Kreis Ludwigsburg: „Soldaten sind überzeugte Pazifisten“

Gregor Schäfer mit dem Fotobuch, das die Schicksale von gefallenen Angehörigen seiner Familie zeigt, unter anderem das seines Urgroßvaters, der im Ersten Weltkrieg fiel.
/Martin KalbZweimal musste Gregor Schäfer Weihnachten im Kriegsgebiet verbringen, im Jahr 2000 im Kosovo und 2009 in Afghanistan. „Das prägt und man will als Soldat alles dafür tun, dass solche gewalttätigen Auseinandersetzungen nicht eskalieren, Soldaten wissen, was Krieg und Gewaltherrschaft bedeuten“, sagt der 46-jährige gebürtige Tammer, der lange in Bönnigheim lebte und nun in Ludwigsburg wohnt. „Soldaten sind überzeugte Pazifisten“, sagt er. Denn jedem sei klar, „Krieg bedeutet Tod“.
Ortsbeauftragter des Volksbunds für Bönnigheim
Das war auch ein Grund, dass sich Schäfer, der 15 Jahre lang Soldat der Bundeswehr war, seit 20 Jahren im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge engagiert, der sich zur Aufgabe gemacht hat, Kriegsopfer im Ausland zu finden, Kriegsgräber zu pflegen, aber auch zu mahnen und zu erinnern. „Die Schicksale dürfen nicht vergessen werden, das Erinnern zeigt auch, wie sinnlos diese Tode waren“, sagt Schäfer. Für Bönnigheim ist er der Ortsbeauftragte, hat das Amt während seiner Zeit in Bönnigheim übernommen und obwohl er nun in Ludwigsburg lebt, macht er es weiter. Er organisiert alljährlich den Volkstrauertag in Bönnigheim mit Bürgermeister Albrecht Dautel. Der Gedenktag erinnert an die Opfer von Krieg und Vertreibung.
„Der Volksbund hat die wichtige Aufgabe, zu gedenken, zu erinnern und er versteht sich als Mahner für den Frieden“, sagt der studierte Staatswissenschaftler, der nach seiner aktiven Armeezeit nun beim Land Baden-Württemberg angestellt ist. „Der Volksbund gibt den anonymen Zahlen eine Geschichte und zeigt den Hinterbliebenen, dass die Toten nicht vergessen sind“.
Er selbst war schon bei Pflegeeinsätzen auf Kriegsgräberstätten beispielsweise in Italien. Und er weiß auch aus eigener Familiengeschichte, wie wichtig es ist, dass die Hinterbliebenen wissen, wo ihr Verwandter begraben ist, eine Ruhestätte hat, die sie gegebenenfalls besuchen können.
Er verstehe eine Armee als Friedenshüter oder als Truppe, die mit einem Einsatz dafür sorgt, dass gewaltvolle Auseinandersetzungen eingestellt werden, „sodass die Politik vermitteln kann, denn Soldaten können keine Lösung schaffen, nur den Boden dafür bereiten“, so Schäfer. Grundsätzlich aber müsse man in der Bevölkerung die Einsicht schaffen, Kriege zu vermeiden, was der Volksbund mit seiner Arbeit vermittle. „Ganz normale Menschen können im Krieg in Situationen kommen, die Familie zerstören und die Familiengeschichte bis heute beeinflussen.“ Deswegen sei er auch für eine allgemeine Wehrpflicht, um „die Voraussetzung im Ernstfall schaffen zu können, dass man verhandeln kann und um die Menschen in Europa zu schützen“, sagt er. Es sei auch eine Bündnispflicht für Deutschland. Er selbst entschied sich nach dem Massaker von Srebrenica in Jugoslawien im Juli 1995 schon als 15-Jähriger, Soldat zu werden, „das hat mich sehr stark bewegt“. Bosnisch-serbische Soldaten ermordeten in dem bosnischen Ort Srebrenica in wenigen Tagen mehr als 8000 muslimische Jungen und Männer. Schäfer selbst war 2000 bis 2001 im Kosovo im Einsatz.
Hoher Blutzoll in der eigenen Familie
Schäfer weiß ganz genau, wie Kriege die Familie auch in die Gegenwart hinein beeinflussen. „Meine Familie zahlte einen extrem hohen Blutzoll in den Kriegen und das wirkt sich bis auf die jüngste Generation aus“, sagt er. Denn ein weiterer Grund, sich im Volksbund zu engagieren ist ein ganz persönlicher – der Verlust von Familienmitgliedern auf beiden Seiten seiner Vorfahren. Sein Urgroßvater war 1917 in Verdun gefallen, Schäfers Großmutter hatte nie Anhaltspunkte für den Ort seiner Bestattung gefunden. Bis die Familie den Volksbund einschaltete, der auch auf seiner Website die Suche nach Gräbern anbietet. Nun ist die letzte Ruhestätte des Urgroßvaters bekannt: Arras in Nordfrankreich. Damit war die Gräbersuche für Schäfers Familie aber noch nicht beendet: „Unsere Familie hat einen extrem hohen Blutzoll in den Kriegen bezahlen müssen, auch ein Grund, warum ich Soldat wurde, damit der Frieden geschützt wird“. Im Zweiten Weltkrieg fielen zwei Onkel seines Vaters in Russland, auch deren Gräber fand die Familie durch den Volksbund. Auch auf mütterlicher Seite fiel ein Bruder von Schäfers Großmutter mit 18 Jahren. „Dass wir die Gräber gefunden haben, hat unsere Familie sehr beruhigt“, so Schäfer. Seine Schwester hat die Familiengeschichte, alle Soldaten der Familie und die Suche nach ihren Gräbern in einem Buch dokumentiert, dass, so Schäfer, „als Schatz in unserer Familie gilt.“
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge widmet sich im Auftrag der Bundesregierung der Aufgabe, Kriegstote im Ausland zu suchen und zu bergen, sie würdig zu bestatten und ihre Gräber zu pflegen. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gedenkt der Toten beider Weltkriege und der Opfer von Gewaltherrschaft. Der Volksbund betreut Angehörige und berät öffentliche und private Stellen in Fragen der Kriegsgräberfürsorge, auch international. Er engagiert sich in der Erinnerungskultur und fördert die Begegnung und Bildung junger Menschen an den Ruhestätten der Toten. Seine Arbeit finanziert der Volksbund z aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.
Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde im Jahr 1954 gegründet. Neben den Anlagen des Ersten und Zweiten Weltkrieges im Ausland befinden sich auch die Denkmäler und Friedhöfe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 und der Deutsch-Dänischen Kriege von 1848/51 und 1864 unter der Obhut des Volksbundes.
139 Kriegsgräberstätten und Erinnerungsorte des Ersten Weltkrieges gibt es und sie sind seit 2023 Unesco-Weltkulturerbe. 23 Anlagen betreut der Volksbund. In 45 Staaten werden mehr als 830 Kriegsgräberstätten mit über 2,8 Millionen Kriegstoten betreut. Darüber hinaus engagiert sich der Volksbund auch auf Kriegsgefangenenfriedhöfen, um diesen Opfern der Gewaltherrschaft ein würdiges Gedenken zu schaffen. Heute werden Soldaten, die im Ausland sterben – in Afghanistan waren es 54 – in ihre Heimat zurück gebracht
Um die Gräber dauerhaft zu erhalten, wie es die Kriegsgräberabkommen mit anderen Nationen vorsehen, ist es notwendig, die vielen kleinen Grablagen in zentrale Kriegsgräberstätten umzubetten.
Auf dem Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland befinden sich über 12.000 Kriegsgräberstätten, auf denen mehr als 1,8 Millionen deutsche und ausländische Tote des Ersten und Zweiten Weltkrieges ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Der Erhalt dieser Gräber ist eine im Grundgesetz verankerte staatliche Aufgabe, die zumeist auf kommunaler Ebene wahrgenommen wird. Der Volksbund kümmert sich um die Kriegsgräberstätten im Ausland.
Der Volksbund fördert die Begegnung und historisch-politische Bildung von Jugendlichen in und auf Kriegsgräber- und Gedenkstätten. In Workcamps, Begegnungs- und Bildungsstätten sowie bei Projekten im In- und Ausland wird die Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen Ereignissen angeregt. Der Volksbund arbeitet mit Schulen, internationalen Organisationen, Gedenkstätten und Trägern politischer Bildung zusammen und ist anerkannter Träger der freien Jugendhilfe. Seit 1953 betreibt der Volksbund eine internationale Jugend- und Bildungsarbeit.
Auf der Website des Volksbundes kann man sich auf die Suche nach Gräbern von Verwandten machen. Insgesamt gibt es 5.5 Millionen Kriegstote und Vermisste.