Inklusion im Landkreis: „Augenhöhe und gegenseitiger Respekt sind das Wichtigste“

Zeigen, was Behinderte können, wenn man sie fördert und fordert, das war und ist die Lebensaufgabe von Horst Tögel.
/Richard DannenmannInzwischen ist Horst Tögel 82 Jahre alt, aber noch immer brennt der Pädagoge und Musiker, der sich über fünf Jahrzehnte als Lehrer, Rektor und Begleiter für Menschen mit Behinderungen engagierte. Er ist 1974 der Initiator und Gründer der Brenz Band – dem ersten inklusiven Ensemble, „in einer Zeit, als man noch nicht von Inklusion, sondern noch von Integration sprach“, wie Tögel im Gespräch mit der Bietigheimer, Sachsenheimer, Bönnigheimer Zeitung erklärt.
Für ihn sei es bereits damals wichtig gewesen, dass er einen anderen Umgang mit behinderten Schülern hatte, im Gegensatz dazu, wie es in den 1960er-Jahren üblich war: Der Lehrer bestimmt und die Schüler machen es so, wie vorgegeben. „Ich wollte ein Miteinander. Das ist das Wesen der Inklusion, alles andere wäre Integration“, betont Tögel. Zu Beginn seiner pädagogischen und persönlichen Arbeit mit Menschen mit Einschränkungen, sei ihm diese Unterscheidung aber noch nicht bewusst gewesen, es sei ihm einfach ein Bedürfnis gewesen „auf dieser Ebene miteinander umzugehen“.
Bemerkenswert in dem mehr als zweistündigen Gespräch mit Horst Tögel ist seine Einschätzung, das eigentlich erst drei Jahrzehnte nach Gründung der Brenz Band und der damit verbundenen praktischen Arbeit, die Notwendigkeiten einer gelingenden Inklusion durchdacht und formuliert wurden. Mit der Einladung der UNESCO, die das Ensemble von so unterschiedlichen Musikern 2005 zu „Künstlern für den Frieden“ ernannte (eine Auszeichnung die unter anderem Celine Dion, Georges Moustaki oder Shirley Bassey erhielten), haben er und seine Mitstreiter die Geschichte mit der Inklusion „richtig durchdacht“. Tögel: „Alles was wir machen, besprechen und planen wir gemeinsam. Und auch jemand, der sich sonst nichts zutraut, darf etwas sagen, seinen Beitrag dazu leisten.“ Dabei hätten sie gegenseitig auch tolle Umgangsformen gelernt. „Augenhöhe und gegenseitiger Respekt sind das Wichtigste, egal ob behindert oder nicht“, sagt der 82-Jährige.
Von der UNESCO hätten sie den Auftrag bekommen, geht überall hin, wo es etwas bringt und zeigt den Menschen, was man mit Behinderten machen kann, wenn „man sie fördert und fordert“. „Da habe ich mir gesagt, das ist eine Lebensaufgabe“, erinnert sich Tögel. Diese führte die ungewöhnliche musikalische Familie der Brenz Band bis nach China, denn inzwischen alle doch recht selbstbewusst. Während in anderen gemischten Bands die Behinderten oft nur die Trommel schlagen, ist das in der Brenz Band anders: wenn in ersterer die Nichtbehinderten eine Pause einlegen, dass musizieren die Behinderten in der Brenz Band weiter – weil sie es können. „Sie tun das selbstbewusst, denn sie empfingen ihre Behinderung als etwas, das ihnen gegeben ist, wie blondes Haar oder platte Füße“, sagt Tögel in dem Buch „Makel los. Die unglaubliche Geschichte der Brenz Band“.
So entstand, durch persönliche Kontakte des Scala-Leiters Peter Sömmer, die Idee zu einer Chinareise mit Auftritten in großen Konzertsälen. Es war Programm, dass die Brenz Band bei Gastspielen immer ein Lied des Landes spielte. „So hatte ich das Lied ,Der weiße Jasmin’ ausgewählt“, erinnert sich Tögel, der erst am Tag des Abflugs bemerkte, dass diese Lied von den chinesischen Studenten, als musikalische Demonstration gegen die Machthaber, auf den Straßen gesungen wurde. Vor dem Konzert in Peking wurden spontan zehn Chinesinnen angesprochen, ob sie wohl beim Konzert mit der Brenz Band den „Weißen Jasmin“ auf der Bühne mitsingen würden. Tögel: „So hatten wir plötzlich einen Frauenchor dabei, und dies ist bei allen Auftritten so beibehalten worden. Das zeigt, was möglich ist, wenn man es einfach selbstverständlich macht.“
Was hat die Brenz Band für die behinderten Musiker im täglichen Leben gebracht? „Selbstbewusstsein natürlich“, konstatiert Tögel, und sie hätten Umgangsformen gelernt. „Die Worte ,Danke’ und ,Bitte’ sind plötzlich geläufig gewesen, oder Schweigen, wenn ein anderer etwas sagt“, betont er, „ganz wichtig Disziplin.“ So hätten sie sich Umgangsformen angewöhnt, mit denen jeder gut umgehen konnte und die jeder akzeptiert habe. Jeder einzelne habe sich hin zur Selbstständigkeit entwickelt, war in der Lage Verantwortung zu tragen. Das habe aber nur deshalb funktioniert, weil sie eine kleine homogene Gruppe waren und noch sind. „Es dürfen eigentlich nicht mehr Leute sein, als die, die um einen Tisch herum sitzen“, erläutert Tögel.
Für Horst Tögel ist Inklusion dann erreicht, wenn man nicht mehr darüber reden muss. „Salva und Konsorten, die sind jetzt auch alle bald 60 Jahre alt und sind mit mir 40, 50 Jahre zusammen, die kämen überhaupt nicht auf die Idee, über Inklusion zu reden.“ Für sie sei es normal, „so wir halt sind“. Tögel: „Das ist es was ich erreichen wollte, selbstständig, aber anständig bleiben, Umgangsformen lernen, die allgemein akzeptiert sind. Man hat keinen Freibrief als Behinderter sich daneben zu benehmen.“
Es sei sein Ziel gewesen, dass die von ihm begleiteten Behinderten im Rahmen ihrer Möglichkeiten akzeptiert werden, und sich selbst akzeptieren. „Das haben wir erreicht“, konstatiert Tögel.