Gruppenarbeit, und wo können wir die Studentinnen auch entlasten?“ Denn das Stresslevel sei schon auch sehr hoch.
Für die Hebammenstudentinnen sei das aber nur eine Nebenerscheinung, denn sie kommen durch das Studium zu dem Beruf, denn sie „einfach machen wollen“.