Kreis Ludwigsburg: Christen setzten „Duftnoten“

Autor Günter Keller vermutet, dass sich an der Stelle der Bietigheimer Peterskirche eine heidnische Weihestätte befand.
/Martin KalbIm Allgemeinen stehen alte Kirchen inmitten alter Orts- oder Stadtkerne. Sie gehörten zum Mittelpunkt eines Ortes. Doch es gibt auch Ausnahmen. Gerade im altwürttembergischen Gebiet nördlich von Stuttgart gebe es relativ viele Kirchen – mit Kirchhof als Bestattungsplatz – außerhalb von Siedlungen, von denen etliche auch noch auf einer Anhöhe standen, weiß der Brackenheimer Heimatforscher Günter Keller. Jahrelang hat er darüber Informationen gesammelt und kommt – im Gegensatz zu anderen Experten – zu dem Schluss, dass womöglich die Römer oder gar die Kelten dabei eine Rolle spielten.
Römerzeitliche Relikte
„Bei fast allen diesen Kirchen lassen sich in der Literatur römerzeitliche Relikte bei den Bauten selbst oder in deren unmittelbarer Umgebung finden“, stellt Keller in seinem Beitrag „Christliche Sakralbauten und ihre Vorläufer aus römischer und keltischer Zeit“ in der neuesten Ausgabe der Ludwigsburger Geschichtsblätter, Band 78, fest. Das treffe beispielsweise auf die Kirche auf dem Michaelsberg bei Cleebronn, auf die verschwundene Michaelskirche auf dem Wunnenstein und auf die außerhalb der Stadtmauer befindliche Peterskirche in Bietigheim zu.
Der Frage, warum diese Kirchen gebaut wurden, ging bereits der Archäologe Oscar Paret (1889 bis 1972) nach. Er untersuchte im Jahr 1930 römerzeitliche Funde auf dem Michaelsberg und kam aufgrund der gefundenen Statuen zu dem Ergebnis, dass hier ursprünglich ein altes Bergheiligtum, also ein Tempel, stand. Weiter vermutete Paret, dass die Römer dabei teilweise an keltische Vorgängerbauten anknüpften. Solche Kultheiligtümer habe es auch auf dem Hohenasperg und dem Wunnenstein gegeben.
Forscher lehnen These ab
Das sahen spätere Forscher freilich anders. So wertete der Archäologe Ingo Stork die Fundamentreste bei der Bietigheimer Peterskirche eher als einen römischen Gutshof, und der Historiker Leif Scheuermann kam zu der Auffassung, dass sich ein römerzeitliches Kultheiligtum auf dem Michaelsberg nicht rekonstruieren lasse. Tempel der Römer hätten sich zentral bei den Siedlungen befunden.
Der Brackenheimer Heimatforscher und Softwareentwickler hält dem entgegen: Ein römischer Tempel könne durchaus im freien Feld oder auf einem Berg gestanden haben, wenn er einen vorrömischen Kultplatz besetzen wollte. Römische Militäranlagen wie Kastelle hätten sich im Allgemeinen nicht auf Bergen befunden, und auch ein hochgelegener Gutshof wäre für die Römer äußerst unpraktisch gewesen. Sein Fazit: „Möglicherweise bauten die Römer doch auch kultische Stätten in Berglage, abseits von Siedlungen, wie Paret vermutete.“ Für die Bietigheimer Peterskirche, bei der es vor der neuzeitlichen Bebauung keine Hinweise auf eine frühere zusammenhängende Siedlung gebe, geht er von einer lokalen Weihestätte aus.
Beweise fehlen noch
Auffallend sei nun, so der Autor in den Ludwigsburger Geschichtsblättern weiter, dass sehr viele frühchristliche Kirchen außerhalb vom germanischen Ortskern gebaut worden seien. Das treffe neben den schon genannten Kirchen auch auf die Peterskirchen in Oberstenfeld oder die Alexanderkirche in Marbach zu. Nur bei der Peterskirche in Vaihingen und der Frauenkriche von Unterriexingen ließen sich noch keine Publikationen über römerzeitliche Funde finden.
Zusammenfassend lasse sich sagen, wenn auch nicht beweisen, so der Autor, dass der Mensch seinen Machtbereich schon immer gerne mit selbst gewählten Hohheitszeichen gekennzeichnet habe. „Die eigene ,Duftnote’ setzt man besonders gerne an den Stellen, wo einem zuvor das Alte nicht mehr ,duftete’“, so Keller.
Christlichen Glauben stärken
Indem christliche Kirchen im Frühmittelalter an den Stätten gebaut wurden, an denen zuvor ein bedeutsamer heidnischer Ort bestand, ob auf dem Berg oder im Tal, sei zum Ausdruck gebracht worden: „Da sind jetzt wir.“ Keller: „Es ergibt sich die These, dass dies bewusst getan wurde, um den christlichen Glauben dort fest zu verankern.“ Keller bleibt dabei: Solange nicht das Gegenteil beweisbar sei, dürfe man die Vermutung äußern, dass römerzeitlichen Höhenheiligtümer gegeben habe: ob an der Stelle der Bietigheimer Peterskirche, der Alexanderkirche in Marbach, in die eine römische Inschrift eingebaut wurde, oder der Michaelskirche bei Cleebronn. Oder, anders ausgedrückt: Oscar Paret könnte doch recht gehabt haben.