Interview
: „Es braucht gesetzliche Regelungen“

Im Interview erzählt Diözesansekretärin Svenja Gruß, welche Veränderungen Corona bringt und welche Hoffnung sie für die junge Generation hat.
Von
Carolin Domke
Ludwigsburg
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Svenja Gruß ist Diözesansekretärin der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung.⇥

KAB

Seit knapp einem Jahr ist Svenja Gruß die neue Diözesansekretärin der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Themen wie Frauenrechte, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sind ihr besonders wichtig. Mit ihrem Mann und den vier Kindern im Alter von 15 bis 22 Jahren lebt sie seit 16 Jahren in Sersheim. Zudem kümmert sie sich um eine Pflegetochter aus Eritrea. Schon in ihrer Jugendzeit hat sie sich ehrenamtlich als BDKJ-Dekanatsleiterin in Ludwigsburg engagiert.

Frau Gruß, was hat Sie an Ihrer neuen Stelle als Diözesansekretärin besonders gereizt?

Der Einsatz der KAB steht immer unter der Überschrift gutes Leben in Bezug auf die Arbeitswelt in Deutschland, die jeden von uns betrifft. Damit verknüpfen sich viele Umstände, die unser Leben stark prägen. Der Blick der KAB geht aber auch über den Tellerrand hinaus, denn wir haben eine langjährige Partnerschaft mit Uganda. Das hat mich an der Stelle auch gereizt, da unsere Familie ein Pflegekind aus Eritrea für drei Jahre aufgenommen hatte.

Beschreiben Sie Ihre neue Arbeit.

Sie ist sehr abwechslungsreich, das sag ich Ihnen. Wir machen uns zum Sprachrohr für die Menschen in der Arbeitswelt unter der Überschrift „soziale Gerechtigkeit“. Dahinter verbergen sich viele Themenfelder.

Wo liegen dabei die Schwerpunkte?

Ganz aktuell liegt er bis zur Bundestagswahl auf der Pflege. Wir haben eine Petition verabschiedet, die bessere Arbeitsbedingungen für unsere Pflegekräfte fordert. Da ist uns zum einen Corona bei der Mobilisierung auf der Straße dazwischengekommen. Auf der anderen Seite wurde dadurch die Thematik Pflege und Gesundheit ganz stark in den Mittelpunkt gerückt.

Vor den Landtagswahlen waren Sie mit Podiumsdiskussionen aktiv – wie geht’s weiter?

Wir haben die Kandidaten zum Thema Pflege und Gemeinwohlökonomie auf Herz und Nieren geprüft. Im Nachgang werden wir einen digitalen Pfleg-O-Mat aufstellen. Wie der Wahl-O-Mat nur auf den Pflegebereich ausgelegt. Auf die Bundestagswahl hin werden wir die Aussagen zum Thema Pflege speziell vergleichen und mit den Kandidaten wieder ins Gespräch kommen. Auch der Schutz des freien Sonntags ist uns seit Jahren ein wichtiges Anliegen, das besonders jetzt wieder verteidigt werden muss.

Hat Corona noch mehr beeinflusst?

Nach der Wahl ist das nächste Schwerpunktthema Digitalisierung. Wir befinden uns aktuell alle im Homeoffice. Das ist zwar eine dankbare Möglichkeit, dass wir zunächst alle weiterarbeiten können und erleichtert sicherlich auch vieles. Aber es braucht gesetzliche Regelungen, zu denen wir auch Forderungen aufgestellt haben.

Sie sind selbst Mutter von vier Kindern. Glauben Sie, dass Frauen in dieser Zeit mehr belastet sind?

Ich würde nicht sagen, dass Männer gar nicht betroffen sind, aber Frauen trifft es in dem Bezug momentan stärker. Deshalb engagieren wir uns auch zur Frauengesundheit und bieten Kurberatung an. Wir rechnen damit, dass spätestens im nächsten Jahr die Anfrage von Müttern nach Kuren sprunghaft ansteigen wird.

Wo sehen Sie momentan die größten Herausforderungen?

Persönlich habe ich mir das alles anders vorgestellt. Wer rechnet schon im Februar 2020 mit so einer großen Umstellung. Wegen der Pandemie können wir viele Seminare in der geplanten Form nicht anbieten. Deswegen mussten wir uns online fit machen. Das ist eine große Herausforderung, denn man darf nicht vergessen, dass es viele Menschen gibt, die da schwer mitkommen wie Senioren. Die nehmen wir aber mit, indem wir sie im Umgang mit den neuen Medien schulen und mit ihnen telefonisch in Kontakt sind.

Das hat sicher viele Vorteile...

Die Veranstaltungen schießen wie Pilze aus dem Boden. Wir erreichen nun deutlich mehr Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen mit unseren Angebote. Wir werden deswegen zukünftig zweigleisig fahren. Wir müssen aber auch schauen, was das mit uns Menschen verändert. Denn wo wir früher ein Telefonat geführt haben, verbringen wir nun sehr viel Zeit am Bildschirm.

Wo sehen sie den größten Bedarf Ihrer eigenen Arbeit?

Das Thema Nachhaltigkeit – Bewahrung der Schöpfung würde ich es aus der christlichen Perspektive nennen. Die Fridays for Future Bewegung ist durch Corona nicht mehr so präsent, weil junge Leute nicht mehr auf die Straße gehen können. Und trotzdem ist es eine unserer Haupthauptaufgaben, um unsere Zukunft weiterhin lebenswert machen.

Wie integrieren Sie Ihre christliche Prägung in die Arbeitswelt?

Das man den einzelnen Menschen sieht und nicht nur die große Gruppe. Schon seit Kindheit bin ich mit der katholischen Kirche verbunden – aber nicht unkritisch. Für mich gibt es Dinge, die ich für mich infrage stelle. Aber trotzdem merke ich, wenn ich etwas verändern will, dann erhebe ich auch mal die Stimme. Meine ganze Kindheit und Jugend war geprägt von dieser Erfahrung: Du bist wichtig, so wie du bist. Das hat mir die kirchliche Jugendverbandsarbeit, in der ich groß geworden bin und die ich ein Stück weit auch initialisiert hab, mit auf den Weg gegeben.

Sie sind ausgebildete Industriekauffrau, wie kam es zu Ihrem späteren Werdegang?

Während der Ausbildung habe ich gemerkt, ich will nicht jeden Tag Akten verwalten und Exceltabellen ausfüllen. Deswegen habe ich Sozialpädagogik studiert und in dieser Zeit drei Kinder auf die Welt gebracht. Daher war für mich immer diese Frauenfrage im Mittelpunkt: Frauen sind gut ausgebildet, Frauen sind engagiert, aber das Thema Kinder und Familie bremst einen immer wieder aus. Nach dem Studium war ich beim Sozialdienst katholischer Frauen in der Betreuung von Müttern und Schwangerschaftsberatung und zwischendurch bei der Beratungsstelle Frau und Beruf Ludwigsburg als Beraterin. Das hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet und gezeigt, dass man speziell Einrichtungen braucht, um Frauen zu fördern.

Wie sehen Sie dazu die Entwicklung?

Es geht viel zu langsam. Wir brauchen weiterhin Geduld und wir dürfen nicht aufhören, Forderungen zu stellen. Und vor allem habe ich Hoffnungen für die junge Generation. Zum Beispiel Luisa Neubauer, eine junge Frau, die selbstbewusst vorangeht und ihre Forderungen stellt. Wenn wir so eine Generation hinter uns wissen, die wir als mittlere Generation unterstützen dürfen, dann sehe ich für Frauen und zu den Themen Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit Hoffnung.