Kreis Ludwigsburg
: Digitale Krankmeldungen laufen noch nicht rund

Die digitale Krankmeldung sorgt in Arztpraxen im Kreis Ludwigsburg für viel Stress und Unmut. Die Umstellung sei nicht optimal abgelaufen und momentan gebe es für die Ärzteschaft eine einen extremen Mehraufwand.
Von
Petra Neset-Ruppert
Ludwigsburg
Jetzt in der App anhören

Ärzte klagen über die neue elektronische Krankmeldung.

Imago//Philipp Nemenz

Seit dem 1. Januar werden die Krankmeldungen von gesetzlich Krankenversicherten elektronisch abgefragt – ein weiterer Schritt in ein digitales Gesundheitssystem. Die BZ hat nachgefragt, wie sich das neue System bei allen Beteiligten bewährt hat und ob der „gelbe Schein“ im Kreis tatsächlich verschwunden ist.

Die Vorsitzende der Kreisärzteschaft Ludwigsburg, Dr. Carola Maitra, spricht von großen Problemen in den Arztpraxen: „Häufig haben wir mit Fehlern der digitalen Komponenten zu kämpfen und die Datenleitungen sind störanfällig. Nur wenige Praxen melden eine problemlose Umsetzung. Insgesamt verläuft die die Umstellung eher schleppend.“ Für die Arztpraxen sei die Umstellung auf die elektronische Übermittlung ein „hoher apparativer, digitaler und auch finanzieller Aufwand“ gewesen. Aber die bisherigen Erfahrungen minderten die Begeisterung bei der praktischen Anwendungen der Digitalisierung im Praxisalltag.

Doppeltes System derzeit

Viele Ärzte bevorzugen derzeit, laut Maitra, noch ein doppeltes System. So geben viele ihren Patienten auch weiterhin noch einen Ausdruck der Krankmeldung für den Arbeitgeber mit. „Nach derzeitigem Stand bedeutet die Digitalisierung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für die meisten Praxen allenfalls eine Belastung“, kritisiert Maitra. Aufgrund der vielen technischen Defekte sei in vielen Praxen die Frustration hoch.

Für Patienten gebe es momentan noch viele Fragen und Unklarheiten. „Es wurde, so unser Eindruck, auf Patientenseite niemand ausreichend auf die Neuregelungen vorbereitet - eigentlich eine Aufgabe des Gesetzgebers und der Krankenkassen“, sagt Maitra.

Dadurch müssen viele Ärztinnen und Ärzte zusätzlich auch noch viel Aufklärungsarbeit leisten, die viel Zeit in Anspruch nehme. „Zeit, die wir in der derzeitigen Infektwelle an anderer Stelle wirklich dringend bräuchten“, so die Vorsitzende. Mit Blick auf die weitere Digitalisierung im Gesundheitswesen betont Maitra: „Die Ärzteschaft steht insgesamt nahezu geschlossen hinter der Überzeugung der Notwendigkeit der Digitalisierung vieler Prozesse. Es muss dabei aber um eine Vereinfachung und Verbesserung gehen, von der alle Beteiligten profitieren können.“

Derzeit sieht sie die Vorteile der elektronischen Krankmeldung eher bei Patienten, Krankenkassen und wenn es funktioniert, bei den Betrieben. Für die Arztpraxen seien dadurch bisher keine Entlastungen entstanden.

„Die AOK Baden-Württemberg ist bereits seit dem 1. Januar 2022 auf elektronische Anfragen zur Arbeitsunfähigkeit von Arbeitgebenden vorbereitet, da es bereits eine verlängerte Pilotphase bis zum 31. Dezember 2022 gab“, heißt es aus der Pressestelle der AOK Ludwigsburg-Rems-Murr.

Daher sei die AOK früh vorbereitet gewesen und habe keine systemischen Schwierigkeiten in der Anfangsphase, betont jedoch: „Wie bei jeder technologischen Umstellung kann es bei einem neuartigen Verfahren zwischenzeitlich zu technischen Schwierigkeiten kommen und es bedarf erst einer gewissen ,Prozessroutine’.“ Wenn Arbeitgeber die Daten anfragen, antwortet die AOK in der Regel unverzüglich, jedoch spätestens am folgenden Werktag, so die AOK in einer Mitteilung.

Bei der Techiker Krankenkasse hält man es für zu früh, eine Einschätzung über die elektronische Krankmeldung abzugeben. Seit einem Jahr konnten auch dort Arbeitgeber das Verfahren testen. „Inzwischen erreichen die TK nur noch wenige AU-Meldungen auf dem Postweg“, sagt Nicole Battenfeld Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit bei der TK-Landesvertretung.

Mehr Aufwand für Betriebe

Von zwei zentralen Kritikpunkten spricht etwa Reiner Boucsein, stellvertretender Geschäftsführer der IHK Bezirkskammer Ludwigsburg. Er beruft sich auf bisherige Rückmeldungen aus den Betrieben und sagt: „Der Umsetzungsaufwand wird in erheblichem Umfang auf die Unternehmen ausgelagert, die bei jeder Krankschreibung die Daten bei der jeweiligen Krankenkasse abrufen müssen, statt einen automatischen Datentransfer zu erhalten. Außerdem ist die Digitalisierung aufgrund diverser Ausnahmen nicht durchgängig.“ Die Unternehmen berichteten über einen Mehraufwand in der Anlaufphase und „mehr Aufwand bedeutet auch regelmäßig mehr Kosten, entweder intern oder beim Dienstleister“.

Den Mehraufwand bestätigt auch Nicole Ackermann, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Ludwigsburg. „In Handwerksbetrieben macht meist der Arbeitgeber am Wochenende die Verwaltungsarbeit. Da ist das eine zusätzliche Belastung – zumal noch technische Probleme hinzukommen“, sagt Ackermann. Leider haben man durch die neue Regelung ein weiteres Problemfeld eröffnet. Dabei gebe es angesichts des Fachkräftemangels und der Bürokratie schon genug Sorgen bei den Handwerksbetrieben.

Patientinnen und Patienten bekommen seit dem 1. Januar in der Praxis eigentlich nur noch einen Ausdruck ihrer Krankmeldung für die eigenen Unterlagen (Ausfertigung für die Versicherten). Sie müssen sich jetzt nur noch wie gewohnt zu Beginn der Arbeitsunfähigkeit beim Arbeitgebenden abmelden und die voraussichtliche Dauer der Arbeitsunfähigkeit angeben. Der Arbeitgeber ruft dann die digitale Krankmeldung direkt bei den Krankenkassen ab.