Kreis Ludwigsburg: Social-Media-Sucht bei Kindern und Jugendlichen steigt

Auf dem Smartphone-Bildschirm ist immer etwas los. Für manche Jugendliche wird der permanente Kick zum Problem.
/Martin KalbSocial-Media-Sucht bei Kindern und Jugendlichen ist ein großes Problem, auch für Angehörige der Betroffenen“, sagt Dr. Michael Buob. Der 62-Jährige wird jeden Tag damit konfrontiert: Buob ist seit 2010 Chefarzt des Sozialpädiatrischen Zentrums des RKH-Klinikums Ludwigsburg. Er beobachtet seit Jahren, dass immer mehr Heranwachsende einen problematischen Umgang mit Social Media zeigen.
Mädchen häufiger betroffen
Dass immer mehr Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit mit Instagram, WhatsApp und Co. verbringen, belegen nationale und internationale Studien. Der jüngsten Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für das Jahr 2022 zufolge zeigten 13 Prozent der Mädchen und neun Prozent der Jungen bedenkliche Nutzungsgewohnheiten.
Für die Untersuchung wurden 280.000 Jugendliche im Alter von elf, 13 und 15 Jahren in 44 Ländern in Europa, Zentralasien und Kanada befragt. Insgesamt stieg die von der WHO als problematisch eingestufte Social-Media-Nutzung von sieben Prozent im Jahr 2018 auf elf Prozent 2022. Deutsche Jugendliche lagen demzufolge mit zehn Prozent unter dem Schnitt.
Social-Media-Abhängigkeit zählt zu den Verhaltenssüchten wie etwa Glücksspielsucht und Arbeitssucht. Sie kann sich auf die betroffenen Jugendlichen und ihr Umfeld massiv auswirken. Social-Media-Apps sind so aufgebaut, dass sie Reize in kurzer Folge setzen, so Buob.
Jeder Kurzfilm, jedes Bild, jede Message und jeder Like stimuliert das Belohnungszentrums unseres Gehirn, weil das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet wird. Das passiert beispielsweise auch beim Rauchen, beim Essen oder beim Sport. Bei Social-Media erfolgt der Dopanin-Kick jedoch deutlich schneller und öfter. Das macht das Medium so unwiderstehlich.
Dosis muss ständig steigen
Betroffene zeigen typische Suchtsymptome, wie auch Maren Biedenbach, Sozialpädagogin bei der Jugend- und Drogenberatung in Ludwigsburg weiß. Wie bei anderen Süchten gebe es eine Toleranzentwicklung, sagt sie. Das bedeutet: Die Dosis muss ständig erhöht werden, um noch einen Kick zu bekommen. „Das ist wie bei Alkohol“, sagt Biedenbach. Es gibt zudem Hinweise, dass es zwischen der exzessiven Nutzung von Social Media und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) einen Zusammenhang gibt.
Social-Media- und Gaming-Süchtige ziehen sich aus dem realen Umfeld immer mehr in die digitale Welt zurück. „Es gibt Fälle, in den die Jugendliche nicht zur Schule oder auf der Ausbildungsstelle erscheinen“, sagt Maren Biedenbach. Manche vernachlässigen auch sich selbst, beispielsweise die Körperpflege. Sind Insta und Co. einmal nicht verfügbar, zeigen Betroffene typische Entzugserscheinungen. „Für die bricht dann eine Welt zusammen“, sagt Biedenbach. „Sie werden panisch oder aggressiv.“ Doch auch, wenn sie online sind, ist der Leidensdruck teilweise erheblich.
„Viele leben in der ständigen Angst, etwas zu verpassen“, sagt die Sozialpädagogin. Das können neue Videos sein, Likes für eigene Beiträge – oder Nachrichten auf Messengerdiensten wie WhatsApp. Der Gruppendruck innerhalb der jeweiligen Community kann erheblich sein und motiviert so zusätzlich, Zeit digital zu verbringen.
Während Jungs eher vorm Bildschirm zocken, sind Mädchen häufiger in Chat-Gruppen und auf Instagram unterwegs, so Biedenbach. Das ständige Vergleichen mit dem scheinbar aufregenden Leben von Influencerinnen und anderen, die übersteigerten Schönheitsideale können zu Depressionen und anderen psychischen Störungen führen.
Planlose Eltern
„Die Eltern, die mit ihren Kindern zu uns kommen, stehen den Problemen oft hilflos gegenüber“, sagt Biedenbach. Auch die Therapie steht vor großen Herausforderungen. „Man kann ein Leben ohne Alkohol führen“, so Biedenbach. Aber ein Leben ohne Handy sei nicht mehr möglich.
Am besten sei es daher, erst gar keine Social-Media-Sucht entstehen zu lassen. Biedenbach fordert mehr Präventionsprogramme an Schulen und dass sich Eltern stärker mit Social Media auseinandersetzen.
Doch die sind häufig selbst das Problem, wie Michael Buob meint. „Es fängt schon damit an, dass Eltern ihre Säuglinge mit einer ferngesteuerten Wiege beruhigen, statt sie selbst auf den Arm zu nehmen“, ist er überzeugt. Andere würden Kleinkinder durch Smartphones still stellen. „Das schafft bindungsgestörte Menschen“, sagt Buob.
Buch statt Smartphone
Er fordert daher: mehr gemeinsame Aktivitäten. „Gemeinsam ein Buch lesen, auf den Spielplatz, zum Sport gehen“, führt er aus. Zudem Grenzen für die Nutzung digitaler Medien für die Kinder und innerhalb der Familie, etwa: „Keine Smartphones am Esstisch.“ Ansonsten gelte: „Kein Bildschirm unter drei Jahren, keine Spielkonsole vor sechs Jahren und kein Handy vor neun und kein internetfähiges Smartphone vor zwölf Jahren“, sagt Michael Buob.
Bei allen momentanen Problemen mit digitalen Medien ist Buob dennoch optimistisch. „Wir befinden uns gerade in einer Übergangs- und Gewöhnungsphase, in der Gesellschaften den richtigen Umgang mit den digitalen Medien lernen“, sagt er. „Das wäre zumindest meine Hoffnung.“