Ingersheim: Räuber kannte sich mit Tresoren aus

Bankkaufmann hat Banken überfallen. Die Sache wird vor dem Landgericht Stuttgart verhandelt.
bz/Oliver BürkleZweiter Verhandlungstag am Stuttgarter Landgericht: Der 31-jährige mutmaßliche Doppelbankräuber hat gegenüber den Richtern der 14. Großen Strafkammer nunmehr ein umfassendes Geständnis abgelegt. Darin erklärt er, wie es dazu kam, dass er die Kreissparkassenfilialen in Korntal-Münchingen und fünf Wochen später in Ingersheim überfiel und eine Gesamtbeute in Höhe von 193 000 Euro machen konnte. Zum einen sei es seine Sportwetten-Spielsucht, zum andern waren es nach seiner Darstellung auch die hohen Schulden und ein Betrugsschaden aus einer missglückten Firmengründung in Kornwestheim.
Er habe zusammen mit drei weiteren Männern ein Unternehmen der Küchen-Möbelmontage in Kornwestheim übernommen und Sozialversicherungsbeiträge in Höhe von 1,1 Millionen Euro hinterzogen. Außerdem hätten sie Schwarzarbeiter beschäftigt und mit Scheinrechnungen betrogen, so die neue Anklage. Der Schaden, um den es hier geht, liegt weitaus höher als jene 193 000 Euro Bankraub-Beute. Das soll vor zwei Jahren gewesen sein, wie es in der neuen Anklage gegen ihn heißt.
Das war es noch nicht: Zwei Prozesse zur selben Zeit
Der Angeklagte muss im Fall der beiden Banküberfälle mit einer zweistelligen Strafe rechnen. Dazu dann noch eine weitere Strafe im neuen Fall von ebenfalls zweistelliger Höhe. Deshalb versucht sein Verteidiger nun für den 31-Jährigen wenigstens eine gesamte Strafe von nicht höher als neun bis zehn Jahre zu erhalten – durch eine mögliche Verfahrenseinstellung der Vorwürfe bei der Stuttgarter Wirtschaftsstrafkammer.
Um was geht es da? Im Jahr 2019 soll der 31-Jährige in Kornwestheim zusammen mit drei weiteren Mitbeschuldigten ein Unternehmen geführt haben, das Luxusmöbeln montierte. Bis zum Jahr 2022 habe er zusammen mit den Mitbeschuldigten gegenüber zwei Ludwigsburger Krankenkassen die Beiträge für seine damaligen Monteure in Höhe von etwa 1,1 Millionen Euro unterschlagen. Die Arbeiter seien schlicht gar nicht angemeldet gewesen.
Insgesamt 53 derartige Einzelfälle haben die Staatsanwälte errechnet, zur Anklage gebracht und den Tatbestand der Schwarzarbeit obendrein festgestellt. Hier beziffert die Staatsanwaltschaft den Gesamtschaden auf neun Million Euro. Was geschah aber mit jenen 193 000 Euro aus den beiden Banküberfällen? Der Angeklagte sagt jetzt, dass dieses Geld zwar für die Schuldenablöse aus dem Möbel-Unternehmen geplant gewesen war, jedoch ebenfalls für seine Spielschulden ausgegeben wurde. Denn seit gut zwölf Jahren habe er große Geldsummen bei Sportwetten eingesetzt – und meistens verloren. Der Schuldenberg sei immer größer geworden, nachdem er an jedem Wochenende bis zu 5000 Euro dabei in den Sand gesetzt habe.
Täter wollte den Schuldenberg abbauen
Die Überfälle auf die Bankfilialen in Korntal-Münchingen und Ingersheim sollten diesen inzwischen auf 60 000 Euro angewachsenen Schuldenberg abbauen. Die Durchführung der Überfälle seien für ihn recht einfach gewesen. Denn vor zwei Jahren habe er selbst bei der Korntaler KSK-Filiale seine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen. Dabei habe er alle Sicherheitsmaßnahmen der Bank kennen gelernt, zum Beispiel wie der Tresorraum durch Tracker gesichert ist, wie die Sicherheitsschleuse umgangen werden kann und wie die Bank geraubte Geldscheine markiert. So sei es praktisch nicht schwer gewesen, beim ersten Coup am 28. Juli letzten Jahres gleich 89 500 Euro zu erbeuten. Fünf Wochen später dann in Ingersheim 104 500 Euro. Am 26. September wurden bei ihm gerade mal noch 20 000 Euro sichergestellt.
Sollte nun die Stuttgarter Wirtschaftsstrafkammer das zweite Verfahren wegen Sozialbetrugs, Einschleusens von Ausländern und Schwarzgeldzahlungen wirklich einstellen, dann könnte der Angeklagte – wie sein Verteidiger hofft – mit einer Strafe für die begangenen Banküberfälle mit unter zehn Jahren davon kommen. Denn der Tatbeitrag in Sachen Betrug wiege nicht allzu schwer und eine Strafe hierzu würde als sogenannte „Gesamtstrafe“ bei der Zumessung nicht mehr sonderlich ins Gewicht fallen. Durch sein Geständnis winkt ihm zudem Strafmilde.
Am Freitag diese Woche sollen die beiden Bankmitarbeiterinnen, die der Angeklagte jeweils mit einem Messer bedroht und zur Herausgabe des Geldes gezwungen habe, als Zeuginnen von Gericht gehört werden. Danach wird dieser Prozess mit den Schluss-Plädoyers auf den 5. April vertagt. Ein Urteil ist für den 17. April vorgesehen. Ein Urteil gegen seine drei Mitangeklagten im Betrugsfall soll jedoch erst am 10. Juni verkündet werden.