Kathrin Tabler aus Bietigheim-Bissingen
: Wie eine ausgezeichnete Filmproduzentin arbeitet

Für Kathrin Tabler stand schon früh fest, dass sie Produzentin werden möchte. Jetzt hat sie an der Serie „Tender Hearts“ mitgearbeitet. Wie sie auf Ideen für Filme und Serien kommt, was es kostet, diese zu produzieren, und was sie privat im Fernsehen anschaut, verrät sie der BZ im Interview.
Von
Claudia Mocek
Bietigheim-Bissingen
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Friederike Kempter als Mila (rechts) mit Heike Makatsch als Anja in der neuen Science-Fiction-Comedyserie „Tender Hearts“, bei der sich Mila in einen Liebesroboter verliebt.

Sky Deutschland/Nik Konietzny

Kathrin Tabler aus Bietigheim-Bissingen ist Filmproduzentin, mehrere ihrer Filme und Serien wurden bereits ausgezeichnet. Jetzt ist ihre neue Serie „Tender Hearts“ gestartet. Ein Gespräch über verrückte Ideen, fremde Welten und Herzensprojekte.

Wann wussten Sie, dass Sie Filme machen wollen?

Kathrin Tabler: Ich habe schon in der Schulzeit angefangen, mit einer Videokamera kleine Filme zu drehen. Ich wusste schnell, dass ich in der Branche arbeiten möchte – aber noch nicht genau, was. Bei einem Praktikum an der Filmakademie und bei einer Firma für Werbefilm-Produktion habe ich dann herausgefunden, dass ich Produzentin werden möchte.

Was macht eine Produzentin?

Eine Produzentin betreut das Film-Projekt von der Geburtsstunde bis zur Veröffentlichung. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Während eine Producerin nur Teile verantwortet, trägt die Produzentin die administrative und finanzielle Gesamtverantwortung.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Als Produzentin entwickle ich Projekte selbst, daher bin ich ständig auf der Suche nach Geschichten. Ich lese viel Zeitung, stöbere im Internet und spreche mit Menschen. Alles kann zur Quelle für Filme werden – auch etwas, das einem Freunde erzählen. Wie ein Projekt aus der Taufe gehoben wird, ist dann unterschiedlich.

„Mittlerweile werden fast nur noch Serien entwickelt“

Haben Sie ein Beispiel?

Ich habe einmal einen Stoff entwickelt, eine total verrückte Idee, und habe sie auf zwei Seiten aufgeschrieben. Das habe ich dann einer Autorin geschickt. Sie fand die Idee super und konnte sich vorstellen, daraus ein Drehbuch zu machen. Dann haben wir einen Vertrag gemacht und sie hat angefangen zu schreiben. Ich habe sie dann während des Entwicklungsprozesses dramaturgisch begleitet. Das heißt, sie schreibt, ich lese und mache Anmerkungen. Das ist ein sehr kreativer, schöpferischer Prozess.

Produzieren Sie Filme oder Serien?

Mittlerweile werden fast nur noch Serien entwickelt. Als Produzentin scanne ich permanent den Markt, spreche mit Verantwortlichen und versuche, maßgeschneiderte Projekte für Sendeplätze anzubieten. Wenn für eine Serie ein Konzept steht, biete ich es allen an, die dafür infrage kommen, die Streamingdienste, die öffentlich-rechtlichen und die privaten. Parallel dazu habe ich viele andere Projekte laufen.

Und wenn Sie den Auftrag bekommen haben?

Dann fängt man an, Konzepte und Drehbücher zu entwickeln. Anschließend zieht man das Casting auf, wählt den Regisseur, die Regisseurin, aus. Man ist dann dabei, das Projektpaket zu schnüren, die Kreativen zusammenzubringen, die Besetzung der Hauptrollen anzuschieben. Und so geht das dann weiter, bis letztendlich das Projekt soweit aufgestellt ist, dass man in einen Dreh gehen kann. Dieser wird dann kreativ betreut. Ich sitze weiterhin in meinem Kämmerchen, schaue aber regelmäßig am Set vorbei, ob alles in Ordnung ist.

Schnittstelle zwischen Auftraggebern und Kreativen

Und nach dem Dreh?

Dann kommt die Phase der Postproduktion, die sehr aufwendig ist und je nach Größe des Projekts ein halbes Jahr dauern kann. Beim Schnitt fallen mögliche Schwächen der Drehbücher auf, die man dann behebt. Das ist noch mal ein sehr intensiver Prozess, den ich komplett begleite. Dann gibt es auch viele administrative Arbeiten, es müssen Titel geschrieben, Fotos ausgewählt, Pressemappen erstellt werden. Mit einer Serie ist man rund drei Jahre beschäftigt.

Vom Projektmanagement bis hin zur kreativen Arbeit müssen sie breit aufgestellt sein?

Man ist Schnittstelle zwischen den Auftraggebern und dem kreativen Team. Dabei braucht man ein Händchen für spannende Geschichten – und für Menschen. Bei einer kreativen Arbeit gibt es viele Konflikte, weil man sich zwischen Fantasie und Realität bewegt. Und mit jedem Projekt stößt man auf neue Herausforderungen, weil man es immer mit neuen Themen zu tun hat, ob mit historischen Projekten oder der näheren Zukunft wie bei „Tender Hearts“. Gerade beschäftige ich mich mit einem Ballett-Projekt, das ist wieder eine ganz eigene Welt. Jedes Mal ist man wie ein Anfänger, der in die neue Welt eintauchen und viel lernen muss.

Was kosten die Serien, die Sie produzieren?

Hochwertige Serienfolgen, die 45 Minuten dauern und für eine Mediathek produziert werden, kosten pro Folge zwischen 900 000 und 1,3 Millionen Euro.

Macht es einen Unterschied, ob Sie eine Serie für einen Sendeplatz oder vom Thema her entwickeln?

Es gibt beides, Herzensthemen, die man entwickelt und dann versucht, zu verkaufen, und Projekte für klar definierte Sendeplätze – die romantische, leichte Komödie für eine ältere Zielgruppe. Diese passgenau und mit einem gewissen Pragmatismus zu entwickeln, macht auch Spaß. Man kann nicht nur Herzensprojekte umsetzen.

Serien der Öffentlich-rechtlichen unterscheiden sich in Stil und Erzählweise etwa von einer Netflix-Serie. Wie gehen Sie damit um?

Man muss da zwischen dem linearen Fernsehen und den Mediatheken unterscheiden. Das Publikum des linearen Fernsehens ist eher älter, 60 aufwärts. Die Mediatheken richten sich vermehrt an ein junges Publikum. Da wird jetzt nachgelegt. Ich entwickle gerade eine verrückte Serie für das ZDF, die sich an die Zielgruppe der 25 bis 35-Jährigen richtet. Die ARD will in Deutschland zur Streaming-Plattform Nummer eins werden und investiert viel Budget.

Mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet

Wie ging es Ihnen mit der Dramaserie „Neuland“ über eine Mutter, die verschwindet?

„Neuland”, für das wir gerade den Grimme-Preis bekommen haben, wurde im ZDF zunächst linear ausgestrahlt, war da aber nicht so erfolgreich. Jetzt steht die Serie in der Mediathek und dort funktioniert sie viel besser, weil sie sehr anspruchsvoll und mit vielen Auslassungen erzählt ist. Die Sehgewohnheiten im linearen Fernsehen sind anders, sie sind einfacher zu konsumieren und man hat eine klarere Verabredung mit dem Zuschauer, was das Genre anbelangt. Für die Mediathek kann man freier arbeiten.

Grimme-Preis, Prix Jeunesse und Max-Ophüls-Preis – Ihr Händchen für Geschichten haben Sie schon bewiesen. Wie machen Sie das?

Ich weiß es auch nicht so genau. Das ist ein Prozess, den man nicht lernen kann, und zu dem auch ein wenig Glück gehört. Aber man versucht immer, ein Rezept zu finden. Ich hatte schon ganz verrückte Ideen und dachte, dass ich die niemals verkauft bekomme und dann hat es geklappt. Bei anderen ist man sich völlig sicher und es wird schwierig. Ich lasse mich mittlerweile von meinen Gefühlen leiten. Aber letztlich lässt es sich nicht greifen.

Wohin gehen die Trends?

Gerade wird die junge Zielgruppe in den Fokus genommen, es geht viel um Diversität und Serien, die aus speziellen Communitys – der schwarzen, der jüdischen, der migrantischen – erzählt werden. Es ist angesagt, dass man in diese „Arenas“, diese Welten, die man sonst nicht so oft sieht, eintaucht. Das lässt sich nicht von außen erzählen, sondern nur aus Sicht eines Protagonisten aus einer Community heraus. Früher gab es die Perspektive der deutschen weißen Frau oder des deutschen weißen Mannes, die mit etwas konfrontiert wurden. Das hat sich geändert. Daher kommen nun auch die Filmemacher zum Zug, die aus diesen Communitys stammen und das authentisch erzählen können, das ist toll.

Wie bei „Zoros Solo”?

Ja, wir haben 2018 einen Kinofilm aus Sicht eines 13-jährigen Jungen aus Afghanistan gemacht, der den Knabenchor in einem schwäbischen Dorf aufmischt. Das haben wir in Besigheim gedreht. Wir haben den Jungen als Hauptfigur gewählt und damals war es schwierig, den Film überhaupt zu finanzieren, weil er zwischen allen Stühlen stand – zwischen Kinder- und Erwachsenenfilm, zwischen Drama und Komödie.

Was sind Ihre Herzensthemen?

Das ist ganz unterschiedlich, ich mag eskapistische Geschichten. Solche, die eine sehr starke Prämisse haben, wo man wirklich in diese fremden Welten eintauchen kann. Gerade entwickle ich eine Female-Horror-Geschichte mit zwei starken weiblichen Hauptfiguren. Auf der anderen Seite arbeite ich an einem True-Crime-Projekt, größer könnte der Gegensatz nicht sein. Letzteres beruht auf einer wahren Geschichte, ist super hart, sehr tragisch, sehr echt, sehr realistisch. Das ist eins der relevantesten Projekte, die ich je gemacht habe.

Ein großes Herzensprojekt von mir, das ich aber noch nicht unterbekommen habe, dreht sich um Family Entertainment – spannende Abenteuer für die ganze Familie mit einem Wohlfühlcharakter. Eine wirklich teure Serie, für die es in Deutschland aber leider keinen Markt gibt und darüber bin ich so traurig.

Schalten Sie das Fernsehen überhaupt noch an, um zu entspannen?

Manchmal möchte ich mich im Privaten nicht auch noch mal auf eine fiktionale Geschichte einlassen, dann schaue ich Magazine und Unterhaltungsshows.

Vielen Dank für das Gespräch.