Kinderarzt aus Ludwigsburg über die Zulassung des Impfstoffs für unter 16-Jährige
: Viele wollen ihre Kinder impfen lassen

Schon vor Zulassung des Impfstoffs gab es in Kinderarztpraxen einen Ansturm auf Impftermine, berichtet Kinderarzt Dr. Thomas Kauth.
Von
Frank Ruppert
Ludwigsburg
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Demnächst können sich Kinder ab zwölf Jahren gegen Corona impfen lassen.⇥Foto: dpa/

dpa

Thomas Kauth ist Kinderarzt in Ludwigsburg und Mitglied im Vorstand der Kreisärzteschaft. Er hat die aktuelle Diskussion um die Corona-Impfung von Kindern mitverfolgt und spricht mit der BZ über die Auswirkungen der momentanen Regelung für Kinderarztpraxen.

Herr Dr. Kauth, Bundesregierung und Ministerpräsidenten haben sich darauf geeinigt, dass Kinder ab zwölf Jahren demnächst auch geimpft werden können. Was halten Sie von dem Beschluss?

Dr. Thomas Kauth: Zunächst einmal finde ich es positiv, dass wohl – so verstehe ich es – der Schulbetrieb in Präsenz nicht mit einer vorherigen Impfung verknüpft werden soll. Das würde nämlich auf eine Impfpflicht hinauslaufen. Und das ist angesichts der aktuellen Situation mit den Daten, die zu den Nebenwirkungen bei den Impfstoffen für Kinder vorliegen, nicht vertretbar. Vor allem wenn man die Nutzen für die Kinder betrachtet.

Sie sind aber nicht komplett zufrieden mit den Beschlüssen?

Nein, grundsätzlich sollten nicht Politiker darüber entscheiden, wann wer geimpft werden soll. Dafür gibt es Zulassungsbehörden und unsere Ständige Impfkommission. Dort sitzen Kollegen, die sich in der Thematik auskennen und auch aktuelle Erkenntnisse aus der Wissenschaft für ihre Empfehlung heranziehen.

Aus dieser Stiko war zu hören, dass zunächst nur eine Empfehlung für Kinder mit Vorerkrankungen kommt.

Erst seit Freitagnachmittag gibt es eine Zulassung der EU-Arzneimittelbehörde EMA für Kinder unter 16 Jahren beim Biontech-Impfstoff. Aber ich fände das schon richtig, wenn zunächst bevorzugt Kinder mit dem Risiko eines schweren Covid-Verlaufs geimpft werden sollen. Etwas anderes wird derzeit schon aufgrund des bislang noch häufig fehlenden Impfstoffs auch gar nicht umsetzbar sein.

Nun erkranken Kinder in der Regel deutlich seltener schwer an Covid-19 als Erwachsene. Ist da eine Impfung überhaupt notwendig?

Es gilt bei den Kindern noch mehr als bei Erwachsenen abzuwägen, was Nutzen und Risiko einer Impfung betrifft. Die Nebenwirkungen der Corona-Impfungen können auch schon für Erwachsene nicht ohne sein und in der Regel spüren Kinder Nebenwirkungen noch heftiger bei Impfungen.

Wie ist es aus Ihrer Sicht um die Impfbereitschaft bei Kindern beziehungsweise deren Eltern, die das entscheiden müssen, bestellt?

Es ist erstaunlich. In der Regel muss man als Kinderarzt mit den Eltern um viele Impfungen kämpfen, eben auch wegen der Nebenwirkungen. Bei Corona ist der Fall bislang aber anders: Obwohl noch nicht einmal eine Zulassung da war, wurden wir schon mit Anrufen bombardiert und die Leute wollten ihre Kinder auf Wartelisten setzen lassen. Teilweise sind sie dann richtig wütend, wenn wir ihnen noch keinen Termin anbieten können. Trotzdem finde ich es richtig, dass nach einer Zulassung die Kinderärzte impfen sollten, weil wir den Patienten besser kennen als die Impfzentren.

Geimpft oder nicht: Sollten die Schulen nach den Sommerferien wieder in Präsenz starten?

Ja, unbedingt. Zum einen gibt es wissenschaftlich belegte Empfehlungen, wie trotz Pandemie sicher in Präsenz unterrichtet werden kann. Zum anderen ist wegen der seelischen Gesundheit der Kinder weiterer Fernunterricht nicht zu rechtfertigen. Wir haben so viele Patienten mit ernsten psychischen Problemen wegen den Kontaktbeschränkungen und den Schulschließungen wie noch nie. Auch die Kinderklinik meldet so viele Suizid-Versuche von Kinder wie nie zuvor, ein völlig neues Phänomen.

Wie sieht es bei den unter Zwölfjährigen aus? Wird dort auch bald eine Zulassung kommen? Was meinen Sie?

In der Altersklasse haben wir tatsächlich die wenigsten schwere Verläufe und Todesfälle. Gleichzeitig ist über die Nebenwirkungen bei den Kleinen noch kaum etwas bekannt. Ich kann mir deshalb nur schwer vorstellen, dass man bald auch ganz Kleine impfen wird.