Kreis Ludwigsburg: Mehr junge Menschen ohne Arbeit

Die Anzahl der unter 25-Jährigen ohne Arbeit ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die schwache Konjunktur und bisweilen fehlende oder falsche Qualifikation der Bewerber wirken dabei zusammen.
picture alliance/Michael BihlmayerDie Jugendarbeitslosigkeit in Baden-Württemberg ist derzeit so hoch, wie seit 2010 nicht mehr. Das geht aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor. Und auch die Arbeitsagentur im Kreis Ludwigsburg hat in ihrem jüngsten Arbeitsmarktbericht Alarm geschlagen. Martin Scheel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Ludwigsburg, wird darin wie folgt zitiert: „Mit wachsender Sorge beobachten wir den Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit in den vergangenen Monaten. Junge Menschen sind beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Beschäftigung derzeit besonders von den schwierigen Arbeitsmarktbedingungen betroffen. Diese Entwicklung ist ein ernstzunehmendes Warnsignal, da ein erschwerter Berufseinstieg langfristige Auswirkungen auf Erwerbsbiografien haben kann.“ Die Arbeitslosenquote der unter 25- Jährigen lag im März bei 4,6 Prozent und damit um 0,8 Prozentpunkte über dem Vorjahreswert.
Als ursächlich für diese Entwicklung sieht Scheel die seit vier Jahren bestehende wirtschaftliche Schwäche, wie er auf BZ-Anfrage mitteilt. Die Situation vieler Unternehmen sei sehr angespannt, die Nachfrage nach Arbeitskräften befinde sich insgesamt auf einem Tief. „Zudem haben dreiviertel der Arbeitslosen unter 25 Jahren keinen Berufsabschluss, was die Chancen auf eine dauerhafte Beschäftigungsaufnahme deutlich mindert. Aber auch viele qualifizierte Berufseinsteigende finden aktuell nur schwer den Zugang in die Unternehmen. Die Unternehmen bleiben vorsichtig und bauen noch immer mehr Stellen ab, als dass sie neue schaffen.“
Verzahnung der Akteure fördern
So würden in der Praxis mehrere Dinge zusammenkommen: Die schwierigen Rahmenbedingungen für Unternehmen, verbunden mit Risiken für die Personalplanung, mit mangelnder Qualifizierung, teilweise auch mangelnder Flexibilität und Belastbarkeit, der jungen Bewerber. Insgesamt beobachte Scheel ein geschwächtes duales Ausbildungssystem.
Was also tun? „Ein wirksamer Ansatzpunkt könnte sein, die Verzahnung der Akteure zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit noch weiter auszubauen und verbindliche Netzwerkstrukturen mit gemeinsamen Zielsetzungen und klaren Rollen zu schaffen.“ Scheel denkt dabei an einen Runden Tisch der wesentlichen Akteure unter den Gesichtspunkten „Wie lösen wir das gemeinsam?“ und „Wer leistet dazu welchen Beitrag?“ Auch die Einrichtung einer Jugendberufsagentur wäre ein Wunschprojekt der Arbeitsagentur. Ein solcher Zusammenschluss von Einrichtungen (Agentur für Arbeit, Jobcenter, Jugendhilfe, Schulen/Schulamt, Kammern, soziale Träger) könnte eine abgestimmte Beratung, Förderung und Vermittlung aus einer Hand ermöglichen. „Das Problem wird sich nach unserer Auffassung nicht von alleine lösen. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass sich die Problematik noch verschärfen könnte. Umso wichtiger ist es deshalb, mit vereinten Kräften dagegen aktiv anzugehen“, so Scheel weiter.
Qualifizierte Fachkräfte gesucht
Wie blicken die Arbeitgeber auf die besorgniserregende Situation? Reiner Boucsein, stellvertretender Geschäftsführer der IHK Region Stuttgart, sieht die schwierige Auftragslage vieler Unternehmen und in der Folge begrenzten Personalbedarf auf der einen Seite, und die mangelnde Ausbildungsreife vieler Bewerber auf der anderen Seite als Grund für die schwierige Ausgangslage. „Der Strukturwandel verändert die Arbeitswelt, in der insbesondere passend qualifizierte Fachkräfte gebraucht werden.“ Die Zahlen belegen das: Einerseits habe man 2025 mit 1590 neu eingetragenen Ausbildungsverträgen ein Minus von 3,3 Prozent zu verzeichnen, andererseits blieben viele Ausbildungsplätze unbesetzt, weil ein Mangel an geeigneten Bewerbungen vorgelegen habe. Ein eher uneinheitliches Lagebild zeigt sich bei der Übernahme der Arbeitskräfte nach einer abgeschlossenen Ausbildung. „Wir haben sowohl Unternehmen, die über die eigene Ausbildung hinaus junge Fachkräfte suchen als auch solche, die derzeit keinen Bedarf haben.“
Das A und O ist aus Sicht von Reiner Boucsein eine frühzeitige und praxisorientierte Berufsorientierung mit vielfältigen Einblicken in die reale Arbeitswelt. Jugendlichen und Eltern müssten zudem deutlicher aufgezeigt werden, dass eine duale Berufsausbildung Aufstiegsmöglichkeiten bis zum Master-Niveau bieten könne – auch unter dem Aspekt der Verdienstchancen im Vergleich zu akademischen Bildungswegen.
Informationsdefizit als Problem
Ähnlich blickt man bei der Handwerkskammer Region Stuttgart auf die gestiegene Jugendarbeitslosigkeit: Die schwache Konjunktur sowie fehlende oder falsche Qualifikationen der Bewerber spielen dabei eine Rolle, wie Sprecher Raphael Hertkorn mitteilt. „Gleichzeitig sind die Jungen Menschen immer stärker geplagt von Zukunftsängsten und es fällt ihnen schwer, eine berufliche Entscheidung zu treffen.“ Und auch ein Informationsdefizit lasse sich häufig feststellen, so Hertkorn weiter.
Aus Sicht der Handwerkskammer müsse daher die Berufsorientierung an den Schulen ausgebaut und intensiviert werden. Etwa durch Bildungspartnerschaften zwischen Handwerksbetrieben und Schulen könnten Jugendliche früh mit dem Berufsbild in Kontakt kommen. „Viele Menschen gehen noch immer davon aus, dass man mit einem Studium bessere berufliche Chancen hat als mit einer Karriere im Handwerk. Hier ist ein noch stärkeres Umdenken in der Gesellschaft nötig“, so Hertkorn. Denn wer sich nach einer Ausbildung weiterbilde, etwa den Meistertitel oder Betriebswirt mache, der habe ausgezeichnete Karriereperspektiven und vergleichbare Verdienstmöglichkeiten wie mit einem Studium, sagt er.
Mehr Ausbildungen im Handwerk
Im Jahr 2025 haben 745 junge Menschen eine Ausbildung in einem Handwerksbetrieb im Landkreis Ludwigsburg begonnen, das sind fünf Ausbildungsverträge mehr im Vergleich zum Vorjahr. Der Landesverband Handwerk BW hat im vergangenen August zudem einen neuen Spitzenwert bei der Übernahmequote erreicht: 79 Prozent. Grundsätzlich gelte, dass Betriebe mit einer guten Ausbildungsqualität nur selten Schwierigkeiten haben, motivierte Azubis zu finden.
