Ingersheim
: Wahre und frei erfundene Geschichten

Journalist und Autor Jörg Palitzsch hatte zu einer unterhaltsame Reise in die Ingersheimer Vergangenheit eingeladen. Musikalisch wurde die Lesung von „o’dumplings“ begleitet.
Von
Corinna Müller
Ingersheim
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Der Journalist und Autor Jörg Palitzsch bei seiner gut besuchten Lesung von „Ingersheimer Geschichte(n)“ im Rathaus.

/Foto: Martin Kalb

Amüsant, ernsthaft und oftmals gruselig waren die Ingersheimer Geschichten, die am vergangenen Freitagabend im dortigen Rathaus vortragen wurden. Der Journalist und Autor Jörg Palitzsch las seine Texte im voll besetzten Saal, stimmungsvoll umrahmt von der Ingersheimer Band „o’dumplings“, die einige Songs eigens für diesen Anlass verfasst hatte. Hanna Höhlein (Gesang), Lilli Bender (Akkordeon), Thomas Höhlein (Gitarre), Albrecht Fink (Bass) und Rainer Bruhn (Geige) spielten von Folk bis Tango und begeisterten damit ihr Publikum.

Abend von Ingersheimern für Ingersheimer

Bürgermeisterin Simone Lehnert betonte ihre Freude über diesen „Abend von Ingersheimern für Ingersheimer“, an dem spannende Begebenheiten aus beiden Ortsteilen erzählt wurden; teilweise historisch fundiert, mitunter in die Gegenwart ragend, wie die der Kleiningersheimer Mühle. Im 14. Jahrhundert erbaut, führte seinerzeit ein „Eselsweg“ zum Transport des Mehls dorthin.

Palitzsch beschrieb die Entwicklung der Mühle über die Jahrhunderte hinweg, die Bedeutung der Florentiner, der Kunstmühle und die zahlreichen Widrigkeiten, denen die Mühle ausgesetzt war. Den zerstörerischen Brand von 1902 dokumentierte er anhand einer Fotografie. 1968 wurde der Mühlbetrieb endgültig eingestellt, sodass als Zeuge „der ehemaligen wasserbaulichen Anlagen“ nur noch „eine alte Steinbrücke blieb, die einst als hochwasserfreier Zugang zur Mühle diente“.

Gotteslästerer wird 1606 mit dem Schwert hingerichtet

Doch auch Pest, Krieg und Verwüstung spielten eine Rolle in den Geschichten und Sagen. „Vieles, was ich Ihnen erzähle, ist wahr, manches von A-Z erfunden“, schmunzelte Palitzsch, der einige der Episoden selbst erlebt hatte.

Belegt ist der Fall des Gotteslästerers Wolf Leutze, der 1606 mit dem Schwert hingerichtet worden war. Ebenfalls überliefert ist der 30-jährige Krieg, der ganze Familien ausgelöscht und in dessen Folge im Jahre 1634 in Großingersheim lediglich acht Bürger, in Kleiningersheim niemand mehr gelebt hatte.

Palitzsch wies seine gebannt lauschenden Zuhörer auf den unheimlichen Totenweg zwischen den beiden Ortsteilen hin, auf dem die Leichen einst von Kleiningersheim durch die Weinberge nach Großingersheim zum Friedhof gebracht worden waren. Noch immer würden die Toten „sich in stürmischen Nächten besuchen und von einem Gottesacker zum anderen fliegen“. Er sprach vom „schwarzen Pärchen“, das auf Höhe der „steinernen Wengertshütte“ friedlich umgehe, während eine Spinnerin wohl vom Teufel geholt worden war, weshalb man ihr zur Erinnerung einen „Spinnerinstein“ in den Wald gesetzt hatte.

Fröhlich blieben die Erinnerungen an die Ingersheimer Chöre und Vereine, in denen viel gesungen und musiziert wurde. Bereits 1832 bestand ein Singverein und auch später wurde die Affinität der Ingersheimer zur Musik ersichtlich, als die beiden Einheimischen Hartmut Engler und Joe Crawford – alias Jörg Weber – mit der Band Pur berühmt wurden.

Zwischendurch erklang die Band, deren Instrumente perfekt miteinander harmonierten. Die melancholischen Nuancen der Geige schienen den Verurteilten „Sam Hall“ auf seinem Weg zum Schafott zu begleiten und auch mit „Arthur McBride“ kamen die Irish-Folk-Fans auf ihre Kosten. „Mackie Messer“ war von Rainer Bruhn adaptiert worden und spielte auf Ivan an, der im Gasthaus Krone damit geprahlt hatte, zu nächtlicher Stunde sein Messer in ein Grab zu stechen. Doch als er dabei versehentlich seinen Mantel mit dem Messer am Grab fixierte und demzufolge nicht mehr wegkonnte, war Iwan überzeugt davon, der Tote würde nach ihm greifen. Er erlitt einen tödlichen Herzinfarkt, wie Palitzsch mit reichlich Ironie beschrieb.

Das Zitat des Pfarrers Richard Stein, der um 1900 herum seine Gemeinde als „zum Frohsinn geneigt“ deklariert und sie als „Menschenschlag“ bezeichnet hatte, „der auch schöne Erscheinungen“ habe, erheiterte die Zuhörer ebenso, wie zahlreiche andere Anekdoten, die Jörg Palitzsch an diesem Abend zum besten gab.

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung war frei. Stattdessen baten Autor und Musiker um eine Spende zugunsten der Ingersheimer Ortsbücherei.