Landkreis Ludwigsburg
: Medienbildung ist „absolut notwendig“

Seit diesem Schuljahr wird der neue Fächerverbund „Informatik und Medienbildung“ in den fünften und sechsten Klassen unterrichtet. Bildungsplan gibt es noch keinen.
Von
Gabriele Szczegulski
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Lehrer Hannes Barthruff unterrichtet in der Klasse 5b der Realschule im Aurain in Bietigheim-Bissingen im Computerraum das Fach Informatik und Medienbildung. Er zeigt die Grundlagen am PC inklusive Tastaturkurs.

/Martin Kalb

Achim Salomon, Schulleiter des Alfred-Amann-Gymnasiums in Bönnigheim, fasst zusammen, was alle verantwortlichen Lehrer sagen: „Die neue Fächerverbindung Informatik und Medienbildung ist absolut notwendig.“ Seit diesem Schuljahr bekommen Fünft- und Sechstklässler eine Stunde zusätzlichen Unterricht in dem neuen Fach, dann soll es sukzessive in allen Klassen bis Klasse 10 oder 11 in Gymnasien etabliert werden. Es sei „eines der wichtigsten Fächer“, sagen Katja Welz und Hannes Barthruff aus der Realschule im Aurain. Maja Abrahams von den Ellental-Gymnasien Bietigheim-Bissingen betont, dass nun vor allem die Medienbildung nicht mehr „so nebenbei“ im Unterricht behandelt werden muss. Schließlich, so sagt sie, „ist das das Leben, ohne Mediennutzung geht heute gar nichts und wir sollten sie nicht verteufeln, sondern den Schülern und Schülerinnen den Umgang erklären und zeigen, wo die Risiken liegen, aber auch, wo die Nutzung eine Chance ist“.

Der neue Fächerverbund sieht vor, Informatik, also die Grundlagen digitaler Medien, den Umgang am PC oder Smartphone bis hin zu Algorithmen und Programmierung, aber auch den Umgang mit KI wie ChatGTP und die Medienbildung zumindest in den ersten beiden Jahren ineinander übergreifend zu unterrichten. „Hier geht es um Grundlagen“, sagt Welz.

Medienbildung – das ist vor allem der Umgang mit dem Internet, mit Social Media, mit Messenger-Diensten wie Whatsapp. „Die wenigsten wissen“, so Abrahams, „dass ein Whatsapp-Kanal erst ab 14 Jahren erlaubt ist“. „Leider kontrolliert das auch keiner, was uns zum Thema Datenschutz bringt, das auch ein wichtiger Punkt in der Medienbildung ist“, so Salomon.

Fokus auf die Nutzungszeit am Bildschirm oder Smartphone

Etikette, Umgang und Ton im Internet oder in Nachrichten sind weitere Themen der Medienbildung. Das Recht am eigenen Bild erstaunt die Kinder – dass sie nicht einfach Fotos teilen können, ohne die Einwilligung des Abgebildeten zu haben. „Die Bildschirmzeit und wie die digitalen Medien genutzt werden, steht bei uns in Klasse 5 im Fokus“, sagt Salomon.

Er zeigt seinen Schülern eine Studie eines Neurowissenschaftlers der Universität Ulm, der herausgefunden hat, dass 30 bis 45 Minuten Medienzeit am Tag in Ordnung seien. Mehr führe zu einer negativen Entwicklung des Gehirns. „Unsere Schüler waren überrascht, als wir ihnen zeigten, wo sie ihre Zeit dokumentiert sehen, wie viel sie tatsächlich am Smartphone sitzen.“ Katja Welz bescheinigt, dass die Eltern mehr und mehr bewusster auf die Handynutzung ihrer Kinder achten. „Viele Fünftklässler haben kein Handy zum Surfen, nur zum Telefonieren. Viele haben sogar nur eine Smartwatch, mit der sie nur telefonieren oder Mails empfangen können, viele Eltern limitieren mittlerweile die Zeit“, weiß sie.

„Was momentan noch schwierig ist, ist die Benotung“, so Salomon. Deshalb wird in den meisten Schulen ein Wissenstest durchgeführt und eine Power-Point-Präsentation am Ende des Schuljahrs: „Es ist ein maßgebliches Fach, für das es Noten gibt, aber wie soll man Medienbildung benoten?“

PC-Kenntnisse der Schüler und Schülerinnen sind bei null

„Wir fangen bei null an bei den Fünftklässlern, was den PC betrifft“, sagt Katja Welz von der Realschule im Aurain in Bietigheim-Bissingen. Damit meint sie die Grundlagen der PC-Kenntnisse der Schüler und Schülerinnen – und auch das bestätigen Salomon und Abrahams. „Die Schüler kennen sich gut mit dem Smartphone aus, surfen in sozialen Medien und spielen Spiele, wissen aber nicht, wie man eine Tastatur bedient oder Ordner anlegt“, so Welz. In den Schulen wird deshalb mit den Grundlagen begonnen: Wie starte ich einen PC, wie gestalte ich mein Passwort, wie bediene ich die Maus? „Es ist erstaunlich, dass viele Schüler noch nie an einem PC saßen, nicht wissen, wie mache ich Großbuchstaben oder was bedeutet die Enter-Taste“, sagt Welz.

Die Gymnasien in Bietigheim-Bissingen arbeiten mit dem Programm IServ, der digitalen Schulplattform, die die komplette Schulkommunikation umfasst. „Wir beginnen damit, dass die Schüler sich ein Passwort ausdenken und dann lernen, wie man Ordner verschiebt, auf Ordner zugreift oder Texte weitergibt oder welchen Suchdienst man wie benutzt“, sagt Abrahams. Auch das Bönnigheimer Gymnasium ist derzeit daran, IServ einzuführen, noch, so Salomon.

Eine Stunde pro Woche extra für das neue Fach

Die Schulen haben für den neuen Fächerverbund eine Stunde zusätzlich bekommen. In der Realschule im Aurain wird diese in allen Klassen sogar von zwei Lehrern gehalten. Dabei ist Welz für die Medienbildung und Hannes Barthruff für die Informatik zuständig. „Diese wird dann ab Klasse 8 noch intensiviert, dann geht es ans Programmieren und an die KI“, sagt der studierte Informatiker. Im Alfred-Amann-Gymnasium findet das Fach alle zwei Wochen zweistündig statt. In den Ellental-Gymnasien wird der Fächerverbund in diesem Schuljahr zweistündig pro Woche gehalten, im kommenden Schuljahr gar nicht.

Gleich ist allen Schulen, dass mit den PC-Kenntnissen angefangen wird und dann der Umgang und die Nutzung oder Themen wie Fake News, Cyber-Bullying oder Nutzung von KI immer wieder ein Thema sein wird. In den höheren Klassen soll dann Informatik durch Fachlehrer unterrichtet werden und auch zum eigenen Wahlfach werden.

Der neue Fächerverbund Informatik und Medienbildung

Mit dem neuen Fach „Informatik und Medienbildung“ werden Schülerinnen und Schüler in allen Schularten unterstützt, sich sicher, verantwortungsvoll und selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen, heißt es in einer Erklärung des Kultusministeriums Baden-Württemberg. Ab den jetzigen Klassen 5 und 6 wird der Fächerverbund in einer zusätzlichen Unterrichtsstunde pro Woche gelehrt. Bis Klasse 10 in den Werkrealschulen und Realschulen und Klasse 11 in den Gymnasien wird das Fach in den nächsten Jahren eingeführt.

Bis der neue Bildungsplan für das Fach „Informatik und Medienbildung“ 2027 in Kraft tritt, erfolgt der Unterricht in den Klassenstufen 5 und 6 auf Grundlage des bestehenden Bildungsplans für den „Basiskurs Medienbildung“. Unterstützend steht den Schulen dafür eine Download-Lesehilfe zur Verfügung. Diese bietet praxisnahe Hinweise, konkrete Umsetzungsideen und Anregungen zur Vertiefung bestehender Inhalte. Sie dient als Orientierung für Lehrkräfte und hilft, den Übergang zum neuen Fach sinnvoll zu gestalten. Für die Klassenstufe 7 ist eine weitere Lesehilfe in Planung, die rechtzeitig an die Schulen ausgegeben wird. Zusätzlich befinden sich passende Materialien sowie begleitende Fortbildungsangebote in Vorbereitung, um eine optimale Umsetzung im Unterricht zu gewährleisten.

In den unteren Jahrgängen liegt der Fokus stärker auf Themen der Medienbildung, während in den höheren Klassen zunehmend informatische Inhalte in den Vordergrund rücken. Medienbildung und Informatik werden nicht isoliert betrachtet, sondern bei der Konzeption des Bildungsplans bewusst miteinander verzahnt – denn beide Bereiche bedingen sich gegenseitig, so das Ministerium. Der Informatikanteil vermittelt grundlegende Kompetenzen, wie etwa den Umgang mit einer textbasierten Programmiersprache, ein Grundverständnis für das Nachvollziehen und Erstellen von Algorithmen oder erste Einblicke in die Funktionsweise von KI. An Gymnasien und Gemeinschaftsschulen kann Informatik in der Kursstufe als Basis- oder Leistungsfach weitergeführt werden.