Kreis Ludwigsburg
: Suizidrate bei Bauern besonders hoch

Burnout und Selbstmorde in der Landwirtschaft nehmen zu. Juliane Vees von der Sozialversicherung für Landwirte gibt Einblicke in Schicksale und Ausblicke auf Hilfsangebote.
Von
Heidi Falk
Ludwigsburg
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Landwirte sind für vieles gleichzeitig zuständig. Oftmals wird die Arbeit auf wenige Schultern verteilt, was zu Überforderung, Depressionen und im schlimmsten Fall Suizid führen kann.

Imago/Westend61/Joseffson

Finanzielle Sorgen durch saisonale Schwankungen, Wetterextreme oder wirtschaftliche Krisen. Fordernde Transformationsprozesse, unzählige politische Auflagen, überbordende Bürokratie. Spannungen im Betrieb. Es gibt viele Gründe, in der Landwirtschaft zu verzweifeln. Eine österreichische Studie stellte fest, dass Landwirte rund 60 Prozent stärker gefährdet sind, an Burnout zu erkranken als andere Bevölkerungsgruppen. Studien in Frankreich und Italien zeigen, dass das Suizidrisiko in der Landwirtschaft etwa 43 Prozent höher liegt als in der Allgemeinbevölkerung.

Und in Deutschland? „Burnout und Suizid in der Landwirtschaft ist ein Riesenthema“, sagte der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Stefan Kerner beim Bauerntag in Möglingen im Februar. Er könne nur jeden Landwirt und jede Landwirtin ermuntern, weiterzumachen, es nicht so weit kommen zu lassen und verwies auf Kümmerer-Stellen, an die man sich wenden könne bevor es zu spät sei. Er nannte neben dem Landesbauernverband und dem Weinbauverband die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG).

Zuständig für die Bauern vor Ort

Die BZ hat Kontakt zu Juliane Vees aufgenommen. Die 60-Jährige ist Landwirtin und Alternierende Vorsitzende der SVLFG-Vertreterversammlung – und auch für die Landwirte im Landkreis Ludwigsburg zuständig.

Die SVLFG ist der agrarsoziale Sozialversicherungsträger in Deutschland, der Unfall-, Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung für die „Grüne Branche“ unter einem Dach vereint. Selbstverwaltungen würden oft nicht so richtig wahrgenommen. Das sei in der Landwirtschaft ganz anders: „Hier wird’s gelebt“, so Vees. Noch dazu sei alles ehrenamtlich. „Dieses Ehrenamt ist mir ein Herzensanliegen.“

Früher seien vor allem Erkrankungen am Bewegungsapparat typisch gewesen für Landwirte, verursacht durch die schwere körperliche Arbeit. Mittlerweile nehmen psychische Erkrankungen zu, so Vees: „Die mentale Gesundheit in der Branche sinkt.“ Zeitgleich stelle man fest, dass gerade junge Bauern selten zum Arzt gehen. Dabei sei es bei mentaler Belastung wichtig, sich Hilfe zu holen. Es gibt keine bundesweiten Zahlen, keine belastbaren Forschungsergebnisse. „Wir wollen eine Studie, die die großen Probleme in der ‚Grünen Branche’ aufzeigt“, berichtet Vees. Um den Blick auf das Thema Burnout, Depressionen und Suizid in der Landwirtschaft zu lenken und Suizidprävention voranzutreiben, wollen Politik und das Nationale Suizidprogramm (NaSPro) laut Vees aktiv werden. Im Rahmen des NaSPros bildete sich eine Arbeitsgruppe, die sich mit der „Grünen Branche“ befasst und eine Befragung zur Suizidalität in der deutschen Landwirtschaft, darunter fallen Suizidgedanken, -versuche und vollendete Suizide, initiierte. Die Befragung sei zwar nicht repräsentativ, gebe aber Einblicke in die Branche. Befragt wurden Personen, die im regelmäßigen Austausch mit Landwirten stehen. Darunter Fach- und Beratungskräfte: Veterinäre, Futtermittel-, Kirchen- und Maschinenvertreter, SVLFG-Mitglieder. Die Daten basieren auf 439 Befragten. Die Erhebung wurde anonym von Januar bis April 2025 online durchgeführt.

Auf Grundlage der Befragung lässt sich sagen: Suizidalität wird als häufiges und zunehmendes Thema wahrgenommen. Als besonders betroffene Gruppen werden Männer, Personen mittleren Alters, aktuelle Betriebsleitungen, kleine bis mittelgroße Betriebe sowie tierhaltende Betriebe gesehen. Auch habe Suizidalität oftmals mehrere Gründe, die zusammenkommen.

Krisensituation durch Überlastung

Berater berichten von Sprüchen wie „Wenn das passiert, nehm’ ich mir einen Strick.“ „Das Problem ist, dass Menschen, die nicht dafür ausgebildet sind, mit solchen Situationen konfrontiert werden“, sagt Vees. „Wenn es zum Beispiel Tierwohlverletzungen gibt, gab es im Voraus immer eine Krisensituation durch Überlastung.“ Kein Landwirt lasse seine Tiere absichtlich verwahrlosen. Die Tiere würden zuletzt vernachlässigt, lange nach dem eigenen Wohl, der eigenen Körperhygiene und sozialen Kontakten.

Es sei wichtig, dass es Anlaufstellen mit ausgebildetem Fachpersonal gibt. „Wir wollen Tabus brechen und über mentale Gesundheit sprechen“, sagt Vees. In den letzten Jahren habe es immer wieder Einzelpersonen gegeben, die ihre Geschichte erzählten. Die berichtet haben, wie sie am Abgrund standen. Aber auch, dass ihnen geholfen wurde und sie jetzt wieder mit Freude ihren Beruf ausüben können. „Wir wollen Betroffene besser begleiten, vor die Welle kommen.“ Ziel sei, Prävention und Stressmanagement früh anzubieten, schon Jungbauern zu erreichen.

Der Bedarf werde von der SVLFG gesehen, aber auch von der Politik. Lobend hebt Vees Minister Peter Hauk und die Ministerialdirektorin Isabel Kling hervor, „denen man nur danken kann für den Aufbau des ‚InVerantwortung’-Projekts im Land Baden-Württemberg.“ Das Ministerium für Ländlichen Raum in Baden-Württemberg habe Kümmerer-Stellen bei den Verbänden für Landwirtschaft und Weinbau initiiert und bezuschusse diese, um schnelle Hilfe anzubieten.

Viele Landwirte kennen die Sorgen

Vees kennt viele der angesprochenen Probleme, aus ihrem Umfeld, aber auch persönlich. Seit vielen Jahren betreibt sie mit ihrem Mann Winfried eine Biogasanlage mit Nahwärmeanschluss, PV-Anlage, Solarpark. Der Betrieb laufe gut. Das war aber nicht immer so. Angefangen haben sie mit Milchkühen und Schweinemast, bauten Kartoffeln an. „Zum damaligen Zeitpunkt gab es Betriebszweige die lohnender waren. Um uns nicht selbst zu überlasten, haben wir die Tierhaltung eingestellt“, blickt Vees zurück. „Mein Herz hing an den Kühen. Aber die Vernunft musste entscheiden.“ Und heute? Müssen die Vees ihren Hof zurückbauen, denn sie wollen in Rente gehen und finden keinen Nachfolger. Ihre Kinder können sich eine Übernahme nicht vorstellen. Ein potenzieller Anwärter sei kurz vor knapp abgesprungen – zu viel Arbeit.

Landwirte haben auch mit anderen Problemen zu kämpfen, etwa zu wenig Honorierung durch die Gesellschaft. Als Erwachsene, aber auch als Kinder. „Viele Bauernkinder haben in der Schule Mobbingerfahrungen machen müssen“, berichtet Vees. Der Grund: Die schiere Unterzahl. Selten sei es mehr als ein Bauernkind in der Klasse und Vorurteile halten sich. „Dummer Bauer“, „Stroh im Kopf“, es gebe viele dieser Sprüche, die schwer an den Kindern, aber auch den Eltern nagen. „Es wird vieles flapsig dahergesagt, richtet aber großen Schaden an“, sagt Vees. „Landwirte machen nur noch 1,5 Prozent der Gesellschaft aus. Der Bezug zur Landwirtschaft geht verloren“, warnte auch Kerner beim Bauerntag.

Studie zu Landwirtinnen in Deutschland von 2022
2022 wurde eine Studie durchgeführt, die die Lebens- und Arbeitssituation der Frauen auf landwirtschaftlichen Betrieben beleuchtet. Durchgeführt wurde sie bei über 7000 Landwirtinnen vom Thünen-Institut für Betriebswirtschaft und der Uni Göttingen.

Bauerntag: „Was ist das Schöne am Bauernberuf?“
Im Rahmen seines Fachvortrags startete beim vergangenen Bauerntag der Referent Dr. Ralf Schaab unter den Anwesenden eine Umfrage, was das Schöne am Beruf des Bauern sei. Anfangs griffen die Landwirte nur zögerlich zum Mikrofon, bald jedoch sprudelten die Antworten nur so aus ihnen heraus.