Kreis Ludwigsburg: Die Gasleitung wächst pro Tag 300 Meter

Rund um das Bönnigheimer Wohngebiet Schlossfeld verläuft die Gasleitung und unterquert dann die Straße. Teilweise liegen Rohre bereits im Graben
/Martin KalbSeit März laufen die Arbeiten an der Süddeutschen Erdgasleitung (SEL). Inzwischen hat die Baustelle an dem 24 Kilometer langen Teilstück, das von Heilbronn über Lauffen und Bönnigheim bis nach Löchgau führt, den Landkreis erreicht. Über die SEL wird künftig Gas von Hessen über Baden-Württemberg nach Bayern transportiert. Zunächst ist die Gasleitung nach Auskunft von Terranets BW für den Transport von Erdgas vorgesehen. Während des Ausstiegs aus der Kohleverstromung sollen damit auch moderne Gaskraftwerke mit Gas versorgt werden. Man leiste mit der SEL einen entscheidenden Beitrag zur CO2-neutralen Energieversorgung in der Region.
Ab 2030 Transport von Wasserstoff
Ab 2030 soll die SEL als erste Pipeline im Land schließlich Wasserstoff transportieren. Aktuell ist etwa die Hälfte des ersten, 24 Kilometer langen Abschnitts von Heilbronn ausgehend, verlegt.
Es ist schlicht und ergreifend eine gewaltige und beeindruckende Baustelle, die sich seit März von Heilbronn über Lauffen, Nordheim und Kirchheim bis nach Löchgau vorarbeitet. Die BZ hat einen exklusiven Einblick auf die laufenden Bauarbeiten an der Süddeutschen Erdgasleitung geworfen. In Spitzenzeiten sind bis zu 270 Mitarbeiter von vier Unternehmen, die eine Arbeitsgemeinschaft unter Federführung von Terranets BW bilden, an mehreren Stellen entlang des Trassenverlaufs im Einsatz.
Ein Rohr wiegt 13 Tonnen
Anfang März war der Startschuss für das Pipeline-Projekt. Seither werden Meter für Meter die gewaltigen Rohre, in denen künftig Erdgas und später dann Wasserstoff fließen soll, verlegt. Die Rohre haben eine Wandstärke von 24 Millimeter, sind 18 Meter lang, wiegen jeweils 13 Tonnen und haben einen Durchmesser von 1,20 Meter. Die Rohre sind, nach Auskunft von Projektleiter Christoph Kröhnert, aus einem speziellen Stahl und werden in Mühlheim an der Ruhr hergestellt. Für den rund 24 Kilometer langen Abschnitt sind in der Summe über 1300 Rohre notwendig.
Normalerweise sind diese für die Verlegung in normalen Böden als zusätzlicher Schutz mit Polyethylen ummantelt. Bei speziellen Untergründen oder wenn die Leitung Straßen unterquert, kommen Rohre mit einer glasfaserverstärkten Kunststoff-Ummantelung (GFK) zum Einsatz. GFK schütze die Rohre besser gegen spitze Steine, sagt Projektleiter Christoph Kröhnert.
Jedes dritte Rohr wird gebogen
Auf dem Rohrlagerplatz bei Lauffen werden die Rohre gebogen und so an die gewünschte Richtung und die Topografie des jeweiligen Geländeabschnittes angepasst. Für den Biegevorgang kommen zwei archaisch anmutende, 80 Tonnen schwere Biegemaschinen zum Einsatz. Zwischen den Biegemaschinen wird ein Rohr eingespannt und in mehreren Durchgängen mit 110 Bar Biegedruck auf das erforderliche Maß gebogen. Ein Gegenstück im Rohrinnern verhindert beim Biegevorgang das Abknicken des Rohres. Biegungen bis insgesamt etwa 17 Grad sind möglich. Etwa ein Drittel der Rohre, so Christoph Kröhnert weiter, muss gebogen werden. Auf großen Anhängern transportieren die Arbeiter die Rohre an die Baustelle. Dort werden die Rohre, direkt neben dem Graben exakt dem Trassenverlauf entsprechend, positioniert und exakt ausgerichtet. Die Rohre werden anschließend miteinander verschweißt.
Für den Pipelinebau muss ordentlich Erde bewegt werden, damit die Gasleitung später nicht mehr sichtbar ist. Die Rohre werden so verlegt, dass später eine mindestens 1,20 Meter dicke Erdschicht die Pipeline bedeckt. Pro Meter dürften durchschnittlich rund fünf Kubikmeter Erdaushub anfallen. Dieser wird auf einem Wall direkt neben dem Graben aufgeschüttet und mit Phacelia bepflanzt, dies sei eine Vorgabe der Bodenschutzbehörde gewesen, sagt Kröhnert. So dient der Erdwall für die Dauer der Bauarbeiten während der Blüte sogar als Bienenweide.
Profillöffel formt den Graben
Beim Erdaushub sind Bagger mit großen Spezialschaufeln, darunter der sogenannte Profillöffel, im Einsatz. Der Profillöffel ist eine trapezförmige nach unten zulaufende Baggerschaufel, die das endgültige Profil für den Rohrgraben ausgräbt.
An einigen Stellen, an denen die SEL Straßen unterqueren soll, legen die Arbeiter eine sogenannte Pressgrube an. Dann presst eine Spezialmaschine, die zuvor im Graben positioniert wurde, ein „Arbeitsrohr“, das den Durchmesser der SEL-Pipeline-Röhren hat, unter der Straße hindurch. Der „Bohrkern“ aus dem Inneren des Arbeitsrohres wird mit einer Schnecke nach außen transportiert, nach dem Durchstoß wird das „Arbeitsrohr“ entfernt. An dessen Stelle wird dann ein mit GFK-ummanteltes Rohrstück geschoben und mit der Pipeline verschweißt.
Neun Schweißlagen
Das Zusammenschweißen der Rohre, das direkt auf der Baustelle, am Graben stattfindet, ist ein weiterer, besonderer Arbeitsschritt. Dafür werden Schweißroboter eingesetzt. Zuvor werden die Rohrenden durch Sandstrahlen entrostet. Für den eigentlichen Schweißvorgang wird ein Zelt, in dem sich der Schweißroboter befindet, über die vorbereiteten Rohrenden gesenkt. Dann erhitzt eine Induktionsraupe zunächst den Schweißbereich ringsum das Rohr auf rund 120 Grad. Schließlich wird der Schweißroboter je nach Bedarf kurz justiert und verschweißt dann die Rohrenden. In der Summe sind bei der Wandstärke von 24 Millimetern tatsächlich neun Schweißlagen notwendig. Drei Schweißkolonnen arbeiten derzeit auf der Höhe von Bönnigheim. Eine Kolonne erstellt etwa 25 Schweißnähte pro Tag.
Druckfest bis 190 Bar
Sämtliche Schweißnähte werden mit Ultraschall kontrolliert. Immerhin müssen die Rohre später einen Druck von rund 100 Bar aushalten. Bei der Druckprüfung vor der Inbetriebnahme wird das Pipelinesystem für Testzwecke mit Wasser gefüllt. Dabei müssen die Rohre sogar einen Druck von bis zu 190 Bar aushalten, erklärt Projektleiter Kröhnert.
Nach dem Schweißvorgang versiegeln die Bauarbeiter die Schweißnaht mit einem Spezialband und stellen so die Ummantelung mit dem Polyethylen wieder her. Die Rohrleitung ist dann fertig verschweißt für den Einbau in den Graben vorbereitet.
Dann kommt das von den Bauarbeitern so genannte Seitenbaumballett zum Einsatz. Das sind Spezialmaschinen, die jeweils einen großen Ausleger haben, mit dem das verschweißte Pipeline-Stück dann allmählich in den Graben abgelassen wird. Um das Gewicht der Rohre beim Schwenken über den Graben auszugleichen, sind an den Maschinen hydraulisch ausfahrbare Gegengewichte angebracht.
Neben der Süddeutschen Erdgasleitung werden auch Glasfaserkabel verlegt. Diese dienen zur Überwachung der Pipeline und für die Telekommunikation.
Nachdem die Rohre verlegt sind, wird der Graben samt Pipeline mit dem Erdaushub wieder verfüllt und eingeebnet. Landwirte können anschließend die Fläche wieder nutzen. Die Pipeline wächst jeden Tag etwa 300 Meter, so Kröhnert weiter, man sei bis jetzt voll im Zeitplan. Auch der Starkregen konnte den Bauarbeiten nichts anhaben. Die SEL soll bis November betriebsfähig sein.