Haushaltsauflösung
: Wenn der ganze Hausrat entsorgt wird

Im Todesfall oder Einzug ins Heim steht oft die Entrümpelung der Wohnung an. Wie funktioniert eine Haushaltsauflösung? Ein Besuch bei einer Kompletträumung in Vaihingen.
Von
Bigna Fink
Ludwigsburg
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Serkan Celikkol, Inhaber des Bietigheimer Entsorgungsunternehmens Anra, und Mitarbeiter Klaus Schwager (rechts), packen an bei der Haushaltsauflösung einer Wohnung in Vaihingen.

/Oliver Bürkle

Schrankteile, gefüllte Kartons und Plastiksäcke – der große Umzugswagen vor einem Mehrparteienhaus in Vaihingen füllt sich an diesem Montagmorgen. Die vier Mitarbeiter der Entsorgungsfirma Anra aus Bietigheim-Bissingen tragen zügig, teils per Menschenkette, den gesamten Hausrat einer Person aus einer Drei-Zimmer-Wohnung durchs Treppenhaus in den Transporter. „Wir Menschen sammeln so viele Sachen, an denen wir hängen“, sinniert einer der Entrümpeler, der seit 20 Jahren bei der Firma angestellt ist, „aber wenn der Tag X kommt, fliegt alles raus.“

Serkan Celikkol, neben seiner Frau Eleni Inhaber des Familienunternehmens Anra, sagt auf dem Balkon der Wohnung beim Gespräch mit der BZ: „Das hier heute ist eine klassische Haushaltsauflösung.“ Die Person, die in der Wohnung gelebt hat, sei über 60 Jahre alt gewesen und verstorben. Der zuständige Angehörige, in diesem Falle der Bruder, lebt weiter weg und ist selbst über 60 Jahre alt.

Häufigste Gründe für Räumungen

Eine Haushaltsauflösung selbst durchzuführen sei schon machbar, nur bräuchte man entsprechend Zeit für die Organisation, Sortierung und Entrümpelung, ein großes Fahrzeug und natürlich körperliche Kraft, so Celikkol.

Die Gründe für eine vollständige Räumung des Hauses oder der Wohnung sind meist ein Todesfall, eine Krankheit oder im Alter der Eintritt in ein Pflegeheim. Meist liege es dann an den Angehörigen, sich um die Haushaltsauflösung zu kümmern. Auch Erbgemeinschaften oder Anwaltskanzleien kämen auf die Bietigheimer Firma Anra zu, sagt Serkan Celikkol. „Selten haben wir auch den Fall von Mietnomaden, die die Wohnung ohne Miete zu zahlen und ohne sie zu räumen verlassen“, erzählt der Besigheimer.

Meist laufe es so ab, dass die Angehörigen ein paar Tage vor der eigentlichen Haushaltsauflösung den Hausrat nach wertvollen und noch brauchbaren Gegenständen durchsuchen und diese behalten, verkaufen oder verschenken. Die Mitarbeiter des Umzugsunternehmens würden nur sehr selten noch Wertsachen entdecken. „Wir haben dafür leider gar nicht die Zeit, Gegenstände auf ihre Wertigkeit zu begutachten oder zu schauen, ob sich wo noch wertvolle Dinge und Geld befindet“, sagt Celikkol. Er habe gehört, dass manche Leute Geld in Kissen oder Matratzen einnähen, oder in Büchern oder der Kleidung im Schrank verstecken. Sicherlich würden dann auch manchmal leider Schätze entsorgt. Denn: „Das Allermeiste müssen wir wegschmeißen.“ Rollatoren und Rollstühle würden sie aber Sozialeinrichtungen spenden, fügt seine Frau Eleni Celikkol hinzu. Der Hausrat wird laut den Celikkols von ihren Mitarbeitern auf dem Wertstoffhof umweltgerecht entsorgt.

Klaus Schwager aus Ludwigsburg ist einer der vier Entrümpler, er packt seit 22 Jahren für die Umzugsfirma Anra mit an. Beschwerden habe er durch den körperlich anspruchsvollen Job keine, sagt der 72-Jährige, im Gegenteil, „die Arbeit hält fit.“

Die Umzugs- und Entsorgungsfirma Anra, die im ganzen Kreis Ludwigsburg entrümpelt, gibt es seit 1998. Zwei Haushaltsauflösungen übernimmt das Team im Schnitt pro Monat, Umzüge etwa doppelt so viel.

Wer nach Unterstützung bei einer Räumung sucht, stößt im Internet auf eine Vielzahl an Dienstleistern – aus ganz Deutschland. Die Celikkols raten zu einer regionalen Firma. „Wenn Fragen anfallen, kann man sie vor Ort persönlich klären,“ sagt Serkan Celikkol, auch unterstütze man damit die lokale Wirtschaft. So hat der 44-Jährige einmal erlebt, dass ein auswärtiges Unternehmen nur wertige Möbel mitgenommen habe und dann abgehauen sei. „Es ist sinnvoll, Angebote von mehreren Anbietern einzuholen, und das für sich passende auszusuchen“, sagt Anra-Inhaberin Eleni Celikkol. „Die Sympathie muss stimmen.“ Auch rät das Unternehmerpaar zu Firmen, die einen Festpreis anbieten, „dann gibt es am Schluss keine Überraschung.“

Harmloseste Messie-Wohnung: Zeitungsstapel bis zur Decke

Für die Räumung in Vaihingen benötigt das Entrümplerteam zwei Werktage, etwa 16 Stunden. Während der Räumung sind unter anderem noch einige Koffer im Schlafzimmer getürmt, fünf Porzellankannen finden sich in einer Kiste, kleine Deko-Ostereier liegen auf dem Boden. „Alles noch völlig im Rahmen“, sagt Serkan Celikkol zur angesammelten Menge an Dingen. Etwa ein Drittel der Wohnungen, die die Firma Anra räumt, sind Wohnungen von sogenannten Messies, also Menschen, die übermäßig viele Gegenstände sammeln.

Die harmloseste Messie-Wohnung war für Celikkol die von einer Frau, die ihre Zimmer bis zur Decke mit Zeitungsstapeln gefüllt hatte, oder von einem Mann, dessen Wohnung voller Stapel mit Lederklamotten war. Häufig seien aber auch urinierte Sofas, viele Essensreste und Müll in Messie-Wohnungen. „Die sind meist von psychisch kranken Menschen, die lange zuvor niemanden mehr in ihr Zuhause gelassen und den Kontakt zur Verwandtschaft und zu Freunden aus Scham abgebrochen haben.“

Senioren-Umzüge mit viel Zeit

Die Firma Anra bietet neben Privat- und Firmen- auch Senioren-Umzüge an. „Ältere Menschen sind bei Umzügen und Haushaltsauflösungen meist sehr nervös“, weiß Serkan Celikkol. „Für sie nehmen wir uns besonders viel Zeit für alles, erklären ihnen zusammen mit den Angehörigen die Abläufe genau“, das beruhige.

Eine Haushaltsauflösung ist oft mit einigen Emotionen bei den Betroffenen und Angehörigen verbunden. Das Abschiednehmen, das Gefühl des Verlusts wiegt bisweilen schwer.

„Es kann richtig hart sein, wenn ein Schrank der Eltern, den die Kinder 40 Jahre mit dem Zuhause der Eltern verbunden haben, einfach zerschlagen wird.“ Bei den meisten derjenigen, die das miterleben, würden Tränen fließen, so der Chef der Umzugsfirma. Deshalb rät Celikkol Betroffenen, an dem Tag der Entrümpelung nicht vor Ort zu sein.