Kreis Ludwigsburg
: „Wildbienen haben keine Lobby“

Der Nabu spricht sich für eine Begrenzung der Honigbienenvölker in und um Naturschutzgebiete aus. Der Bienenzuchtverein Besigheim sieht jedoch keine reale Konkurrenz zu Wildbienen.
Von
Yannik Schuster
Ludwigsburg
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Honigbienen fliegen teilweise die gleichen Pflanzen an wie Wildbienen. Eine zu hohe Dichte an Honigbienenvölkern könnte daher zum Nachteil der Wildbienen gereichen.

dpa/Patrick Pleul

Stehen Wildbienen und Honigbienen in Konkurrenz zueinander? Das ist eine Frage, die Imker und Umweltschützer schon lange bewegt. Eine eindeutige Antwort gibt es auf die Frage nicht. In Deutschland sammeln Honigbienen Nektar an etwa einem Drittel der Pflanzen, die auch Wildbienen anfliegen, je nach Populationsgröße könne es daher nach Ansicht des Nabu zu einer größeren oder kleineren Konkurrenz zwischen den sympathischen Insekten kommen. Die Naturschützer schlagen deshalb eine Begrenzung in Naturschutzgebieten und in einem Radius von drei Bienenvölkern pro Quadratkilometern vor.

Thomas Pulli vom Bezirksverein für Bienenzucht e.V. Besigheim hält davon nicht viel. Eine mögliche Konkurrenz hält er für ein eher theoretisches Szenario. Stelle man 30 Völker in einem Naturschutzgebiet auf, dann könne das schon zu Problemen führen, in der Realität gebe es jedoch kaum mehr Nebenerwerbsimker, mit so vielen Völkern.

Weniger Honigbienen als früher

Hinzu komme, dass die Zahl der Honigbienenvölker früher höher war. „Wild- und Honigbienen leben eigentlich schon immer in Koexistenz.“ Das bestreitet auch der Nabu nicht, schreibt aber in einem Infopapier: „Wir haben heutzutage zwar weniger Honigbienenvölker in Deutschland, aber diese sind um einiges effizienter und Individuen-stärker, weshalb sie mehr Honig produzieren, dementsprechend also auch mehr Nektar sammeln.“ In Deutschland habe man dem Nabu zufolge eine Dichte von durchschnittlich 2,78 Honigbienenvölker pro Quadratkilometer, in manchen Regionen deutlich weniger, in anderen wiederum deutlich mehr.

Beschränke man die Anzahl der Honigbienenvölker in Naturschutzgebieten könne das gravierende Auswirkungen haben, sagt Dorothea Pulli, ebenfalls vom Bienenzuchtverein. Denn: Wildbienen fliegen in der Regel nur 100 Meter weit, dem Äquivalent eines Sportplatzes.

Zum Vergleich: Honigbienen entfernen sich auf ihrer Suche nach Nektar bis zu zwei Kilometer vom Volk. Abgesehen von der Hummel, die auch zu den Wildbienen zählt und Völker mit 100 bis 200 Tieren bildet, sind die meisten anderen Arten zudem Solitärbienen. Sie leben nicht in Völkern sondern alleine und fliegen nur das an, was sie im näheren Umfeld finden. In einem Bienenvolk jedoch leben bis zu 40.000 Bienen, die miteinander kommunizieren, wo es viel Nektar zu holen gibt. Eine Begrenzung der Völker in Naturschutzgebieten könne daher zu Problemen bei der Bestäubung führen, befürchtet Dorothea Pulli.

Ihr Mann nennt als Beispiel die Lehmgrube in Besigheim, in der circa 128 Wildbienenarten vorkommen. Nach dem Vorschlag des Nabus wäre ganz Besigheim von der Begrenzung betroffen. Obwohl in besagtem Schutzradius schon immer Honigbienen existierten.

Fast 600 Wildbienenarten

Bundesweit sind rund 580 Wildbienenarten unterschiedlicher Größe und Farbe bekannt, rund 400 davon kommen in Baden-Württemberg vor. Etwa 70 Prozent davon leben und bauen ihre Nester im Boden, andere nisten in totem Holz, Trockenmauern oder Schneckenhäusern, erklärt der Hobbyimker. Von knapp der Hälfte der Wildbienen-Arten sind die Bestände gefährdet, unter anderem weil, sie wesentlich wählerischer als die Honigbiene sind, wenn es darum geht, welche Blüten als Nahrungsquelle infrage kommen.

Um zu nisten brauchen Wildbienen neben einem geeigneten Nistplatz auch genügend Baumaterial und ein ausreichendes Nahrungsangebot. Andernfalls komme das System aus dem Gleichgewicht. „Die Honigbiene hat das Glück durch die Imker gepäppelt zu werden, wenn es zum Beispiel einen Nahrungsmangel gibt“, sagt Thomas Pulli. „Wildbienen haben keine Lobby.“

Um die Wildbienenpopulation zu unterstützen müsse vor allem die Biotopvernetzung in den Blick genommen werden, findet er. „Es muss überall ‚wilde Inseln’ geben, wo Wildbienen leben und überleben können.“ Blühstreifen, wie sie vielerorts angelegt werden seien zwar gut gedacht, sollten dann aber auch nicht umgepflügt werden, weil dabei die im Boden lebenden Arten zu Schaden kommen. „In jedem Garten sollte eine wilde Ecke oder ein Totholzhaufen geschaffen werden“, wünscht sich Dorothea Pulli. Auch ein kleiner Erd- oder Sandhaufen würde Wildbienen helfen.

Thomas Pulli sagt: „Wenn Wildbienen keine Nahrung finden, ist nicht die Honigbiene Schuld sondern der Mensch.“

Sorgen bereitet den beiden Hobbyimkern derzeit die Varroa-Milbe, die sich in den Völkern ausbreitet. Gewinnt diese die Überzahl könne es sein, dass noch im Herbst ganze Völker zusammenbrechen. Mit natürlicher Ameisensäure, die verdampft wird, soll die Milbe eingedämmt werden, ganz bekomme man sie aber nicht los, weiß Dorothea Pulli.