Kreis Ludwigsburg: Auf dem Weg zur Chancengleichheit?

Mit einem verpflichtenden letzten Kindergartenjahr möchte die grün-schwarze Regierung allen Kindern eine „bestmögliche Bildung“ ermöglichen, heißt es im Koalitionsvertrag.
/WaldschuleEin verpflichtendes, kostenloses Kindergartenjahr hat die grün-schwarze Regierung sich in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. „Wir wollen, dass alle Kinder von Anfang an die bestmögliche Bildung erhalten“, heißt es im Koalitionsvertrag. Doch macht ein verpflichtendes letztes Kitajahr überhaupt Sinn? Die BZ hat bei den Grundschulen im Kreis nachgefragt.
„Aus meiner Sicht überwiegen die Vorteile eines verpflichtenden Kindergartenjahres: Kinder lernen den Umgang mit Gleichaltrigen. Die Freude und Bindung im gemeinsamen Spielen oder auch die Erfahrungen eines Streits und die damit verbundenen Gefühle wie Wut und Enttäuschung formen den Menschen“, erklärt der Schulleiter der Schule im Sand, Tobias Weigel.
Für den Bietigheim-Bissinger Schulleiter steht fest: „Bei einer guten Begleitung im Kindergarten und auch zu Hause, lernt das Kind Konflikte zu lösen und selbstständig zu sein. Das Miteinander muss eingeübt werden, es muss bekannt sein denn später in der Schule ist man auch immer in einem sozialen Konstrukt, so ist unser Leben aufgebaut.“ Wenn man „das Gemeinsame vorab nicht kenne, könne das den Schuleinstieg erschweren, so der Pädagoge.
Häufig sei der Schule nicht bekannt, ob und wie häufig die Erstklässler den Kindergarten besucht haben. „Wenn Kinder längere Zeit zu Hause bleiben, sind sie oftmals nicht ausreichend auf die Schule vorbereitet. Insbesondere bei Kindern mit unregelmäßigem oder ausbleibendem Kindergartenbesuch beobachten wir häufiger sprachliche Auffälligkeiten, da ihnen das sprachfördernde Umfeld im Kindergarten fehlt“, sagt Weigel.
Bildungs- und Sprachchancen verbessern
Zunehmend falle auf, dass Kinder den Kindergarten nicht regelmäßig besuchen, beispielsweise aufgrund längerer Urlaubszeiten. „Bei einigen Eltern scheint das Bewusstsein für die Bedeutung und den pädagogischen Wert des Kindergartenbesuchs nicht ausreichend ausgeprägt zu sein. Ein verpflichtendes Kindergartenjahr könnte dazu beitragen, die regelmäßige Teilnahme zu fördern und die Bildungs- und Sprachchancen der Kinder zu verbessern“, erklärt Weigel.
Im nun zu Ende gehenden Schuljahr starteten circa fünf Kinder an der Hillerschule, die nicht oder kaum im Kindergarten waren. Diese Zahl sei jedoch von Jahr zu Jahr verschieden, erklärt Roberta Neugebauer, Schulleiterin der Hillerschule. Auch sie nimmt wahr, dass bei Kindern, die gar nicht oder nicht regelmäßig eine Kindergarteneinrichtung besucht haben das „eigenständiges Arbeiten und Frustrationstoleranz auch häufig beeinträchtigt sind“. Die sprachlichen und sozialen Fähigkeiten würden in den Kindergärten gefördert.
Das sieht Rainer Graef, Leiter der Kirbachschule ebenso. Ein bis zwei Kinder kommen jedes Schuljahr ohne eine Kindergartenzeit an die Kirbachschule. Graef hofft, dass mit einem verpflichtenden Kindergartenjahr die Schere zwischen den Erstklässlerinnen und Erstklässlern nicht mehr so groß ist. Mit einem verpflichtenden letzten Kindergartenjahr könnten gerade die Kinder abgeholt werden, deren Eltern sich zum Beispiel die Kindergartengebühren nicht leisten können. Dadurch entstehe eine Art „Chancengleichheit“.
Regeln und Rituale gibt es im Kindergarten und der Schule
Seit Jahren arbeitet die Kirbachschule wie viele andere Grundschulen im Kreis eng mit den Kindergärten zusammen. Damit wolle man den Kindern einen fließenden Übergang von dem Kindergarten in die Schule ermöglichen. Denn eigentlich sei der Übergang gar nicht so einschneidend: „Im Kindergarten gibt es Regeln und Rituale und auch in der Schule, die sehen dann vielleicht anders aus“, sagt Graef, aber das Grundprinzip kennen die Kindergartenkinder bereits. Das erleichtere den Schulalltag für die Erstklässler.
Die Kooperationen ermöglichen es auch den Lehrkräften die Kinder schon vorab kennenzulernen. „Wir bereiten die Kinder nicht aufs Grundschulabitur vor“, sagt Graef. „Die Kinder wollen lernen“, sagt der Pädagoge. Deshalb gestalte man den Unterricht an der Kirbachschule auch mit ausreichend Bewegungseinheiten, um den Einstieg zu erleichtern.
Ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr ist für ihn eine gute Entwicklung. Im kommenden Schuljahr startet an der Kirbachschule das Programm „Sprach Fit“, mit dem Kindergartenkinder bei bedarf frühzeitig eine Sprachförderung erhalten, um so vorbereitet in den Schulalltag zu starten. Die Hillerschule hat das Angebot bereits in diesem Jahr angeboten.