Kreis Ludwigsburg
: Nach Attacke auf Schülerin: Zahlen sinken, Angst bleibt

Eine Zwölfjährige wird verprügelt und dabei gefilmt: Der Fall löste Entsetzen im Landkreis Ludwigsburg aus. Wie groß ist das Problem der Jugendgewalt wirklich?
Von
Philipp Obergassner
Ludwigsburg
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Die Polizeistatistik zur Gewalt an Schulen zeigt ein gemischtes Bild (Symbolfoto).

dpa/Fabian Sommer

Sie wurde geschlagen, gedemütigt und dabei gefilmt: Der Fall des zwölfjährigen Mädchens, das im Mai an einer Ludwigsburger Realschule von einer Gruppe etwa Gleichaltriger attackiert wurde, hat große Bestürzung ausgelöst. Die Ermittlungen dazu sind abgeschlossen, doch viele Kommentare im Internet zeigen: Viele Eltern treibt das Thema um – denn sie nehmen wahr, dass die Gewalt an Schulen immer weiter zunimmt und nichts dagegen unternommen wird. Doch was ist dran an dieser Wahrnehmung?

Kirsten Scheel sieht keine unkontrollierbare Gewaltspirale: „Das Gefühl, dass die Gewalt zugenommen hat, ist da. Das kann ich auch verstehen“, sagt die leitende Referentin für die Jugendarbeit im evangelischen Kirchenbezirk Ludwigsburg. Schulsozialarbeiter des CVJM unter ihrer Leitung betreuen mehrere Gymnasien, eine Gemeinschaftsschule und eine Realschule in Ludwigsburg. Für ihre Mitarbeiter und ihre Standorte gesprochen, kann sie aber sagen, dass sie keine Belege für eine Zunahme der Gewalt hat – weder in der Häufigkeit, noch in der Heftigkeit.

Rückgang der Gewalt nach einem Zehnjahreshoch

Das belegt auch ein Blick auf die Kriminalstatistik der Polizei: Zwischen 2024 und 2025 haben die Fälle von Schulgewalt im Kreis Ludwigsburg von 206 auf 160 abgenommen. Hauptursache für den Rückgang ist eine Abnahme bei den einfachen Körperverletzungen, schreibt das Polizeipräsidium in seinem Sicherheitsbericht. Diese machten den größten Anteil an Fällen von Schulgewalt aus. Ein Jahr zuvor war die erfasste Schulgewalt im Landkreis noch auf dem höchsten Stand seit zehn Jahren gewesen. Auch jetzt liegt der Wert noch deutlich über jenen vor dem Jahr 2020, dem Beginn der Corona-Pandemie.

Andrea Glück, stellvertretende Leiterin des Referats Prävention beim Polizeipräsidium Ludwigsburg, ordnet die Zahlen ein: Ein Teil des Anstiegs der letzten Jahre gehe auch auf ein verändertes Anzeigeverhalten zurück. „Heute ist die Bereitschaft größer, direkt zur Polizei zu gehen“, sagt Glück. Zudem sei auch die Fähigkeit von Jugendlichen, Konflikte zu lösen, ein Stück weit verloren gegangen. Viele zur Anzeige gebrachte Körperverletzungen an Schulen wiesen kein klassisches Täter-Opfer-Profil auf, sondern seien häufig Endpunkt von Streitereien. Bis zu einem gewissen Grad sei das bei Jugendlichen auch entwicklungstypisches Verhalten.

Damit nimmt Glück auch Eltern und Schüler in die Pflicht, Konflikte zu lösen. Auch die Schulen, die bereits vieles im Hinblick auf Prävention unternähmen, seien gefragt. „Die Schüler müssen vor Ort miteinander klarkommen, das kann die Polizei nicht richten“, sagt sie. Und dennoch: „Der Weg zur Polizei ist immer offen“, sagt Glück. Gerade, wenn Schüler vor Ort kein Gehör fänden.

Kirsten Scheel von der Jugendarbeit sorgt noch eine andere Sache: Immer mehr Kinder haben bereits in jungen Jahren ein Smartphone, zum Teil schon in der zweiten Klasse. „Die Kinder und Jugendlichen werden immer früher mit Inhalten und Themen konfrontiert, die nicht altersentsprechend sind.“ Auch hier seien die Eltern gefragt.

Psychische Gewalt über digitale Kanäle

Hinzu komme Mobbing über soziale Medien. Psychische Gewalt über digitale Kanäle auszuüben, sei viel leichter, die Hemmschwelle viel geringer. Und anders als früher könnten die Opfer auch nach der Schule nicht abschalten.

Den Eltern fehle zum Teil die Kompetenz, zu überblicken, was sich auf den Handys ihrer Kinder abspiele. Viele der heutigen Jugendlichen konnten laut Scheel zudem wichtige soziale Kompetenzen nicht aufbauen, weil ihnen während der Corona-Pandemie der Sozialisationsort Schule fehlte. Diese Aussage liefert einen weiteren möglichen Erklärungsansatz dafür, dass die Fallzahlen von Schulgewalt seit 2022 deutlich höher liegen als in den Jahren vor Corona.

Einige unserer Leser berichten, dass im Falle von körperlichen Streits auf dem Schulhof niemand eingreift. Dem widerspricht Scheel: „Es gibt immer eine Aufsicht auf Schulhöfen.“ Wer eine Schlägerei wahrnimmt, solle wie folgt vorgehen: Zuerst sollte er oder sie sich selbst sichern, um sich dann zu fragen, wie er oder sie die Situation stoppen kann. Wenn klar ist, dass man das nicht alleine schafft, müsse man sich Unterstützung holen – im Zweifel eben auch die Polizei.

Und allen Schülern, die Opfer von Gewalt geworden sind, rät sie: „Du musst das nicht alleine aushalten! Geh zu einer erwachsenen Person, der du vertraust und die dir helfen kann.“