Kreis Ludwigsburg
: Seit 20 Jahren gibt es Jugendbegleiter

Das Jugendbegleiter-Programm des Kultusministeriums gibt es seit 2006. Wie die Umsetzung aussehen kann, hat sich die BZ an der Maximilian-Lutz-Realschule in Besigheim angeschaut.
Von
Lisa Lorenz
Ludwigsburg
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Die Jugendbegleiterinnen Emma Rosenmann (links) und Lotta Deusch (rechts) beaufsichtigen Fünft- und Sechstklässler während der Lernzeit, beantworten Fragen und erklären Hausaufgaben.

Martin Kalb

Bei den Fünft- und Sechstklässlern im Raum ist erst noch kurz ein Murmeln zu hören und einzelne, leise Nachfragen an den Sitznachbarn, was die Hausaufgaben sind. Schon bald wissen alle, was zu tun ist, und machen sich an die Arbeit – die einen still und konzentriert, die anderen in Teamarbeit mit einem Mitschüler. In der Maximilian-Lutz-Realschule Besigheim ist gerade Lernzeit. Da werden Hausaufgaben gemacht, Stoff wird wiederholt, und wer fertig ist, darf Spiele spielen. Alles unter Aufsicht zweier Jugendbegleiterinnen, die selbst erst Neuntklässlerinnen sind. Möglich macht es das Jugendbegleiter-Programm des Landes Baden-Württemberg, das von der Jugendstiftung im Auftrag und mit finanziellen Mitteln des Kultusministeriums umgesetzt wird. In diesem Jahr feiert das Programm sein 20-jähriges Bestehen.

Die Ursprungsidee des Projekts sei gewesen, Schule zu öffnen, sie von einem Lernort zu einem Bildungs- und Lebensort werden zu lassen, aber auch Talente zu entdecken, Kinder an Hobbys heranzuführen und Gemeinschaftserlebnisse zu schaffen, erklärt die Leiterin des Programms, Stefanie Wichmann. Mittlerweile sei dieses Ziel erreicht, findet die Geschäftsführerin der Jugendstiftung Birgit Schiffers.

Wachstum hat überrascht

„Wir haben einfach mal begonnen mit 250 Schulen“, erzählt sie, und schnell hätten sie den Bedarf gemerkt, wodurch sie mit jedem Schuljahr gewachsen sind. Von 2006 bis 2010 befand sich das Programm in einer Modellphase, dann ging man über in die Regelphase. Mittlerweile nehmen circa 2000 der 4000 Schulen im Land am Programm teil. Schiffers freut sich über die Treue der Schulen: Von den 250, mit denen das Programm startete, sind 196 noch immer mit dabei. Im Landkreis Ludwigsburg sei das Programm sehr gut aufgestellt.

Mit den Jahren sei das Programm mit der gesellschaftlichen Veränderung mitgewachsen, sagt Wichmann. Auch, wenn die wachsenden Zahlen eine Überraschung waren und zunächst eine Herausforderung. Gerade mit Blick auf die Ganztagesbetreuung sollte mit dem Programm nicht nur eine Betreuung, sondern ein Bildungsangebot geschaffen werden. Je nach Umfang, in dem das Programm an einer Schule umgesetzt wird (es können vier bis 61 Stunden pro Woche Jugendbegleiter eingesetzt werden), erhält die Schule ein Budget. Diese Mittel des Kultusministeriums werden für eine Aufwandsentschädigung für die Jugendbegleiter, aber auch für Fortbildungen ausgegeben. Ein komplettes Ganztagsangebot kann damit nicht abgedeckt werden; das Programm ist vielmehr ein Baustein unter anderen, sagt Schiffers, „aber er ist wichtig, weil er Ehrenamtliche an die Schulen holt“. Diese Ehrenamtlichen können Mütter und Väter von Schülern sein, aber auch Großeltern, Studenten oder Vereinsmitglieder. Auch die Schüler der Schule selbst können Jugendbegleiter werden – 50 Prozent der Ehrenamtlichen sind selbst Schüler. Die Themen, die hauptsächlich von den Jugendbegleitern umgesetzt werden, sind Sport, Hausaufgaben, Kunst, Kultur und Musik – aber es gebe auch „Debating-“, Technik-, IT- und Youtube-AGs, weiß Wichmann. Jugendbegleiter zu finden, laufe unterschiedlich ab: Die Schulen suchen selbst, man gehe aber auch auf Vereine und Eltern zu. „Es ist wie ein Schneeballsystem: Wenn das Programm einmal läuft, spricht es sich herum und die Leute kommen auf die Schule zu“, sagt Wichmann.

Die Maximilian-Lutz-Realschule in Besigheim ist eine der rund 2000 teilnehmenden Schulen in Baden-Württemberg. Dort arbeiten Jugendbegleiter in der Rope-Skipping- und Jonglier-AG sowie in der Lernzeit und Hausaufgabenbetreuung. Eine Tanz-AG und eine Film-AG sind gerade im Aufbau, sagt Schulleiter Christoph Hofer. „Früher gab es noch die Schulgarten-AG und Mathematik-Nachhilfe, die auch von einem Jugendbegleiter betreut wurde.“ Schon seit 2010 gibt es das Programm an der Realschule.

Jeweils zwei Jugendbegleiter

In der Lernzeit werden Fünft- und Sechstklässler, die Unterstützung bei den Hausaufgaben und dem Schulstoff brauchen, betreut. Drei mal wöchentlich gibt es die Lernzeit, in der jeweils zwei Jugendbegleiter aus der neunten Klasse arbeiten. Am Dienstagnachmittag sind es Lotta Deusch und Emma Rosenmann, die gemeinsam mit Lehrerin Julia Länge das Klassenzimmer im Blick behalten und den jüngeren Schülern helfen, wenn sie mit einer Frage die Hand heben. „Die Lernzeit wird sehr gut nachgefragt“, sagt der stellvertretende Schulleiter Felix Kron. Weil auch die Fünft- und Sechstklässler schon Nachmittagsunterricht haben, werde sie drei mal pro Woche angeboten. Etwa 20 Schüler sind jedes Mal dabei, manche an einem Wochentag, andere an allen drei. Die Jugendbegleiter für die Lernzeit werden von den Lehrern vorgeschlagen oder bekunden selbst ihr Interesse. Ihre ehrenamtliche Aufgabe gilt dann für das ganze Schuljahr. „Wir fragen gezielt die Neuntklässler, weil sie schon die nötige Reife haben, gleichzeitig aber noch nicht den Druck durch die Abschlussprüfungen“, erklärt Lehrerin Länge.

Lotta Deusch und Emma Rosenmann sind beide zum ersten Mal Jugendbegleiterinnen. Es ist erst die zweite Woche des Schuljahrs, in dem die Lernzeit stattfindet. Das merkt man den Jugendlichen aber nicht an: Ganz selbstverständlich laufen sie zwischen den Tischen im Raum umher, beantworten Fragen und erklären Aufgabenstellungen. Lotta Deusch, deren Mutter selbst Lehrerin ist, erzählt: „Ich fand Nachhilfe immer schon interessant. Für mich war es wichtig, dass ich zuhause Hilfe bekommen habe, und ich fand es traurig, dass andere das nicht haben.“ Also hat sie sich gemeldet, als nach Jugendbegleitern gefragt wurde, und Emma Rosenmann, die es ebenfalls toll findet, Kindern zu helfen, hat es ihr gleichgetan. Die Rolle war für sie erst ungewohnt: „Das war komisch. Sonst sitze ich ja auch, und ich wusste erst nicht, was ich machen sollte.“ Davon ist mittlerweile nichts mehr zu spüren, und Emma Rosenmann weiß schon jetzt, dass sie gerne noch mal Jugendbegleiterin sein will.

Eine neue Aufgabe

Lotta Deusch, die letzte Woche verhindert war und deshalb am Dienstagnachmittag das erste Mal als Jugendbegleiterin arbeitet, sagt: „Man stellt es sich ein bisschen anders vor“, aber ihre ehrenamtliche Aufgabe findet sie toll. „Ich verstehe bloß die Spiele noch nicht“, sagt sie lachend. Die Spiele – Brett- und Kartenspiele in rauen Mengen – dürfen sich die Schüler als Belohnung holen, wenn sie mit allem fertig sind.

Das heißt: Nicht nur die Hausaufgaben sind gemacht, auch eine zusätzliche Aufgabe, die sich die Schüler bei den Jugendbegleiterinnen abgeholt und ihnen dann zur Kontrolle vorgezeigt haben, ist erledigt. Dann stellt sich nur noch die Frage, welches Spiel es sein soll. Zwischen zwei Mitschülern löst sie eine kurze Diskussion aus.