Kreis Ludwigsburg: Auf den Spuren der RAF in Sachsenheim

Nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback durch die RAF am 7. April 1977 führte eine der Spuren nach Sachsenheim.
Archiv/adVor 25 Jahren hat sich die Rote Armee Fraktion (RAF) aufgelöst. Kaum einer kennt die Verbrechen der linksextremistischen terroristischen Vereinigung so gut wie der frühere Staatsanwalt und Angehörige der Bundesanwaltschaft Klaus Pflieger aus Sersheim. Als ihn die Meldung von der Auflösung am 20. April 1998 erreichte, „war das einer der Höhepunkte meiner beruflichen Laufbahn“, sagt Pflieger. „Das war etwas, was wir immer erhofft und angestrebt haben.“
„Die hatten erkennbar Streit“
Ganz überrascht habe ihn die Entwicklung aber nicht, sagt Pflieger. Denn innerhalb der RAF habe es damals einen Bruch gegeben. „Die hatten erkennbar Streit“, sagt Pflieger. Es habe zwei Positionen gegeben: Die einen, die den Kampf aussichtslos fanden. Und die Hardliner, die weitermachen wollten. „Ich habe das natürlich zunächst mal skeptisch aufgenommen und mich gefragt: Ist es wirklich das Ende?“, sagt Pflieger. Denn schon früher „hatten wir zweimal die Hoffnung, dass die RAF ein Ende gefunden hat“. Zum Beispiel 1972, als Baader, Ensslin, Meinhof – die steckbrieflich gesuchten Topleute der RAF – verhaftet worden waren. Aber wie sich herausstellte, war es nur das Ende der ersten RAF-Generation, es folgte die zweite und später die dritte.
Der Deutsche Herbst mit den Morden an Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Bankmanager Jürgen Ponto und Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer und der Entführung des Flugzeugs „Landshut“: „Das hat die ganze Republik aufgewühlt und da hat die Republik gewackelt“, sagt Pflieger. Aus seiner Sicht hätte sich der Staat bei der Entführung von Peter Lorenz 1975 nicht erpressen lassen und keine Gesinnungsfreunde aus der Haft entlassen dürfen. „Ich bin da vielleicht ein Hardliner.“
RAF in Sachsenheim unterwegs
Die Terroristen waren auch im Kreis Ludwigsburg in der Gegend um Sachsenheim unterwegs. Ein Schwerpunkt der RAF, die aus mehreren regionalen Gruppierungen bestand, war laut Pflieger die Karlsruher Gruppe. Auf der anderen Seite habe es als Orientierungspunkt Stammheim gegeben. „Sachsenheim lag deshalb sozusagen auf der Strecke“, sagt Pflieger.
Für das Attentat auf Buback am 7. April 1977 hätten die Terroristen immense Vorbereitungen getroffen. „Christian Klar, Knut Folkerts und Günter Sonnenberg waren mit der Beschaffung der Tat- und Fluchtfahrzeuge befasst“ – ein Motorrad, das vier Tage vor dem Attentat gekauft worden war, und ein silberfarbener Alfa Romeo. „Die drei Leute sind mit diesen Fahrzeugen in Sachsenheim gesehen worden, an der Tankstelle und an anderen Stellen und interessanterweise auch in meiner Nähe“, sagt Pflieger. An einem Bahnübergang in Kleinglattbach hätten sie längere Zeit warten müssen und seien später von Zeugen identifiziert worden. „Darauf hatte sich auch die Anklage gestützt“, sagt Pflieger: „Aber wir wissen bis heute nicht, wer beim Attentat auf dem Motorrad gesessen hat.“
Das zweite Mal tauchten RAF-Mitglieder 1980 im Kreis auf. Am 25. Juli kamen Juliane Plambeck und Wolfgang Beer offenbar auf dem Rückweg von einer Diebestour bei einem Verkehrsunfall ums Leben – auf der Landesstraße L 1130 in der Nähe von Untermberg. Gegen 7.15 Uhr geriet der gestohlene weinrote VW Golf aus ungeklärter Ursache auf die linke Fahrbahn, wo er mit einem Transporter zusammenstieß. Die Beamten fanden gefälschte Papiere und Waffen im Wagen, von denen eine bei der Schleyer-Entführung benutzt worden sein soll. In einem zweiten gestohlenen Fahrzeug, einem BMW, seien damals Beers Bruder Henning und Adelheid Schulz gesessen. Sie hätten den Unfall beobachten, die Toten gesehen und seien dann aber vor dem Eintreffen der Polizei geflüchtet.
Den dritten Bezug zwischen der RAF und der Region bildet Polizeimeister Helmut Ulmer. Der 1953 in Enzweihingen geborene Beamte hatte sich im Sommer 1977 für den Personen- und Objektschutz gemeldet und wurde Hanns Martin Schleyer zugeteilt. Beim Attentat am 5. September in Köln wurde auch er erschossen, nachdem er noch acht Schüsse auf die Terroristen abfeuern konnte. Tragisch: Ulmer hatte kurz zuvor um die Versetzung in sein altes Revier nach Zuffenhausen gebeten.
Schusssichere Fenster
Auch Klaus Pflieger wurde von Personenschützern begleitet, selbst zum Fußballtraining. Ob er jemals Angst hatte? „Ich war der Auffassung, die können nicht zunächst einen Generalbundesanwalt Buback umbringen und nachher mit dem kleinen Klaus Pflieger weitermachen. Vielleicht war das auch eine Hilfskonstruktion, die mir geholfen hat“, sagt Pflieger. Natürlich sei er beeindruckt von den vielen Schutzmaßnahmen gewesen, „ich hatte auch schusssichere Fenster“.
Juristisch habe er aus den Prozessen gegen Baader und Meinhof gelernt. „Wir haben uns ganz anders verhalten können, souveräner. Wir haben zum Beispiel auch daraus gelernt, dass wir uns nicht erpressen lassen dürfen durch Hungerstreiks“, sagt Pflieger, für den „absolut unstreitig“ ist, dass Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Rase in der Todesnacht von Stammheim am 18. Oktober 1977 Suizid begangen haben. „Das haben vier Gerichtsmediziner übereinstimmend erklärt.“
Auflösung am 20. April 1998
Die Auflösung der terroristischen Vereinigung 21 Jahre später sei für Pflieger „das Schönste“ gewesen, auch „das größte Kompliment an unseren Rechtsstaat, an unsere Demokratie, an uns alle“, findet der Jurist, der früher selbst in Tübingen gegen den Vietnamkrieg, den Radikalenerlass und die Notstandsgesetze demonstriert hatte. Doch als Pflastersteine in Schaufenster und gegen Polizisten flogen, „da war für mich Schluss“, sagt Pflieger.
Dass Gewalt zu nichts führt, haben am Schluss offenbar auch die Terroristen eingesehen. Denn im Auflösungsschreiben der RAF heißt es: „Das Ende dieses Projekts zeigt, daß wir auf diesem Weg nicht durchkommen konnten.“ Jurist Klaus Pflieger findet: „Schöner kann man es nicht formulieren.“