Kreis Ludwigsburg: Zweites Leben für alte Batterien

Der Stromspeicher, der in Ludwigsburg in den kommenden beiden Jahren zum Einsatz kommen wird, soll auch einen höheren Anteil selbst erzeugter erneuerbarer Energie in der Elektromobilität ermöglichen.
/ Foto: Winfried Rothermel/ImagoDie Entsorgung alter Batterien aus Elektrofahrzeugen ist aufwendig, und auch wenn laut einer Batterieverordnung der EU mittlerweile 90 Prozent wiederverwertet werden muss, entsteht dabei doch Müll. Was aber, wenn ausgemusterte Batterien auch weiterhin einen wertvollen Dienst an der kommunalen Energieversorgung leisten könnten?
Mit dieser Frage beschäftigt sich unter anderem das Projekt Fluxlicon (kurz für „Intelligentes und flexibles System zum Einsatz von jeglichen Second-Life-Batterien in der kommunalen Ladein-frastruktur“). Neben der niedersächsischen Stadt Wolfenbüttel ist hierbei auch der Landkreis Ludwigsburg als Pilotkommune ausgewählt worden und wird den praktischen Einsatz sogenannter Second-Life-Batterien in den kommenden beiden Jahren erproben.
Was sind Second-Life-Batteriespeicher?
Wenn die Kapazität von Lithium-Ionen-Batterien in Elektrofahrzeugen unter 80 Prozent fällt, erfüllen diese nicht mehr die Anforderungen für den Einsatz im Straßenverkehr. Technisch sind die Batterien jedoch intakt und funktionsfähig. Nach ihrem ersten Leben im Auto erhalten sie deshalb ein zweites Leben als Energiespeicher. So nutzt unter anderem das BMW-Werk in Leipzig seit einigen Jahren einen stationären Großspeicher aus mehr als 700 zusammengeschalteten Akkus.
Während es auf dem Markt bereits Speicher aus gebrauchten Fahrzeugbatterien gibt, ist die Besonderheit am Projekt Fluxlicon, dass der Speicher unterschiedliche Batterien verschiedener Hersteller und Fahrzeugtypen flexibel miteinander kombiniert. So steige die Produktverfügbarkeit, denn auf dem freien Markt stehen nur wenige Second-Life-Batterien zur Verfügung.
Was bedeutet das für den Kreis Ludwigsburg?
Anfang 2022 wurden von der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) bundesweit Kommunen für die Beteiligung an dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geförderten Forschungsprojekt Fluxlicon gesucht. In einem zweistufigen Prozess wurde dabei auch der Kreis Ludwigsburg ausgewählt, teilt der Pressesprecher des Landratsamtes, Andreas Fritz, auf BZ-Anfrage mit.
Im Rahmen des Ziels, bis 2035 die Klimaneutralität der Kreisverwaltung zu erreichen, trage die Einbindung eines Stromspeichers dazu bei, den Energiebedarf möglichst vollständig mit erneuerbaren Energien zu decken. „Mit der Teilnahme am Forschungsprojekt will der Landkreis Vorreiter in Sachen Klimaschutz sein und einen Beitrag dazu leisten, das Quartiersmodell auch für andere Kommunen weiterzuentwickeln“, sagt Fritz. So erhoffe man sich neue Erkenntnisse zu wissenschaftlichen und nachhaltigen Einsatzmöglichkeiten über die aktuell geplante Nutzung hinaus.
Wie sehen die Pläne des Landkreises für den Batteriespeicher aus?
Der Landkreis erhält im Rahmen des Forschungsprojekts 16 gebrauchte Batterien aus Elektrofahrzeugen mit jeweils 50 Kilowattstunden. Macht insgesamt 800 Kilowattstunden. Eine weitere Bestückung auf insgesamt eine Megawattstunde sei aber möglich. Die Akkus wurden vom Projektpartner im vergangenen Jahr vorbereitet, die zur Nutzung notwendigen Infrastrukturmaßnahmen am Verwaltungscampus in Ludwigsburg sollen noch in diesem Jahr erfolgen.
Am Verwaltungscampus soll durch den Batteriespeicher der Eigenverbrauch aus der Stromerzeugung von den Photovoltaikanlagen optimiert werden, sagt Fritz. Indem der Speicher Stromüberschüsse aufnimmt und am Abend oder an Tagen mit geringer Sonneneinstrahlung wieder abgibt, wird mehr erzeugter Strom direkt vor Ort nutzbar. Gleichzeitig diene der Speicher auch als Puffer zum öffentlichen Stromnetz. Damit würden Stromspeicher einen Beitrag zur Stabilisierung eines flexibler werdenden Stromnetzes leisten.
Durch die Elektrifizierung des Fuhrparks und die öffentliche Ladeinfrastruktur werden auch die Lastspitzen beim Strombezug steigen, diese könnten so abgeflacht werden, sagt Fritz. So ermögliche man neben der flexibleren Nutzung des Stroms aus erneuerbaren Energien auch einen höheren Anteil an Solarenergie in der Elektromobilität. Gleichzeitig werde die Kreisverwaltung dadurch unabhängiger gegenüber Preisschwankungen aus dem öffentlichen Netz und spart Kosten.
Gemeinsam mit den Projektpartnern wird der Speicher für mindestens 24 Monate betrieben, währendessen wird die Nutzung ausgewertet. Die Agentur für Erneuerbare Energien begleite das Projekt mit Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerktreffen mit anderen Modellkommunen.
Wie es nach der zwei Jahre langen Pilotphase weiter geht, steht derzeit noch nicht fest, vonseiten des Landratsamtes zeigt man sich jedoch interessiert, die Batteriespeicher auch darüber hinaus zu betreiben: „Eine darüber hinaus gehende Nutzung ist aus dem jetzigen Standpunkt erwünscht und eingeplant“, sagt Fritz.
Wie hoch sind die Kosten für den Landkreis?
Der Speicher wird dem Landkreis entgeltfrei überlassen. Für die notwendige Infrastruktur am Verwaltungscampus sowie den Transport des Speichers komme man aber selbst auf, sagt Andreas Fritz. Dennoch würden dabei weitaus weniger Kosten entstehen als beim Kauf eines Speichers bei einem kommerziellen Anbieter. Die genauen Kosten könne man jedoch nicht beziffern.
Wie lange halten die Second-Life-Batterien?
Nach weiteren rund zehn bis 15 Jahren haben die Batterien ihr endgültiges Lebensende erreicht und werden recycelt. Im stationären Betrieb werde die Batterie weitaus weniger gestresst als im Straßenverkehr mit regelmäßigen Beschleunigungs- und Rekuperationsphasen, schreibt der ADAC auf seiner Homepage. Die AEE veranschlagt deshalb weitere 2000 bis 3000 Ladungszyklen als stationärer Stromspeicher, nachdem bereits rund 1000 bis 1500 im Auto erfolgten. Aufgrund des modularen Aufbaus des Speichers können einzelne Batterien jedoch Schritt für Schritt ausgetauscht werden, sodass dieser insgesamt länger hält.
Wie hoch ist der Stromverbrauch des Landkreises?
Der Verwaltungscampus, an dem der Batteriespeicher installiert wird, hat einen Gesamtstromverbrauch von 1900 MWh im Jahr. Rund sieben Prozent davon wurden im Jahr 2022 durch die PV-Anlagen gedeckt. Gemeinsam mit einem Blockheizkraftwerk lag die Eigenstromerzeugung bei etwa 28 Prozent. Durch den Speicher sowie eine inzwischen installierte PV-Anlage mit 100 kWp auf dem Dach des Kreishauses und einer weiteren mit 240 kWp auf der Parkgarage werde sich der Eigenstromverbrauch aus der Erzeugung erneuerbarer Energien deutlich erhöhen, so Fritz.
Die benötigte Wärme bezihe man derweil aus der Abwärme des Blockheizkraftwerks und dem Fernwärme-Verbundnetz der Stadtwerke Ludwigsburg. Ein Spitzenlastgaskessel müsse nur bei Bedarf hinzugeschaltet werden, im vergangenen Winter kam dieser jedoch nicht zum Einsatz.
Die gesamte Kreisverwaltung hatte 2022 einen Stromverbrauch von 5346 MWh, wovon etwa 21 Prozent durch Eigenstromerzeugung gedeckt waren. Betrachtet man den gesamten Landkreis, so lag der Anteil erneuerbarer Energien am Stromsektor 2019 bei circa 18 Prozent, vor allem seit 2022 lasse sich jedoch eine starke Zunahme von Photovoltaik auf Dächern verzeichnen. Um bis 2040 klimaneutral zu werden, arbeite die Kreisverwaltung an einer Aktualisierung des Klimaschutzkonzeptes.
