Kreis Ludwigsburg: Das Netzwerk „Prävention im Sport“

Auch im Breitensport gibt es Fälle von sexuellem Missbrauch.
Lobeca/Imago/Felix SchlikisSein „Qualitätsmerkmal Kinderschutz“ hat der GSV Hemmingen 2022 vom Landratsamt erhalten. Als Beauftragter für Prävention, Kinder- und Jugendschutz setzt sich Achim Braiger nicht nur im eigenen Verein ein. Er hat zudem das Netzwerk „Prävention im Sport“ gegründet, um den Austausch zu fördern. 60 bis 70 Vereine und Verbände aus Württemberg, Baden, der Schweiz und dem bayerischen Handballverband sind darin aktiv.
Ob Schulungen, Schutzkonzepte, Ansprechpartner oder Fördermöglichkeiten, jeder stelle sein Wissen darin für andere zur Verfügung. Der Austausch erfolge niederschwellig und unbürokratisch über Achim Braiger, das Netzwerk verfügt aus personellen Gründen über keine eigene Homepage. Die Leitfrage, die alle Engagierten darin umtreibt: Was können wir gemeinsam für Kinder und Jugendliche erreichen?
Im Breitensport gibt es deutschlandweit rund 200.000 Fälle sexualisierter Gewalt, heißt es in den Schulungsunterlagen des Vereins. Zum Vergleich: In der katholischen und der evangelischen Kirche seien es jeweils etwa 114.000 Fälle. Sexueller Missbrauch sei dabei jede sexuelle Handlung, die an, mit oder vor Mädchen, Jungen und Schutzbefohlenen vorgenommen werde. Täter und Täterinnen nutzten ihre Machtposition, um eigene Bedürfnisse auf Kosten der Schutzbefohlenen zu befriedigen. Im Schnitt müsse sich ein Betroffener oder eine Betroffene an sieben bis acht Personen wenden, bis ihm oder ihr geholfen wird.
„Aber nicht bei uns“
Der Pädagoge Braiger will jede Möglichkeit nutzen, um auf das Netzwerk aufmerksam zu machen und für das Thema Kinderschutz zu sensibilisieren. Dass sexualisierte Gewalt auch in Vereinen passiere, sei zwar bekannt. „Aber nicht bei uns“, würden viele Vereine jedoch denken.
Und Braiger weiß: Ein Schutzkonzept aufzustellen ist viel Arbeit. Das Konzept eines anderen Vereins lasse sich auch nicht einfach übertragen. Aber es sei ein Baustein, um es möglichen Tätern zu erschweren, Kindern oder Jugendlichen zu schaden.
„Es geht darum, den Blickwinkel zu verändern“, sagt Braiger. Wenn Eltern zum Beispiel ihren Kindern beim Umziehen helfen, könnte es sein, dass ein Kind dabei ist, das sich schäme. Als Erwachsene müsse man solche Situationen vermeiden. Deshalb dürften beim GSV Eltern nicht mehr mit in die Umkleide. „Beim Erstellen eines Schutzkonzeptes ist der erste Schritt der langwierigste – die Gefahrenanalyse“, sagt Braiger.
Strafrechtliche Konsequenzen
„Alkoholmissbrauch, sexualisierte Gewalt und Mobbing dürfen in unseren Sportvereinen keine Chance haben“, heißt es im Ehrenkodex des GSV. Jedes Jahr soll laut Schutzkonzept mindestens eine Veranstaltung zum Thema Kinder- und Jugendschutz angeboten werden. Neben der Selbstverpflichtung, den Schulungen und der Kontrolle der erweiterten Führungszeugnisse gibt es mehrere Ansprechpartner und Vertrauenspersonen im Verein.
Und wenn tatsächlich ein Verdacht geäußert wird? Bei einem tatsächlichen Anhaltspunkt für den Verdacht von sexualisierter Gewalt „stellt der Verein den Beschuldigten von jeder Tätigkeit frei“, heißt es im Schutzkonzept des Vereins. Und weiter: „Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter, die sich sexualisierte Gewalt zuschulden kommen lassen, erfahren disziplinarische, arbeitsrechtliche beziehungsweise strafrechtliche Konsequenzen.“
Achim Braiger hofft, dass Vereine künftig noch öffentlichkeitswirksamer mit ihren Schutzkonzepten und dem „Qualitätsmerkmal Kinderschutz“ des Landratsamts umgehen. Denn dadurch würden sie belegen, dass sie von der Bildung, über die Finanzen bis hin zum Bewusstsein im Verein etwas Wichtiges erkannt hätten. Für mögliche Täter werde es immer eine Möglichkeit geben, doch diese Vereine würden es ihnen so schwer wie möglich machen.
Claudia Mocek
Kontakt zum Netzwerk gibt es über Achim Braiger: praeventionsbeauftragter@gsvhemmingen.de