Kreis Ludwigsburg: „Die Scham muss die Seite wechseln“

Das Ludwigsburger Bündnis gegen Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution will mit den zahlreichen Mythen rund um Prostitution aufräumen.
Jochen Tack/Imago ImagesProstitution ist eine Arbeit wie jede andere. Sie ist ein Ausdruck der sexuellen Selbstbestimmung der Frau und verhindert Vergewaltigungen, weil Männer ein Ventil für ihre sexuellen Bedürfnisse brauchen. Das „älteste Gewerbe der Welt“ wird es immer geben. Ein Sexkaufverbot würde Prostituierte in die Illegalität treiben. Solchen und anderen Mythen begegnet man, wenn man sich mit dem Thema Prostitution beschäftigt. Das Ludwigsburger Bündnis gegen Menschenhandel und (Zwangs-)Prostitution möchte mit diesen falschen Behauptungen aufräumen, sagt Prof. Dr. Gunda Rosenauer. Dazu gehören vor allem Aufklärungsarbeit, Ausstiegshilfen für Betroffene und die Kriminalisierung aller Profiteure von Prostitution.
Sexkaufverbot in Schweden
Der Verein ist vor rund drei Jahren aus Workshops und Gesprächen entstanden. Zusammen mit dem katholischen Theologen Jörg Maihoff gründete Rosenauer den Zusammenschluss, deren Vorsitzende sie heute ist. „Wir wollten nicht nur reden, sondern dafür sorgen, dass etwas passiert“, sagt sie. „Wir haben schon viele Veranstaltungen auf die Beine gestellt“, so die Psychologie-Professorin an der Verwaltungshochschule Ludwigsburg. Eine Vertreterin des Hoffnungshauses in Stuttgart erzählte über ihre Erfahrungen, ein schwedischer Kommissar berichtete über dessen Arbeit in Schweden – wo es seit 1999 ein Sexkaufverbot gibt. Das so genannte nordische Modell beruht auf drei Säulen: der Kriminalisierung der Kunden von Prostituierten, der Entkriminalisierung der Prostituierten sowie der Finanzierung von Ausstiegsprogrammen.
Nordisches Modell
Das Ludwigsburger Bündnis setzt sich dafür ein, die negativen Folgen des deutschen Prostitutionsschutzgesetzes für die Sexarbeiterinnen zu bekämpfen und deren Würde zu schützen. Dabei soll das aktuelle Gesetz evaluiert und das nordische Modell für Deutschland geprüft werden. Das Gesetz, das in Schweden „Frauenfrieden“ genannt werde, habe dort zu keiner höheren Vergewaltigungsrate geführt. Der Besuch bei einer Prostituierten sei zu dem schambehaftetesten Verbrechen in Schweden geworden.
„Ich fühle mich wie ein Stück Fleisch mit Löchern“, so habe es eine Prostituierte einmal charakterisiert. Rosenauer schätzt, dass nur etwa fünf Prozent der Sexarbeiterinnen dem Beruf freiwillig nachgehen. Rund 95 Prozent würden unter den Folgen von Menschenhandel leiden oder darunter, dass es dabei vor allem um die Befriedigung des Freiers gehe, der bezahlt und die Frauen benutze. Bei einer Razzia der Polizei würden in Deutschland die Frauen bestraft, in Schweden die Männer. Durch diese Form der Rechtsauffassung „ist in Schweden die Frau die Chefin“, sagt Rosenauer. Dadurch würden die Frauen geschützt. „Das verändert die Kultur, es bedeutet mehr Respekt vor Frauen“, ist sie überzeugt: „Es gibt kein Recht auf Sex.“
Psychische Probleme
Studien würden belegen, dass Freier von den Frauen hören wollten, dass sie tolle Typen seien. Bei vielen Freiern herrsche die Auffassung vor, dass sie die Frauen auch mehr quälen dürften, wenn sie mehr Geld zahlen würden. Dagegen habe die Polizei keine Handhabe.
Bei den Sexarbeiterinnen belegten Umfragen und Studien, dass sie immer jünger seien. Viele würden unter psychischen oder anderen Gesundheitsproblemen leiden und in der Armut landen. „Solange sich Männer Frauen für den Gegenwert eines Mittagessens kaufen können, herrscht eine Ungleichheit zwischen Männern und Frauen“, sagt Rosenauer. „Die Scham muss auch hier die Seite wechseln“, findet die Vorsitzende des Bündnisses, die Deutschland als „Bordell Europas“ bezeichnet. „Einen Körper kann man nicht kaufen“, sagte Rosenauer.
Würde und Respekt zurückgeben
Das Ludwigsburger Bündnis, dem unter anderem die Stadt, der Kreis, Frauen für Frauen, Silberdistel, die Kirchen und das Scala angehören, will dazu beitragen, den Frauen Würde und Respekt zurückzugeben. „Wir freuen uns über viele Mitstreiter“, sagte die Professorin für Psychologie.
Aktuelle Veranstaltungen des Bündnisses
Diese Veranstaltungen hat das Bündnis geplant: Ein Themengottesdienst zur Ausstellung „gesichtslos“ findet am Sonntag, 30. März, 9.30 Uhr, in der Friedenskirche statt. Die Ausstellung ist noch bis zum 13. April zu sehen. Um Macht, Moral und Männlichkeit geht es am Freitag, 4. April, ab 19 Uhr auf dem Marktplatz, wenn Männer reden über Prostitution reden. Auch unter den meisten Männern ist das Thema Sexkauf ein Tabu. Dabei sind es vor allem Männer, die sich Sex bei einer Frau kaufen. Warum tun sie das? Vier Männer verschiedenen Alters kommen ins Gespräch.