Lange Nacht der Inklusion in Ludwigsburg
: Einander verstehen lernen

Die gut besuchte „Lange Nacht der Inklusion“ ermöglicht den Austausch zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Organisatoren stellten am Samstag in Ludwigsburg ein vielfältiges Bühnenprogramm zusammen.
Von
Petra Neset-Ruppert
Ludwigsburg
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Natürlich traten bei der „Langen Nacht der Inklusion“ im Reithaus auch die Lokalmatadoren auf: Die Brenzband ist im Kreis bekannt.

/Martin Kalb

Inklusion darf nicht beschönigt werden. Sie muss echt bleiben“, sagte Antonio Florio, Inklusionsaktivist aus Tamm im Gespräch mit Hülya Marquardt und Florian Sitzmann. Marquardt und Sitzmann moderierten am Samstag die „Lange Nacht der Inklusion“ im gut besuchten Reithaus in Ludwigsburg. Zum ersten Mal nach zwei Jahren rein virtueller Feier konnte man sich an diesem Abend wieder in Person begegnen und einander kennenlernen. 

„Nach all den gemeinsamen Treffen im Netzwerk Inklusion und all den Aufregungen platze ich vor Begeisterung und Stolz“, sagte Silke Rapp vom Verein Tragwerk, die die Inklusionsnacht gemeinsam mit dem Scala organisiert hat. Bei den Vorbereitungen kooperierten das Scala und der Verein Tragwerk mit dem Netzwerk Inklusion und legten den Schwerpunkt des Abends auf die Musik. „Endlich konnten alle wieder proben und singen und gemeinsam musizieren“, so Rapp. Die Chöre „Einfach Singen“ aus Sachsenheim und der „Miteinander Chor“ animierten zum Mitsingen. Als die Brenzband auftrat, hielt es manch einen Zuhörer nicht mehr auf dem Stuhl, es wurde gleich mitgetanzt.

Einen Sinn abgeben

Gegenüber der Bühne war das Inklusionslabor aufgebaut, an dem Besucher am „Sinnlosrad“ einen ihrer Sinne abgeben konnten und dann einen Parcours meistern mussten. Wie fühlt es sich an wenn man nur noch ein eingeschränktes Sichtfeld hat und dann ein Glas Wasser sicher auf einem Tisch abstellen muss? Kann ich mit einem Rollstuhl über eine kleine Kabelrampe fahren, ohne das Wasserglas zu verschütten? All das konnten die Besucher selbst erfahren und damit erleben, wie es sich für Menschen mit Behinderung anfühlt, wenn man sich durch den Alltag einer Stadt navigieren muss.

Mit Rat und vielen Tipps standen auch Johanne Hommel und Steffen Gödecke den Labortestern zur Seite. Die 37-Jährige fuhr ihren elektrischen Rollstuhl geschickt an den Hütchen vorbei, um immer wieder zu erklären, wie man denn nun am besten die Rampe bezwingt – gar nicht so einfach, denn umkippen kann man ganz schnell, wenn man mit zu viel Schwung an die Sache heranging. Als der Parcours gemeistert war, verriet Johanne Hommel: „Das war mein Rollstuhl, den du gerade ausprobiert hast. Ich fahre meistens mit meinem elektrischen, damit komme ich besser zurecht.“ Und schon war man mitten im Gespräch und lernte sich kennen.

Spontanität ist schwierig

Johanne Hommel arbeitet in Bietigheim im Büro der Theo-Lorch-Werkstätten und lebt in einem Wohnangebot der Initiative Insel in Ludwigsburg. Sie erzählte wie sich ihr Alltag unterscheidet: Gerade die Spontanität sei schwierig, wenn man auf Hilfe angewiesen sei. „Ich muss einen Monat vorher Bescheid geben, wenn ich mal länger ausgehen will, das muss ja auch über die Dienstpläne koordiniert werden.“ Sie hat Verständnis, dass die Pflegekräfte das ins Bett bringen organisieren müssen. Bei der Inklusionsnacht gehörte auch dieses Thema zur Planung: Fahrdienste und Helfer wurden bereits vorab organisiert. Zudem gab es Gebärdendolmetscher und ein Inklusionslivestream mit Untertiteln wurde parallel gesendet, für die, die nicht vor Ort sein konnten.

Die „Lange Nacht der Inklusion“ gefiel der Hommel sehr gut. Sie freute sich, dass so viele den Parcours ausprobierten. „Die Kinder tun sich tatsächlich leichter. Sie probieren es einfach aus, während die Erwachsenen eher ängstlich an die ganze Sache rangehen“, amüsierte sich Hommel. Der 37- Jährigen ist es wichtig, dass gerade auch Kinder schon früh an das Thema Behinderung herangeführt werden, damit sie Inklusion nicht erst erlernen müssen, sondern einfach leben können. „Ich erkläre ihnen gerne, was mit mir ist, dann ist es für sie leichter damit umzugehen.“ Auch Steffen Gödecke erzählte offen von seiner Beinamputation und wie sich sein Leben verändert hat. Schnell waren im Gespräch Gemeinsamkeiten gefunden und manch Einer verplauderte das Bühnenprogramm auf der anderen Seite des Saals, bei dem man bis 23 Uhr auch Rollstuhltanz und inklusives Yoga sehen konnte.

Bedauern raubt Energie

Aber genau darum ging es an diesem Abend auch: Einander begegnen, kennenlernen, sichtbar werden. Für die kommunale Behindertenbeauftragte des Kreises Claudia Lychaz ist genau das der Schlüssel zur Inklusion: „Das Bedauern darüber, dass wir mit der Inklusion noch nicht so weit sind hält auf und raubt Energie. Da ist es doch viel besser, wenn man hier miteinander eine gute Zeit hat und sich verstehen lernt.“