Interview mit Popstar Philipp Poisel aus Markgröningen
: „Hier komme ich zurück und tanke auf“

Seit 15 Jahren ist der Liedermacher aus Schwaben deutschlandweit erfolgreich. Im Interview erzählt Philipp Poisel von seiner aktuellen Open-Air-Tournee und seinen Wurzeln in der Schäferlaufstadt. 
Von
Bigna Fink
Sachsenheim
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Südwest Presse

Er gehört zu den Popstars der ersten Riege im deutschsprachigen Raum: Philipp Poisel hat seit 2008 fast eine Million Alben verkauft, mehrere seiner Songs schafften es in die Top Ten der deutschen Charts. Anfang Juli startete der Macher von meist ruhigen Liedern mit poetischen, gefühlvollen Texten mit seinen Band seine erste Open-Air-Tour nach der Pandemie. Der 40-Jährige ist in der Region Ludwigsburg zu Hause. An einem Vormittag zwischen den Auftritten hat sich Poisel für ein Gespräch mit der Bietigheimer Zeitung Zeit genommen.

Philipp, wie geht es dir so während eurer laufenden Sommertournee?

Echt gut. Wir haben nach zwei, drei Konzerten immer eine kleine Unterbrechung von ein paar Tagen, das ist recht entspannt.

Wie verbringst du deine Pausen?

Ich kann mir ein bisschen Gedanken über die Konzerte machen. Den meisten Leuten ist es ja derzeit zu heiß, aber ich finde Fahrradfahren jetzt ganz gut, es sind nicht so viele Menschen unterwegs. Auf Tour haben wir tagsüber die Möglichkeit, Fahrradtouren zu machen und die Städte zu erkunden. Wir sind die Elbe entlang gefahren oder waren in Bremen. Hier im Kreis Ludwigsburg haben wir ja auch viel schöne Natur. Deshalb bin ich ganz gut drauf. Auch was die Tour angeht.

Wie fühlen sich die Konzerte nach der Pandemie an?

Es waren ja ein paar harte Jahre für Musiker. Erst kamen bei uns die Strandkorb-Konzerte, wo man die Leute kaum gesehen und nicht mal richtig gehört hat, ob sie klatschen. Später die Konzerte in der Halle waren mit viel Abstand zum Publikum, die Leute mussten Maske tragen, durften nicht mitsingen. Mittlerweile macht es echt wieder Spaß. Es kommen mehr Leute, die Stimmung ist gut. Die Konzerte fühlen sich fast an wie früher, als die Leute keinen Bock hatten, nach Hause zu gehen. Als wäre die Talsohle überwunden: Die Zeichen stehen wieder auf Erfolg, die Leute können nicht genug kriegen. Ich kann wieder alles um mich herum vergessen, mich voll auf das Konzert einlassen und einfach nur Musik machen. Nach den Coronajahren hat man überhaupt keine Lust mehr, Abstand zu halten und würde sich am liebsten selbst mit ins Getümmel stürzen.  

Was ist das Besondere für dich an Open-Air-Konzerten?

Man hat draußen keine dämlichen Wände um sich herum, sieht die Leute und dahinter den Himmel. Durch den Übergang vom hellen Licht zum Dunkeln verändert sich den Abend über auch die Stimmung, die Bühne rückt mehr in den Fokus. Es wird am Ende immer intensiver.

Du bist in Markgröningen aufgewachsen. Wie hat dich das Städtle musikalisch geprägt?

Mit neun habe ich eine Gitarre von meiner Mum geschenkt bekommen. Ich wollte eigentlich immer Schlagzeug spielen, aber weil wir in einem Doppelhaus gewohnt haben, fand das mein Vater eine schlechte Idee. Heute spiele ich privat Schlagzeug, zum Ausgleich. Mit etwa zwölf Jahren bin ich in Markgröningen in die Musikschule. Freunde und ich haben dann mit etwa 16 auch unsere erste Band gegründet. Wir haben Cover gespielt und so getan, als könnten wir Englisch. Ich bin am Ortsrand von Markgröningen aufgewachsen. In der Natur, am besten auf einem Hügel, fand ich es am entspannendsten. Da konnte ich träumen, Texte überlegen, auf die Stadt gucken.

Kennst du die Bietigheimer Zeitung?

Klar. Ein Kumpel von mir hat einmal für die damalige „Junge Seite“ der Bietigheimer Zeitung zum Thema Ausbildungsberufe einen Artikel über einen Dachdecker geschrieben und ich habe die Fotos dafür gemacht, damals noch mit Film. Wir waren etwa 17 Jahre alt. Den Film habe ich bei der BZ in der Kronenbergstraße abgegeben, ohne zu wissen, was auf den Fotos drauf ist. Der Dachdecker hat immer geraucht während der Arbeit, deshalb konnte man nur ein Foto benutzen (lacht).

Wo hältst du dich so auf bei uns in der Region?

Ich hab ein Studio in Ludwigsburg und verbringe auch viel Zeit in Stuttgart, wo viele meiner Kollegen sind. Da arbeite ich auch mit verschiedenen Musikerinnen und Musikern an Songs. Einige Kumpels und Teile der Familie wohnen noch in Markgröningen und auch meine Eltern in der Gegend. Ich bin eigentlich oft rund um Bietigheim unterwegs.

Was unternimmst du in deiner freien Daheimzeit im Kreis Ludwigsburg?

Ich fahre gern mit dem Fahrrad von Markgröningen nach Bietigheim, das ist eine supercoole Strecke. Das habe ich auch als Kind viel gemacht. Durch den Rotenacker Wald, gerade wenn es so heiß ist. Da kann man auch supergechillt nach Bietigheim weiterfahren. Das war früher schon ein guter Ort, und den habe ich jetzt so ein bisschen wiederentdeckt. Der ist auch gut zum Runterkommen. Bei der Tour sind wir viel im Tourbus, man hat keine eigenen Wände. Der Kontrast dazu in der Natur tut richtig gut.

Was magst du noch an der Heimat?

Gerade Bietigheim ist ja auch eine coole Touristadt, die man gerne besucht. Der Bürgergarten an der Enz und die Kultur, wie jetzt die Open-Air-Konzerte. Ich finde es einfach cool, wenn ich hier bin, durch die Dörfer und Städte zu tingeln, hier und da ein Eis zu essen und zu gucken, was hier so los ist. Auch die Wälder und Wiesen zwischen den Ortschaften finde ich nice. Ich bin auch nie ganz von meiner Heimat weggekommen. Das Tourleben hat mir geholfen, wertzuschätzen, hier zu Hause zu sein. Hier komm ich immer wieder zurück und tanke auf.

Und was schätzt du an deiner Heimatstadt Markgröningen?

Der Schäferlauf ist natürlich schon cool. Ich war ein paar Jahre nicht dort, weil ich auf Tour war, mittlerweile bin ich aber auch wieder richtig heiß drauf, das Programm mitzunehmen.

In deinen Liedern ist kein Schwäbisch erkennbar, im Gespräch höre ich einen leichten Akzent.

Meine Freunde aus Nord- und Ostdeutschland machen meinen schwäbischen Akzent öfters mal nach, die Ausdrücke „machsch, bleibsch, bisch“ und so.

Viele deiner Lieder gehen tief unter die Haut. Was glaubst du, wie schaffst du es, so viele Leute mit deiner Musik zu berühren?

Ich dachte früher oft, ich bin relativ alleine mit den Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Aber dann kamen irgendwann Leute und haben mir gesagt: „Hey, das trifft gerade auch total auf mich zu.“ Und ich glaube, das ist das Geheimnis. Die Musik ist eine Art Austausch, nur eben auf einer anderen Ebene.

Ende Juni ist dein neuer Song „Stereo“ erschienen. Wie kommt er bisher an und was bedeutet er dir?

In dem Song geht es darum, dass Mono-Sound nicht besser ist als Stereo. Ich fand damals schon immer große Stereoanlagen beeindruckend. Mein Vater hatte zwei davon, das war ein riesiger Unterschied zu meinem kleinen Kassettenrekorder. Ich hatte als Kind immer auf dem Fußboden vor der Anlage gelegen. Stereotechnik ist einfach schöner und ich bin froh, dass das viele Leute bei unserem Song „Stereo“ das auch so sehen und wir mit dem Song in einigen Playlisten erscheinen, auch wenn er nicht groß angekündigt oder promoted wurde.

Was möchtest du den Menschen mit deinen Songs mitgeben?

Ich würde mir wünschen, dass sie ihren Alltag für eine Weile vergessen können und ihre Gedanken einen guten Weg einschlagen.

Die nächsten Konzerttermine des Künstlers

Philipp Poisels authentische Bühnenauftritte unter freiem Himmel sind noch den ganzen Juli zu erleben, es gibt noch Tickets: An diesem Samstag, 15. Juli tritt der Liedermacher mit seinen vier Bandmitgliedern im Sudhaus in Tübingen auf, am 21. Juli in Singen, am 22. Juli in Freiburg, vom 24. bis 26. Juli in Österreich (Linz, Graz und Wien), am 29. Juli in Ebern, am 30. Juli in Mainz und am 31. Juli in Dinslaken. 

Zum ersten Mal Nintendo in Markgröningen

Der Singer-Songwriter
Philipp Poisel wurde 1983 in Ludwigsburg geboren und wuchs in Markgröningen auf, wo er im Chor sang. Erste eigene Kompositionen nahm er mit dem Kassettenrekorder auf. 2008 wurde der junge Musiker von Herbert Grönemeyer entdeckt, bei dessen Plattenfirma er seither unter Vertrag steht. Der 40-Jährige brachte bisher vier Studioalben heraus. Im 2017 veröffentlichten Video zu seinem Lied „Zum ersten Mal Nintendo“ reflektiert Poisel seine Kindheit und Jugend in Markgröningen und sendet damit eine L iebeserklärung an den Schäferlauf.