Kreis Ludwigsburg: Expertenrat wegen Lieferengpässen: Strickweste statt Wärmepumpe

Die Firma Wanderer aus Sachsenheim baut im Bietigheimer Laiern eine Gasheizung ein. Wer dagegen eine Wärmepumpe möchte, muss sich in Geduld üben. Die Nachfrage ist enorm gestiegen und die Zulieferer kämpfen selbst mit gestiegenen Kosten.
/Martin KalbDer Herbst steht vor der Tür und damit die neue Heizperiode – mitten in der Energiekrise und ihrer enormen Preissteigerung für Strom und Gas. Der Wunsch nach Unabhängigkeit von Russland und damit nach erneuerbaren Energien ist auch in der Region riesengroß. Auf volle Auftragsbücher blicken deshalb die 309 Installateur- und Heizungsbauer-Betriebe und die 419 Elektrotechniker-Betriebe im Kreis Ludwigsburg.
„Die Nachfrage nach Photovoltaikanlagen und Wärmepumpen hat sich schon seit Anfang 2021 um rund 30 Prozent erhöht“, beobachtet Walter Bannert, Obermeister der Elektro-Innung Ludwigsburg und Chef eines Elektroinstallationsbetriebes in Markgröningen. Seit Ausbruch des Ukraine-Krieges sei laut Bannert der Bedarf vor allem an Wärmepumpen noch einmal um bis zu 70 Prozent gestiegen.
Annette Straub, Geschäftsführerin des Sachsenheimer Sanitär- und Heizungsbauunternehmens Wanderer Wasser & Wärme GmbH kann die enorme Nachfrage nach Wärmepumpen bestätigen. Damit einher gehen Preiserhöhungen: Eine Wärmepumpe in Normalgröße für ein Einfamilienhaus inklusive Einbau kostet laut Straub derzeit 20 000 bis 25 000 Euro – rund 15 Prozent mehr als zu Jahresbeginn.
Lieferzeiten bis zu einem Jahr
„Die Verfügbarkeit der Produkte ist dabei oftmals nicht gewährleistet“, fügt die Unternehmerin hinzu. So betragen laut Straub und Bannert die Lieferzeit für eine Wärmepumpe oft über ein halbes Jahr. Bei Fotovoltaikanlagen berichtet Elektrofachmann Bannert gar von einer Lieferzeit von zwölf Monaten. Die durch die Corona-Pandemie entstandenen Lieferengpässe haben sich mit dem Ukraine-Krieg noch einmal verstärkt. Die enorme Strompreiserhöhung wirke laut Bannert „wie ein Bremsklotz“ auf die Produktion vieler wichtiger Teile. Die Aluminiumproduktion etwa sei sehr energieintensiv, so Bannert über den Werkstoff, der in fast allen Teilen der Elektrotechnik zu finden ist. „Viele Aluminiumhersteller weltweit haben ihre Produktionsverfahren stark eingeschränkt.“
Vor allem die Nachfrage nach Elektrochips, die die Grundlage für sämtliche elektronische Geräte darstelle, sei riesengroß, sagt Gerd Kistenfeger, Sprecher der Handelskammer Region Stuttgart, über die enormen Lieferengpässe der Chips aus Fernost. „So sind die Unternehmen, die wesentlich die Klimawende abfedern sollen, die Handwerksbetriebe der Elektro- und Wärmetechnik, von den gestörten Lieferketten stark betroffen“, meint Kistenfeger.
Eindimensionale Nachfrage
„Die Nachfrage in unserem Unternehmen ist sehr eindimensional zur Wärmepumpen-Hybridlösung gestiegen“, erzählt Annette Straub. Sämtliche andere Aufträge der Gebäudetechnik, etwa das eigene Bad zu modernisieren oder für Blecharbeiten am Haus, seien dagegen enorm rückläufig. Gleichzeitig herrsche eine große Verunsicherung der Kunden aufgrund der großen Vielzahl an Heizsystemen, sagt die Geschäftsführerin der Sachsenheimer Wärmetechnikfirma Wanderer. Bezüglich Heizsystem und der Lieferengpässe stünden die Kunden buchstäblich unter Strom: „Es zählt nicht mehr die Frage ,Was ist für mich am besten?’, sondern hauptsächlich: ,Was ist denn überhaupt verfügbar?’“, beobachtet Straub.
„Weil wesentliche Teile fehlen, kann der Handwerker einen Auftrag auf Abruf gar nicht ausfüllen“, berichtet Kistenfeger von der Handwerkskammer Region Stuttgart: Es kommt zu langen Wartezeiten für die Kunden. „Erst nach Erhalt einer komplett funktionierenden Anlage können wir mit der Umsetzung beim Kunden beginnen“, erzählt Unternehmerin Straub. „Somit haben wir heute übervolle Lager.“ Hinzu kommt die Inflation: Die Preise für die einzelnen Produkte stiegen fast täglich, berichtet der Markgröninger Elektrotechnikmeister Bannert. Auf den Mehrkosten blieben dann die Handwerker sitzen, weshalb viele Betriebe nun nur noch Tagesangebote erstellten. Sein großer Wunsch derzeit: Kostenstabilität.
Es fehlt an Meistern
Die vollen Auftragsbücher freut die Handwerkerbranche natürlich, dennoch sei, so die drei Gesprächspartner aus dem Handwerk, neben den Lieferengpässen ein Problem entscheidend: der Fachkräftemangel. Seien endlich alle Materialien vorhanden, fehle es immer noch an Meistern oder Anlagenmechanikern. So könne es zum Beispiel aufgrund der Personalnot durchaus vorkommen, „dass Kunden bis zu drei Monate warten müssen, bis deren Beleuchtung repariert werden kann“, sagt Bannert. Da also für eine neue Wärmepumpe oder PV-Anlage lange Zeit eingeplant werden muss, bleibt für Verbraucher vorerst alternativ auf anderen Wegen Energie einzusparen.
„Jetzt im Winter sind Wärmepumpen aufgrund des starken Stromverbrauchs sowieso nicht sehr effizient“, sagt Straub. Sie und ihre Mitarbeiter empfehlen daher etwa beim Heizen mit Öl weiter Wartungen zu nutzen und sukzessive auf erneuerbare Energien umzusteigen.
Außerdem rät sie: „Energie lässt sich nachhaltig sparen, wenn Sie in einzelnen Räumen die Temperatur gänzlich herabsenken.“ Elektrotechnikmeister Bannert hat schmunzelnd folgende altbewährten Tipps für niedrigere Stromkosten: „Wir installieren nicht umsonst Lichtschalter. Nicht jedes Zimmer muss voller Beleuchtung sein. Und im Herbst und Winter empfiehlt sich zu Hause eine Strickweste.“