Kreis Ludwigsburg: Kinder leiden öfter an Kopf- und Bauchschmerzen

Dr. Michael Buob, Ärztlicher Direktor der Station Kinder- und Jugendpsychosomatik an den RKH Kliniken.
/Oliver BürkleEinschlaf- und Durchschlafprobleme, Kopf- und Bauchschmerzen: Seit 2010 haben Schulkinder mehr psychosomatische Beschwerden. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation. Dr. Michael Buob, Ärztlicher Direktor der Station Kinder- und Jugendpsychosomatik an den RKH Kliniken in Ludwigsburg, und sein Team haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Die BZ hat mit ihm über Ursachen und Therapien gesprochen.
Was sind die Ursachen für psychosomatische Beschwerden?
Dr. Michael Buob: Die Auslöser bei Kindern und Jugendlichen sind häufig subjektiv beziehungsweise objektiv erlebte Belastungen oder Schwierigkeiten im Umgang mit Ruhe und Langeweile. Solche werden über ein feines Netzwerk von Körper, Geist und Seele verarbeitet – und im Idealfall kommt es zu einer Bewältigung. Bei den Kindern, die das nicht bewältigen können, kann es über den Körper nicht „verarbeitet“ werden und lagert sich als Schmerz oder als negatives Gefühl ab.
Was meinen Sie mit Langeweile?
Kinder, die sich nicht mit sich selbst beschäftigen oder die Ruhe oder das „Warten müssen“ nicht mehr aushalten können – die gibt es immer mehr. Das sind Kinder, die zur Stimulation und Ablenkung exzessiv Medien nutzen oder andere Menschen als Beistand benötigen. Wenn man sich etwa ein Tiktok-Video anschaut, wird dort eine virtuelle Welt dargestellt, aber nichts, was mittel- oder langfristig im realen Alltag eine Bedeutung hätte und eine emotionale Befriedigung oder Entlastung schafft.
Warum trifft das manche Kinder, andere aber nicht?
Das hat viele Gründe. Neben einer individuellen erhöhten Sensibilität lebt ein Kind ja nie isoliert, sondern ist von den Eltern und Geschwistern sowie Freunden umgeben. Häufig spielt auch die Veranlagung eine Rolle. Ängste und Depressionen werden zwar nicht im engeren Sinne vererbt, die Veranlagung, wie zum Beispiel wie widerstandsfähig (resilient) man ist, aber schon. Hinzu kommt, dass den Kinder unsere Gesellschaft, Freunde, Eltern und Lehrer als Vorbilder dienen (im Positiven wie Negativen).
Ab wann sind psychosomatische Beschwerden besorgniserregend?
Immer dann, wenn das Kind den Alltag nur noch schlecht oder gar nicht mehr bewältigen kann. Wenn es etwa morgens nicht aufsteht oder sich nicht mehr ausreichend wäscht, nicht in die Schule gehen kann. Und vor allem, wenn die Freude am Spielen und an anderen Menschen zurückgeht. Diese Kinder ziehen sich dann zurück oder werden aggressiv – sie gehen in ihrer Entwicklung zurück (regredieren). Sie schlagen, beißen, kratzen, spucken oder pflegen sich nicht mehr. Vordergründig löst ein solches Verhalten für die Kinder ganz viele Probleme – sie halten sich damit etwas vom Leib.
Worum geht es in Ihrer Therapie?
Es geht um Verlässlichkeit und Beziehungsarbeit: Die Grundlage bildet die Alltagsstruktur auf der Station im Rahmen der Unterstützung und Begleitung über unser Pflege- und Erziehungsteam und Therapeutenteam. Also, morgens werden die Kinder geweckt, dann müssen sie sich waschen. Hygiene ist oft schon ein ganz großes Problem. Dann machen sie ihr Bett, gehen gemeinsam frühstücken. Gemeinschaftliche Essenszeiten kennen viele unserer Kinder nicht. Dann gehen sie gemeinsam in die Schule gegenüber und am Nachmittag wird zusammen etwas unternommen. Rituale und Struktur sowie eine zunehmende alltägliche Belastung sowie Lernen und Herausarbeiten von Ressourcen ist die Grundbehandlung. Darauf aufbauend gibt es Einzel- und Gruppentherapie im Rahmen der Psychotherapie, die verhaltenstherapeutisch und systemisch ausgerichtet ist.
Bei Zwangserkrankungen, Traumafolge-, Schmerz- oder auch Bindungsstörungen sowie Störungen aus dem Autismusspektrumbereich und depressiven Störungen sowie Essstörungen kommen begleitend eventuell noch Anteile aus der Tiefenpsychologie hinzu.
Werden die Familien einbezogen?
Ja, bei uns finden regelmäßig Gespräche mit den Eltern beziehungsweise der Familie statt. Es zeigen sich auch in der Familie häufig Überlastungen und (psychische) Belastungen.
Ist eine Überforderung der Eltern ein gesellschaftliches Problem?
Insgesamt sind in der Gesellschaft – durch Corona noch beschleunigt – gemeinsame Rituale und Strukturen oft verloren gegangen. Es fehlt häufig an regelmäßigen sozialen Kontakten oder diese werden nicht ausreichend gepflegt (zum Beispiel Vereine). Ein Hauptgrund für Überforderung ist auch, dass alles viel schneller geht und die Abläufe im Alltag sehr viel schneller erlebt werden und man sich dadurch auch rascher überlastet fühlt. Es erkranken mehr Kinder und werden auffällig. Kindliche individuelle Verhaltensauffälligkeiten werden zum Teil benutzt, um Aufmerksamkeit und Zuwendung zu erhalten und um wahrgenommen zu werden, auch wenn es eher negativ ist.
Welche Rolle spielen Handys dabei?
Viele Menschen gehen ohne Handy nirgendwo mehr hin, es ist schon fast Teil einer Weltanschauung. Diese erlernen die Kinder von ihrer Umgebung. Sich zum Beispiel Tiktok-Videos anzuschauen oder zu zocken, beruhigt aber nur vordergründig. Denn das Schauen auf den Bildschirm stresst den Körper, die Herzfrequenz steigert sich und das Blaulicht der Bildschirme erregt – obwohl man das Gefühl hat, ruhig zu sein. Aber wir wollen die Handys/Medien nicht an sich verteufeln und wenn man mal eine Stunde darauf schaut, macht das sicher nichts. Es geht darum, einen guten und gesunden Umgang damit zu finden.
Wo liegt da die Grenze?
Das muss man individuell herunterbrechen. Aber wenn ein Kind nachts zehn Stunden lang am Handy zockt, verliert es oft einen gesunden Schlaf-Wach-Rhythmus, tut sich beim Lernen schwerer und vernachlässigt seine Freunde.
Können die Kinder das noch nachträglich lernen?
Ja, unsere Kinder sind in ihrer seelischen Entwicklung oft einige Jahre zurück, tragen aber häufig noch viel Resilienz in sich. Sie können diese Entwicklung in Teilen nachholen und nachreifen. Für uns geht es nicht unbedingt nur um eine mögliche Heilung. Denn die ist manchmal schwierig. Uns geht es primär häufig darum, dass die Kinder die vorhandenen Belastungen, die sie in sich tragen – mit den Angehörigen oder in der Schule –, bewältigen und es mit sich selber aushalten. Wir wollen es ihnen ermöglichen, dass sie später eine Ausbildung absolvieren oder zum Beispiel eine Familie gründen können. Das ist unser Ziel.
Sind Sie dabei erfolgreich?
Zwei bis sechs Monate nach der Entlassung kommen viele Jugendliche noch einmal vorbei und das ist immer ein tolles Erlebnis – für alle Mitarbeiter und alle Jugendlichen, die dann auf Station sind. Denn sie erfahren, dass es weitergeht, dass der Aufenthalt kein Absturz war, sondern ihnen viel gebracht hat und sie wieder einen Weg zurück ins Leben gefunden haben.
Gab es schon immer Bindungsproblematiken, wird heute nur öfter darüber gesprochen?
Die gab es schon immer, aber früher gab es noch mehr Großfamilien. Da konnten sich die Kinder denjenigen Angehörigen aussuchen, der zu ihnen gepasst hat. Heute müssen die Eltern aus unterschiedlichen Gründen arbeiten, sind selber gestresst und die Familie ist oft auf diese zwei Bezugspersonen begrenzt. Oft wollen die Eltern ihre Selbstständigkeit leben und wollen die Omas und Opas gar nicht dabeihaben. Das, was das afrikanische Sprichwort thematisiert, nämlich dass es ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen, das kommt uns abhanden.
Sie zeichnen ein trauriges Bild.
Ja, aber ich glaube auch, dass 70 bis 80 Prozent der Familien und Kinder die geforderten Entwicklungsaufgaben ganz gut bewältigen. 20 bis 30 Prozent tun sich zumindest phasenweise schwer.
Können Ihre Patienten auch Dinge besonders gut?
Ja, bei allen Jugendlichen gibt es etwas, dass sie sehr gut können: Der eine erzählt tolle Witze, der andere ist künstlerisch begabt, kommunikativ oder hat eine hohe Mathematikfähigkeit. Und es ist faszinierend zu sehen, wenn man diese Fähigkeit bemerkt und sich denkt: Stimmt, so kann man es auch machen und mit der Situation umgehen. Es sind wie Inseln, die man finden muss.
Diese Stärken herauszufinden, ist auch ein wesentlicher Teil unserer Behandlung. Denn dadurch können wir den Selbstwert der Kinder steigern. Im Alltag schauen wir viel zu oft nach den Mängeln und Schwächen. Aber die Hauptarbeit ist es, die Ressourcen zu entdecken – bei den Eltern und den Kindern.
Vielen Dank für das Gespräch.