Kreis Ludwigsburg: Führerschein: Mehr Fahrschüler scheitern an der Theorie

Aktuelle Zahlen des Tüv-Verbands zeigen, dass immer mehr Fahrschüler durch die theoretische Führerscheinprüfung rasseln.
dpa/Swen PförtnerDas Objekt der Begierde vieler Heranwachsender ist der Führerschein. Er ist ein Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit. Doch aktuelle Zahlen des Tüv-Verbands zeigen: Jeder zweite Prüfling ist 2023 durch die theoretische Führerscheinprüfung gerasselt.
Insgesamt wurden 2023 bundesweit 42 Prozent aller theoretischen Prüfungen nicht bestanden, in der Klasse B – dem PKW-Führerschein – gar 49 Prozent und damit acht Prozent mehr als vor zehn Jahren. Baden-Württemberg belegt mit einer Durchfallquote von 52 Prozent einen der schlechtesten Plätze. Bei der praktischen Prüfung sieht es mit einer Durchfallquote von 29 Prozent hingegen besser aus. Bundesweit liegt die Praxis-Quote seit einigen Jahren stabil bei rund 30 Prozent – im Vergleich zu 2014 dennoch ein Anstieg um vier Prozent.
Mit Bernd Janzens Erfahrungen decken sich die Zahlen des Tüvs zwar nicht, überrascht ist er davon aber keineswegs. Er betreibt Fahrschulen in Sachsenheim, Bietigheim und Zaberfeld. In ländlichen Regionen sei das Niveau höher als in der Großstadt. Allerdings habe die Fahrerlaubnis nicht mehr den Stellenwert, den sie in der Vergangenheit innehatte. „Früher hatten die Jugendlichen mit 18 Jahren einen viel stärker ausgeprägten Freiheitsdrang. Heute machen viele den Führerschein erst später und gehen dann auch lockerer an die Sache heran.“
Wiederholungen häufen sich
In der Konsequenz häufen sich Wiederholungsprüfungen. Diese machten 2023 37 Prozent des gesamten Prüfungsaufkommens aus, davon wurden 54 Prozent nicht bestanden. „Jede nicht bestandene Fahrprüfung muss wiederholt werden und bindet Prüfkapazitäten“, sagt Richard Goebelt, Fachbereichsleiter Fahrzeug und Mobilität beim Tüv-Verband.
Die Zahlen zeigen weiter: Die Durchfallquote beim begleiteten Fahren BF 17 liegt mit 38 Prozent deutlich unter den 49 Prozent der Klasse B. Richard Goebelt sagt: „Ein Grund könnte sein, dass diejenigen, die die Prüfung als BF 17 ablegen, häufig noch die Schule besuchen und es möglicherweise noch gewöhnt sind, sich auf Prüfungen vorzubereiten und auch routiniert im Umgang mit Prüfungssituationen sind. Möglicherweise ist auch die intrinsische Motivation dieser Prüflinge höher. Sie sind eventuell aus familiären oder beruflichen Gründen, wie der Beginn einer Ausbildung, auf den Führerschein angewiesen.“ Weiter sagt er: „Grundsätzlich kann festgehalten werden: Je jünger der Bewerber oder die Bewerberin, desto geringer ist die Ablenkung durch Berufsleben, Familiengründung, Ausbildungs- oder Berufssuche von einer intensiven Prüfungsvorbereitung.“
Um dem Negativ-Trend entgegenzutreten fordert der Tüv-Verband unter anderem verbindliche Lernstandsbeurteilungen in der Lernphase und einheitliche Qualitätsstandards durch einen verbindlichen Ausbildungsverlauf. „Verbindliche Lernstandsbeurteilungen in der Fahrschule gewährleisten, dass mehr Fahrschüler bei der Prüfung erscheinen, die auch realistische Chancen auf ein Bestehen haben“, so Goebelt. Weiter gelte es die Fahrkompetenz mit E-Learning-Methoden oder Fahrsimulatoren zu verbessern.
Bernd Janzen bietet in seinen Fahrschulen vor den Unterrichtsstunden kostenlose Prüfungsbögen an, mit denen die Schülerinnen und Schüler ihren Wissensstand testen können. „Das wird auch gut angenommen.“
„Eine Fleißaufgabe“
Christoph Böckle, Inhaber der AbC-Fahrschule mit Standorten in unter anderem Freiberg, Ingersheim und Löchgau findet, zu oft werde die Prüfung auf die leichte Schulter genommen. „Wer sich vorbereitet, besteht. Unterm Strich ist das eine Fleißaufgabe.“ Seine Aufgabe sei es, Anreize zu schaffen. Ein Modell: die sogenannte Jokerkarte. Für Schülerinnen und Schüler, die in Vorbereitung auf den Test mindestens 50 bestandene Simulationsprüfungen vorweisen können, werden die Kosten einer etwaigen Zweitprüfung von der Fahrschule übernommen. Nach rund einem Jahr sei dieser Fall erst kürzlich erstmalig eingetreten. In seinen Fahrschulen sei die Durchfallquote 2023 sogar um zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken.
Ohne Eigenmotivation sei jedoch kein Erfolg zu erwarten. Sätze wie „Das hat früher auch jeder geschafft, das packst du schon“, seien dabei wenig hilfreich. Sie motivieren lediglich dazu, die Prüfung zu unterschätzen.
Simulatoren, auf denen erste Fahrstunden absolviert werden können, bieten sowohl Böckle als auch Janzen in ihren Fahrschulen an. Außerhalb des Unterrichts werde heutzutage aber weniger Wert auf die Verkehrsausbildung gelegt. Extra-Lerneinheiten mit den Eltern auf abgesperrten Bereichen finden kaum noch statt, so Böckle. „Die Schülerinnen und Schüler kommen viel unbedarfter in die Fahrschule.“
Eine Hürde für den Erhalt der Fahrerlaubnis wurde derweil abgeschafft: Wer früher durchgefallen ist, konnte die Theorie bis zu zweimal im Abstand von zwei Wochen wiederholen und war anschließend für drei Monate von einer Wiederholungsprüfung ausgeschlossen. Heute kann die Prüfung alle 14 Tage wiederholt werden – so oft man möchte, erklärt Janzen.
Prüfung wird anspruchsvoller
Dabei wird die Prüfung immer anspruchsvoller: Mittlerweile stehen weit über 1000 Fragen zur Auswahl, Videofragen, wie sie seit einigen Jahren Teil der theoretischen Führerscheinprüfung sind, sorgen für zusätzliche Komplexität. Zu oft würden letztere auf dem Smartphone statt auf dem Laptop oder PC gelernt, sagt Janzen. Auf dem kleinen Bildschirm können nämlich schnell Details im Innen- oder Außenspiegel übersehen werden.
In der Praxis müsse man wiederum mit wachsendem Verkehr zurechtkommen, sagt Böckle. „Es ist einfach nicht jede Situation darstellbar, weshalb auch bei einer guten Ausbildung ein bisschen Glück dazu gehört.“ Janzen erklärt, heutzutage werde auch verlangt, während der Fahrt die Fahrassistenzsysteme bedienen zu können – eine zusätzliche Herausforderung. „Das geht für mich zu weit. Wir arbeiten mit Anfängern, das sind alles Menschen, die sich ohnehin in einer Stresssituation befinden“, sagt der Fahrlehrer.
