Kreis Ludwigsburg: Wenn junge Menschen trauern

Junge Menschen, die einen Angehörigen oder Freund verloren haben, können sich bei den Treffen von „Du fehlst mir“ austauschen.
/Oliver BürkleDeine Mama ist seit drei Monaten tot und Du trauerst immer noch?“ Solche Fragen werden jungen Trauernden oft gestellt, sagt Johanna Schwarz. Seit 2013 begleitet die Diplom-Psychologin gemeinsam mit Trauerbegleiter Michael Friedmann Menschen zwischen 18 und 35 Jahren. Bei dem Angebot „Du fehlst mir!“ handelt es sich um fünf Gesprächsabende. Seit kurzem stehen aber auch Bogenschießen, Klettern und Wandern auf dem Programm.
Umfeld überfordert
„Das Sterben spielt im Alltag kaum eine Rolle“, sagt Schwarz. Und nur wenige Gleichaltrige haben schon Erfahrungen mit Todesfällen gemacht, sodass das Umfeld mit den jungen Trauernden oft überfordert sei, sagt Johanna Schwarz. Bei den fünf Gesprächsabenden geht es vor allem darum, sich kennenzulernen und auszutauschen. Wie ist die Mutter, der Bruder gestorben? Viele junge Menschen sprechen hier zum ersten Mal darüber, sagt Schwarz. „Uns ist eine gute Erinnerungskultur wichtig“, sagt sie, denn diese habe etwas Tröstliches. Es geht an den Abenden aber auch um das Loslassen, die Veränderungsprozesse und ums Mutmachen.
Rund 20 bis 22 Teilnehmer aus dem Landkreis kommen jeweils zu den fünf Treffen, viele melden sich zu weiteren Abenden an. „Uns ist es egal, wie lange die Todesfälle her sind“, sagt Schwarz, die hauptberuflich in der Erziehungsberatung arbeitet. Dass jemand direkt nach der Beerdigung komme, sei aber selten.
Die Verarbeitung der Trauer verläuft in Phasen. Der Austausch mit anderen könne dabei helfen, das erste Weihnachten ohne den geliebten Menschen, den ersten Geburtstag des Verstorbenen zu überstehen. Seit Corona vernetzen sich die Teilnehmer auch stärker untereinander, hat Schwarz beobachtet.
Von der Erfahrung profitieren
Die Teilnehmer profitierten von den Erfahrungen der anderen und davon, dass sie ähnliche Lebensumstände haben – zwischen 20 und 30 Jahren befinde man sich noch in einer Umbruchphase. Die meisten Teilnehmer seien noch nicht verheiratet, hätten noch keine Kinder. Lebensphasen, in denen zum Beispiel die verstorbene Mutter eine große Leerstelle bedeute. Zu erkennen, dass sich die Trauer im Laufe der Zeit verändert, helfe den Betroffenen bei deren Bewältigung.
„Mit unserem Angebot erreichen wir mehr Frauen als Männer“, sagt sie. Weil an den fünf Abenden das Sprechen im Vordergrund steht, bietet das Team nun auch andere Aktivitäten an: Klettern (jeweils am 22. und 24. Februar im Griffwerk in Ludwigsburg), Bogenschießen (12. Juli) und Wandern (15. September). „Dabei kommt man aber auch ins Gespräch“, sagt Schwarz.
Fragen nach dem Sinn des Lebens oder Zweifel an der Existenz eines Gottes: Solche Aspekte der Trauer stehen bei den Angeboten sonst nicht im Fokus. Außer, wenn sie von den Teilnehmern selbst angesprochen werden. Bei der „Nacht der Lichter“ (3. Mai in Affalterbach) wird in Anlehnung an die ökumenische Taizé-Bewegung bewusst an christliche Rituale angeknüpft. Die Angebote für junge Trauernde werden von der Katholischen Erwachsenenbildung, der Ökumenischen Hospizinitiative sowie der Diözese Rottenburg-Stuttgart gefördert.
Festes Schema
Die Gesprächsabende laufen nach einem festen Schema ab. Gestartet wird mit einem Spiel. Für die Verstorbenen werden Kerzen angezündet. „In den Gesprächen sind alle Gefühlsregungen erlaubt“, betont Schwarz. Die Atmosphäre der Treffen sei oft konzentriert. Bei den ersten Treffen werde noch am ehesten geweint, weil viele zum ersten Mal außerhalb der Familie über das Sterben des Angehörigen sprechen. Am Ende stehe die „Gut-Tu-Zeit“ im Vordergrund: Es werden Geschichten erzählt, gegessen oder gezaubert.
„Ich mache die Arbeit gern“, sagt Schwarz: „Denn bei den Treffen hören wir viele Liebesgeschichten. Für die Trauernden sei es tröstlich, die guten Beziehungen in Erinnerung zu behalten. „Und uns gibt das viel zurück.“