Kreis Ludwigsburg: An Weihnachten trocken bleiben

Auf dem Weihnachtsmarkt gibt es an fast überall Glühwein. Für trockene Alkoholiker kann es schwer sein, zu widerstehen.
/Martin KalbEin Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt geht ja eigentlich immer. An Heiligabend werden dann Schnapspralinen verschenkt und an Silvester darf der Sekt zum Anstoßen natürlich auf keinen Fall fehlen. Was für viele ganz normal zu sein scheint, ist für trockene Alkoholiker und die, die es werden möchten, eine echte Herausforderung. An jeder Ecke scheint die Versuchung zu lauern.
Wie kommen diese Menschen heil durch die Weihnachtszeit? Und ist es für Suchtkranke zu Weihnachten und an Silvester wirklich am schwierigsten, nicht in alte Muster zu fallen? Die BZ hat mit einem Betroffenen gesprochen, der seine Geschichte erzählt, sowie mit dem Fachbereichsleiter der Suchthilfe im Kreisdiakonieverband Ludwigsburg, Matthias Liegl.
Ein Betroffener berichtet
Peter Schmidt heißt eigentlich anders, sein Name wurde von der Redaktion geändert. Er ist seit 18 Monaten trocken. „Alkohol hat in meinem Leben schon immer eine Rolle gespielt“, erzählt er. Von Klein auf habe er mitbekommen, wie seine Eltern getrunken haben. Er selbst habe dann später ebenfalls immer wieder zur Flasche gegriffen. Schon damals sei er auf der Arbeit darauf angesprochen worden, ob er ein Alkoholproblem habe. Dann folgte ein lebensveränderter Einschnitt: Peter Schmidt verliert seinen Job. Plötzlich hat er tagsüber nichts mehr zu tun, aus einem Bier werden immer öfter zwei oder drei. Wein und Jacky Cola trinkt er bald schon täglich. „Mir ging es körperlich immer schlechter. Ich habe mich selbst belogen und nicht gemerkt, dass ich ein Alkoholproblem hatte“, sagt er.
Eine Bekannte habe das irgendwann mitbekommen und ist mit ihm zum Arzt gefahren. Im Nachhinein ist Schmidt sich sicher: Ohne sie hätte er sich nicht selbst Hilfe gesucht. „Ich kam für sieben Tage auf die Intensivstation. Meine Leber- und Blutwerte waren jenseits von Gut und Böse. Ich hatte einen Leberschaden“, erinnert er sich.
Suchtberatung und anschließend Therapie
Anschließend sei ein kalter Entzug durchgeführt worden. „Ich wusste, dass ich eine Therapie machen möchte. Ich bin zur Suchtberatung nach Kornwestheim gegangen“, sagt er. Im September 2023 war diese abgeschlossen, erst im Februar dieses Jahres konnte er mit Einzelgesprächen starten und an einer Selbsthilfegruppe teilnehmen. „Die Zeit zwischen Suchtberatung und Therapie ist für viele hart“, sagt er. Er selbst habe glücklicherweise nie einen Suchtdruck verspürt. Zwischen September 2023 und Februar 2024 lagen Weihnachten und Neujahr – wie erging es Schmidt in der besinnlichen Zeit, in der Alkohol eine große Rolle spielt? „Überall wird Alkohol getrunken – das ist für Betroffene schwierig.“ Auf dem Weihnachtsmarkt könne er aber mittlerweile gut auf Glühwein verzichten: „Ich trinke einfach einen Punsch“, sagt er. „Ich weiß aber natürlich nicht, ob mir das nächstes Jahr auch so leicht fallen wird.“
Auch zu anderen Zeiten schwierig
Die Versuchung sei aber nicht nur in der Weihnachtszeit so groß: Auch Veranstaltungen im Sommer, beispielsweise auf dem Cannstatter Wasen, würden theoretisch dazu verlocken, wieder mit dem Trinken anzufangen.
Schmidt erzählt trotzdem vom Weihnachtsfest und dass er dieses in seinem Leben immer wieder ganz alleine verbracht hat. „Da habe ich mich dann einfach abgeschossen“, erinnert er sich. Im vergangenen Jahr sei das aufgrund des Entzuges nicht der Fall gewesen: „Ich habe mich daheim beschäftigt und in meiner Stamm-Kneipe Leute getroffen“, sagt er.
Die Weihnachtszeit fühlt sich aber natürlich für jeden Suchtkranken anders an. Das sagt Matthias Liegl, der den Fachbereich Suchthilfe des Kreisdiakonieverbandes Ludwigsburg leitet. „Es gibt viele mögliche Trigger. Für die einen ist es schwierig, Trinkaufforderungen abzulehnen. Für die anderen ist es belastend, einsam zu sein“, sagt er.
Laut Liegl gibt es keine Rückfallstatistik für die Weihnachtszeit. „Es besteht aber ein erhöhtes Risiko. Deswegen ist es wichtig, planvoll in diese Zeit zu gehen“, meint der Experte. Genau das hat Peter Schmidt gemacht: An Weihnachten möchte er kochen und dann Bekannte in einer Kneipe treffen. Auch an Silvester ist er mit Freunden verplant. Damit feiert er anders als vergangenes Jahr. „Ich habe schon im September 2023 mit meiner Suchtberaterin über das Thema Silvester gesprochen. Ich war alleine essen und bin um Dreiviertel eins nach Hause gegangen“, erinnert er sich an den Jahreswechsel. Am nächsten Morgen sei er aufgewacht und habe bemerkt, dass es nicht so schlimm war, wie er sich Neujahr ursprünglich ausgemalt hatte. „Manche Sachen muss man einfach überstehen. Das ist in vielen anderen Lebenslagen auch so“, sagt Schmidt: „Ich bin mir darüber bewusst geworden, dass ich jede Entscheidung für mich selbst treffe. Der Weg, den ich gegangen bin, war für mich sinnvoll“, sagt er.
Viele holen sich erst spät Hilfe
Die Nachsorge mit Matthias Liegl dauert sechs Monate. Schmidt möchte diese um ein weiteres Jahr verlängern. Acht bis zehn Jahre lang dauert es laut Liegl in der Regel, bis sich Menschen bei einer Sucht Hilfe suchen. Oftmals brauche es hierfür einen „Schubser“.
Peter Schmidt hat seiner Aussage nach viele Menschen in seinem Umfeld zum Nachdenken gebracht. Und so, wie er Hilfe angenommen hat, möchte er all diejenigen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, dazu ermutigen, diesen Schritt auch zu wagen.