Langzeitarbeitslose während Corona
: Vergessene Verlierer der Pandemie

Auf der Karlshöhe bekommen Menschen, die für den Arbeitsmarkt verloren scheinen, eine zweite Chance. Durch die Pandemie werden viele Bemühungen wieder zerstört.
Von
Gabriele Szczegulski
Ludwigsburg
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Jessica Kunze ist froh, dass sie derzeit in den Gärten der Karlshöhe arbeiten kann. ⇥

Michael Handrick

Jessica Kunzes Stimme bricht, wenn sie über ihre Ängste in der Corona-Pandemie spricht. „Ich bekomme Panik, wieder ewig, wie im ersten Lockdown, zu Hause sitzen zu müssen, alleine zu sein“, sagt sie. Die 31-Jährige ist eine sogenannte Langzeitarbeitslose, schwer auf dem Arbeitsmarkt vermittelbar.

Auf der Karlshöhe, im Geschäftsbereich Technik und Arbeit wird sie seit einigen Jahren betreut, nimmt an Kursen, Wiedereingliederungen und anderen Maßnahmen teilt. Seit Februar gärtnert sie in der Grünen Gruppe. „Da werde ich gebraucht, das macht Spaß, und ich mache etwas Sinnvolles“. Die Grüne Gruppe ist eines von mehreren Projekten, langzeitarbeitslose Menschen zu beschäftigen und wieder dem Arbeitsmarkt zuzuführen. Jessica Kunze ist froh, dass sie arbeiten kann, während ihr Bruder, der in der Küche der Karlshöhe beschäftigt ist, seit Wochen zu Hause sitzt und „massive psychische Probleme“ hat, wie sie sagt.

230 Teilnehmer mit „multiplen Vermittlungshemmnissen“, so erklärt Gerhard Stoll, Leiter des Bereichs Arbeit, werden jährlich betreut. Sie haben Schwierigkeiten, sich sozial zu integrieren, haben psychische oder körperliche Handicaps, waren obdachlos, haben keine Ausbildung oder sind für den ersten Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar und werden vom Jobcenter in wiedereingliedernden Maßnahmen auf der Karlshöhe betreut, wie beispielsweise Alleinerziehende.

Jessica Kunze will arbeiten, aber es fällt ihr schwer, einen festen Job, den sie möchte, zu bekommen. Es fing alles damit an, dass sie die Prüfung in ihrer Ausbildung als Verkäuferin bei einem großen Lebensmitteldiscounter nicht schaffte, dafür gemobbt wurde, psychische Probleme bekam und seither arbeitslos ist. „Das ist dann ein Teufelskreis, die Menschen schämen sich, gehen nicht mehr aus dem Haus und haben keine Alltagsstruktur und keine sozialen Kontakte. Und ihr Selbstbewusstsein ist gleich Null“, sagt Gerhard Stoll. In den Maßnahmen der Karlshöhe sollen sie „durch Beratung und Arbeit wieder aktiviert werden“, so Stoll. Sie werden je nach individueller Begabung eingesetzt, nehmen aber auch an Kursen teil, in denen ihre Probleme thematisiert werden.

Die Corona-Pandemie und der Lockdown haben der Arbeit von Stoll und den 72 Mitarbeitern des Geschäftsbereichs Arbeit und Technik in vielem einen Strich durch die Rechnung gemacht. Schon im ersten Lockdown fielen Kurse aus, viele Menschen konnten nicht kommen, um zu arbeiten, vor allem die, die im sozialen Bereich oder in der Küche arbeiten. Der persönliche Kontakt fiel fast komplett aus. Und auch jetzt, ein Jahr später, ist die Situation immer noch schwierig. Kurse und der Kontakt wurden zwar auf digitale Angebote umgestellt, es wird viel telefoniert, aber: „Das ist eine große Herausforderung“, sagt Stoll. Denn oft fehlt das Geld für die technische Ausstattung oder zum Bezahlen der notwendigen Telefonrechnung, wenn das Kind am Handy Hausaufgaben machen muss. „Mittlerweile haben wir einen Fonds von der Diakonie, mit dem wir dringend Benötigtes kaufen können“, sagt Stoll. Zum Beispiel Masken. „Wenn jemand 17 Euro für die Gesundheit ausgeben kann, dann sind Masken, die sechs Euro kosten, eine Menge Geld.“

Für Menschen, denen es sowieso schwer fällt, Kontakte zu knüpfen, ihren Alltag zu beherrschen und die dabei Hilfe brauchen, die sie momentan nicht bekämen, sagt Stoll, ist der Rückfall in alte Muster vorprogrammiert. Süchte kommen wieder zum Vorschein, Depressionen und Panikattacken sind wieder da. „Wir fangen dann wieder bei Null an“, so Stoll. Deshalb haben er und seine Mitarbeiter begonnen, persönliche Besuche zu machen, die im ersten Lockdown untersagt waren. Beratungsstellen sind schwer erreichbar. Praktika bei Betrieben werden derzeit auch nicht vergeben, Jobs zu bekommen ist für gehandicapte Menschen noch schwieriger, vor allem da sie meist in den Bereichen arbeiten, die sehr von der Pandemie betroffen sind, wie die Gastronomie.

Hürden werden höher

„Diese Menschen fallen derzeit durch das soziale Netz, die Hürden für sie werden immer höher“, sagt Stoll. Für ihn werden sie zu den großen Verlierern der Pandemie gehören, „aber welche, die schnell vergessen sind“. Verlierer seien sie auch, weil die Pandemie den sogenannten zweiten Arbeitsmarkt schwächen wird, auf dem es gerade für schwer vermittelbare Menschen staatlich geförderte Jobs gibt. Stoll hat bemerkt, dass durch diese Begleiterscheinungen der Pandemie seine Klienten „sich wie vergessen fühlen, das Selbstbewusstsein schwindet. Sie fühlen sich alleine gelassen“.