Kreis Ludwigsburg: Ein Jahr Ukraine-Krieg: Zwei Frauen berichten von Flucht und neuem Zuhause

Katja Dupletsa richtet gerade ihre Wohnung in Bietigheim ein.
/Martin KalbAm 3. März 2022 kam Katja Dupletsa mit ihren beiden Kindern nach Deutschland. Über Polen war sie aus der Ukraine geflohen und nach einer langen Reise kam sie dann über Leipzig nach Bietigheim-Bissingen . „Unglaublich, dass das jetzt schon fast ein Jahr her ist. Meine Tochter hat bald ihr halbes Leben in Deutschland verbracht“, sagt Dupletsa und schüttelt den Kopf. Als sie damals aus Kiew floh, war ihr klar, dass sie nicht so schnell wieder zu ihrem Leben in die Ukraine zurückkehren werde.
Nachdem sie erst einmal zwei Monate bei Freunden lebte, fand sie ein Zimmer mit Küche, das sie mietete. Seit einigen Wochen ist sie jetzt mit ihren Kindern in eine eigene Wohnung gezogen. „Es war nicht leicht etwas zu finden, aber wenn ich mir etwas in den Kopf setze, dann ziehe ich es auch durch“, erzählt die Ukrainerin. Jetzt haben ihre beiden Kinder ein Kinderzimmer und sie ein eigenes Schlafzimmer. Die Einrichtung hat sie teils geschenkt bekommen, teils selbst gekauft oder auch beim Sperrmüll gerettet.
Für den Anfang sei das Zimmer mit Küche okay gewesen, „aber jetzt die eigene Wohnung ist fantastisch“, sagt Dupletsa. Mit Blick auf andere ukrainische Geflüchtete, die noch in ihren Erstunterbringungen wohnen, sagt sie: „Ich will nicht mehr warten mit dem Leben. Der Krieg wird nicht so schnell zu Ende gehen und ich will jetzt hier mein Leben beginnen.“ Viele Landsleute warteten auf das Ende des Krieges und verharrten in dieser Position. Dupletsa kann das nicht: „Alles ist möglich, man muss sich nur auf den Weg machen.“
Alltag aufgebaut
Mittlerweile hat sich die Mutter von zwei Kindern einen Alltag aufgebaut. Ihr fünfjähriger Sohn geht in den Kindergarten, ihre zweijährige Tochter wird von einer Tagesmutter betreut. Drei mal die Woche kann Dupletsa dann einen Deutschkurs besuchen. „Meine Kinder sprechen schon so gut Deutsch. Da muss ich noch was nachholen“, lacht die Ukrainerin. Doch die Sprache ist ihr wichtig, denn sie möchte auch gerne wieder arbeiten. Bisher ist das noch schwierig, weil sie nur zwei Vormittage pro Woche Zeit hat, in der die Kinder betreut sind und sie arbeiten könnte. „Mal schauen, was ich finde, aber arbeiten will ich unbedingt wieder“, sagt Dupletsa, die in der Ukraine als Friseurin arbeitete und ein Wirtschaftsstudium abgeschlossen hat.
Kurz nach ihrer Flucht verfolgte sie ständig die Nachrichten, immer wieder ein schneller Blick auf das Smartphone, um zu sehen, was in der Heimat passiert. „Das mache ich jetzt nicht mehr“, sagt die 37-Jährige. Nur noch über ihren Mann, der weiterhin in Kiew arbeitet, erfährt sie, was gerade dort geschieht. Ihren Mann hätte sie gerne hier in Bietigheim, aber er darf das Land nicht verlassen. „Es ist so schwer. Vor Kurzem wurde ein Teil seiner Kollegen als Soldaten einberufen“, erzählt Dupletsa. Das sei ein Thema, das sie sehr belaste. Die Kinder haben keinen Vater bei sich und sie wurde quasi zur Alleinerziehenden. „Es ist ein Auf und Ab. Mal geht es mir gut, mal bin ich richtig traurig.“
Das Familiennetzwerk fehle ihr hier in Deutschland sehr. Ihre Eltern leben auf der Krim und haben keine Papiere, um auszureisen. Ihre Schwiegermutter kümmert sich um die Elektrizität nahe Kiew und kann die Ukraine nicht verlassen. Zwar habe sie Freunde und viele Menschen, die sie auch jetzt hier in Bietigheim unterstützen, doch am Ende ist sie verantwortlich für ihre beiden Kinder und muss sehen, wie sie zurecht kommt.
Im Sommer fuhr sie für einige Wochen in die Ukraine, um ihren Mann zu sehen. „Die Fahrt war ein Albtraum und als wir dann dort waren, hatte ich ständig Angst, wenn der Fliegeralarm losging oder ein Militärfahrzeug vorbeifuhr“, sagt die Ukrainerin. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie bald zurückziehen kann. „Ich bin froh, dass wir nach Deutschland geflüchtet sind. Es ist nicht immer leicht, aber hier sind meine Kinder sicher. Das ist das Wichtigste.“ In Bietigheim fühlt sie sich wohl.
„Sachsenheim ist mein Schicksalsgeschenk.“
„Das ist Krieg“ schrieb eine Lehrerin ihres Sohnes an Svitlana Luhanska am 24. Februar 2022 um 5 Uhr. „Das war schrecklich“, sagt die alleinerziehende Mutter über den Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Mit ihrem heute neuneinhalbjährigen Sohn Oleksander, Spitzname Sascha, ihrem damaligen Mann und Saschas Kater Simba fuhr sie zur Schwiegermutter aufs Land, um Schutz für ihren Sohn zu suchen. Einige Tage arbeitete sie in der Großstadt Tscherkassy als Juristin weiter, im Flur ihrer Wohnung, das Bügelbrett als Schreibtisch. Nachts musste sie oft in den Keller einer Schule flüchten , sie bekam Panikattacken.
Am 8. März floh sie nach Polen per Zug, in den sie Sascha und sich „richtig reindrücken musste“, so voll war der Waggon, erzählt Luhanska. In Warschau holte sie ihre Freundin und ihr Mann , Tatyana und Thomas Boniver, ab, es ging nach Sachsenheim. Zwei Monate wohnten Mutter und Sohn bei einer Familie in Sachsenheim, dann fanden sie eine eigene Wohnung in der Stadt, in der sie „sehr glücklich“ seien. Einmal drohte die Kündigung, da Luhanska nicht rechtzeitig die Miete zahlen konnte. Das Landratsamt hatte ihr vorerst kein Geld überwiesen, da ihre Scheidungspapiere fehlten. Sie musste deshalb an die ukrainische Grenze fahren, um sich dort mit ihrem Vater zu treffen, der ihr die Dokumente gab.
Luhanska konnte wie viele andere Ukrainer privat unterkommen. In städtischen Unterkünften Sachsenheims leben aktuell 122 ukrainische Geflüchtete. „Die Wohnverhältnisse sind oft sehr beengt“, weiß Uwe Niehues, Vorsitzender vom Arbeitskreis Asyl Sachsenheim. Bei ihm und seiner Frau zu Hause in Sachsenheim hat sich Luhanska mit ihrem Sohn und Vater zum Gespräch mit der BZ getroffen. Ein weiteres „Riesenproblem“ sei es für die Geflüchteten, wie für Deutsche auch, einen Arzt zu finden, so Niehues. „Viele Frauen sind depressiv, hoffen auf das Kriegsende und wollen zu ihren Männern“, erzählt Luhanska. Eine große Hürde seien außerdem für Geflüchtete fehlende Deutschkenntnisse, ergänzt Helga Niehues, die ebenfalls im AK Asyl engagiert ist. Luhanska hat großes Glück: Im Studium lernte sie Deutsch und kann die Sprache fast fließend. Auch Sascha spricht schon sehr gut deutsch.
Kontakt in die Ukraine
Im April wurde er in einer Integrationsklasse herzlich aufgenommen, wie er erzählt. Seit dem 6. Februar geht er in die dritte Klasse der Gemeinschaftsschule am Sonnenfeld. Er fühle sich sehr wohl dort, erzählt der aufgeweckte Junge. Mit seinen Freunden in der Ukraine hat Sascha weiter Kontakt: „Die haben das Jahr über im Keller Unterricht gehabt oder online.“ Kürzlich habe er mit allen Klassenkameraden per Video-Chat geredet und sogar Arina gesehen, in die er verliebt sei.
Großvater Vladimir Luhanskyi ist Mitte Januar per Bus aus Kiew gekommen. Erst wollte er nicht flüchten. Doch eine Bombe schlug im Nachbarhaus ein. „Durch Angriffe auf die Infrastruktur gibt es seit Oktober keinen Strom und kein fließend Wasser“, berichtet der 74-Jährige. Dreimal die Woche besucht der ehemalige Wirtschaftswissenschaftler einen Deutschkurs, den der AK Asyl ehrenamtlich anbietet. Über die Hilfe von Sozialarbeiterinnen und dem Arbeitskreis Asyl sind der Rentner und seine Tochter sehr dankbar. „Nun helfe ich meinem Enkel bei den Hausaufgaben“, sagt Luhanskyi und umarmt Sascha ganz fest.
„Alle Menschen sind hier sehr nett und hilfsbereit,“ schwärmt Svitlana Luhanska. In einer Reinigungsfirma fand sie im Oktober Arbeit, und will sich nun für eine Stelle als Bürokauffrau bewerben. „Ich bin hier sehr glücklich und möchte bleiben“, sagt sie. „Sachsenheim ist mein Schicksalsgeschenk.“ Sascha wünscht sich einen Urlaub bei seiner Oma in der Ukraine und Kater Simba wiederzusehen. Vladimir Luhanskyi möchte für eine eventuelle Rückkehr in seine Heimat das Kriegsende abwarten.