Inklusion im Kreis: Steine müssen keine Barrieren sein

Auch an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg wurden besondere Leitsystemsteine verbaut. Richard Beck berät bei Verkaufsgesprächen auch mit Blick auf Barrierefreiheit.
/Martin KalbEs gab Schockmomente und tolle Erkenntnisse“, sagt Richard Beck, als er von einer Begehung mit der Behindertenbeauftragten des Kreises erzählt. Der Schwieberdinger arbeitet für die Firma Braun-Steine, die unter anderem Pflastersteine herstellt und an besonderen Formen arbeitet, um Barrierefreie Flächen zu bauen. Beck ist als Gebietsleiter im Vertrieb auch für den Kreis Ludwigsburg zuständig. Leitsysteme und barrierefreie Rinnen hat er zum Beispiel auch schon nach Ludwigsburg an die Pädagogische Hochschule verkauft.
Fachwissen von Menschen mit Behinderung
„Mir ist es wichtig nicht einfach nur das Produkt zu verkaufen, sondern auch dem Kunden zu sagen, wie die Steine am besten genutzt werden können, sodass es auch wirklich barrierefrei wird“, sagt Beck. Doch um auch richtig beraten zu können, brauchte es das Fachwissen von Menschen mit Behinderung, die eben auch sagen können ob die Baulösungen für sie tatsächlich Barrierefrei sind oder es noch Verbesserungsmöglichkeiten gibt.
Über den Innovationsmanager Andreas Brunkhorst, kam der Kontakt mit Claudia Lychacz zustande, erinnert sich Richard Beck. Brunkhorst hatte eine barrierefreie Rinne entwickelt, die mit dem Rollstuhl gut passierbar sein soll. Deshalb bat er die Behindertenbeauftragte Lychacz um Feedback. Gemeinsam mit Alexander Lang aus Mühlacker, der sich mit dem Thema Barrierefreiheit beschäftigt und dazu berät, waren sie mit Claudia Lychacz auf den ehemaligen Baustellen unterwegs. „Dabei konnten wir gleich zwei Bereiche testen, denn Frau Lychacz beschrieb die Flächen aus Sicht einer blinden Person, Herr Lang aus Sicht eines Menschen im Rollstuhl“, erinnert sich Beck. Dabei hätten alle Beteiligten viel gelernt. Denn nicht alles sei optimal verbaut worden, doch über die gemeinsame Begehung habe er sich sehr gefreut, da Lychacz es nicht nur beim Aufzeigen von Hürden beließ, sondern auch gleich Lösungsvorschläge präsentierte.
„Gerade bei Stufen ist der Kontrast so wichtig, ebenso wie bei Sperrstreifen, die auf Gefahren hinweisen“, erklärt Beck die Anforderungen, die es auf öffentlichen Plätzen gibt, um sie für blinde und seheingeschränkte Menschen inklusiv zu gestalten.
In seiner Arbeit als Gebietsleiter merkt er immer wieder, dass nicht jeder auf dem aktuellsten Stand ist, was das Regelwerk gerade beim Thema Barrierefreiheit beinhaltet. Oft erlebt er auch, dass die Frage kommt: „Wie sieht das dann aus?“, wenn er erklärt, wie wichtig die Farbunterschiede bei Leitsystemen zum Belag sind. Häufig stünde eben noch die Gestaltung im Vordergrund.
Gemeinschaftsgedanke muss verankert sein
Für Richard Beck ist es deshalb so wichtig, nicht nur das Material zu liefern, sondern auch Fachwissen, damit die besonderen Produkte auch korrekt eingesetzt werden. Er wünscht sich, dass die Barrierefreiheit nicht mehr als baurechtlich „auferlegt“ gesehen wird, sondern als Selbstverständlichkeit, damit alle Nutzer von öffentlichen Plätzen in der Planung mitgedacht werden.
Gerade mit Blick auf das Thema „Shared Spaces“, also ein gemeinsamer Verkehrsraum, sieht Beck noch viel Luft nach oben. Es sei ein notwendiges Konzept für die Zukunft, nur müssten dann auch alle Verkehrsteilnehmer mitgedacht werden. „Eine Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn der Gemeinschaftsgedanke fest darin verankert ist“, betont der 41-Jährige. In seinem persönlichen Umfeld hat er erlebt wie schnell ein Unfall alles verändern kann und wie wichtig dann Inklusion ist. Seit 2008 arbeitet Beck in der Pflasterstein-Branche. Da habe er auch schon andere Firmen erlebt. Er ist froh, dass er bei seiner Arbeit jetzt das Thema Inklusion und Barrierefreiheit aktiv ansprechen kann.
Die Vergabehürden für Bauaufträge in Deutschland seien nicht immer leicht. An oberster Stelle stehe immer der Preis. Der günstigste Anbieter erhalte den Zuschlag. Das sei für Materiallieferanten, die besondere Produkte liefern, die nicht in hoher Stückzahl produziert werden und damit etwas teurer sind, als der Standard, schwierig.
Zudem gebe es auch bei der Informationskette noch Luft nach oben: „Nur weil ich erklärt habe, wie die Steine korrekt einzubauen sind, heißt das noch lange nicht, dass das auch beim Bauarbeiter vor Ort so ankommt.“ Als Beispiel nannte er ein Leitsystem entlang eines Radwegs, dessen Steine falsch herum eingebaut wurden, sodass sehbehinderte Menschen auf den Radweg geleitet würden. Es gebe noch viel tun in der Branche, so der Schwieberdinger.
Für Richard Beck ist Inklusion dann erreicht, wenn „sich alle selbstbestimmt und frei im öffentlichen Raum bewegen können“.