Handball-Zweitligist VfL Waiblingen trumpft auf
: Der kleine Nachbar will nach oben

Die Macher der SG BBM Bietigheim drücken dem derzeit furios aufspielenden VfL Waiblingen die Daumen. SG-Talente könnten beim Zweitligisten reifen. Und vor allem winkt ein Derby.
Von
Sebastian Klaus
Bietigheim
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Die Ex-Bietigheimerin Celina Meißner konnte trotz 14 Paraden die Niederlage gegen den THC nicht verhindern.

Michael Schmidt/Eibner/Imago

Zwanzig Minuten waren am Sonntag in der Waiblinger Rundsporthalle im Pokalviertelfinale zwischen dem VfL Waiblingen und dem Thüringer HC noch auf der Uhr, als Torhüterin Celina Meißner das verwaiste THC-Gehäuse sah, und es mit einem Wurf über das gesamte Spielfeld einfach mal versuchte. Doch statt die Führung zum 16:15 für den wacker kämpfenden Zweitligisten gegen das Bundesliga-Spitzenteam zu erzielen, prallte das Geschoss von Meißner nur an den Pfosten. Und was tat Meißners Trainer Thomas Zeitz? Der lachte.

„Ich habe ihr zugerufen, dass ich ihr einen ausgebe, wenn sie den Pfosten noch einmal trifft“, verriet Waiblingens Coach nach der Partie. Sein Portemonnaie konnte Zeitz allerdings in der Sporttasche lassen, denn nur wenige Sekunden nach dem vergebenen Wurf versuchte es Meißner erneut mit dem direkten Torwurf – und diesmal landete der Ball auch tatsächlich im Netz.

Leichtigkeit ist Trumpf

Die Gelassenheit, mit der Zeitz und die ehemalige Bietigheimerin Meißner derzeit daherkommen, steht dabei fast schon sinnbildlich für die gesamte Entwicklung des Klubs in den letzten Jahren. Nach dem Aufstieg aus der Dritten Liga 2017 hat sich der VfL inzwischen im vorderen Drittel des Unterhauses etabliert.

In dieser Spielzeit läuft es besonders rund beim kleinen Nachbarn der SG BBM Bietigheim. Der Klub steht als Tabellendritter sehr gut da und könnte, wenn alles optimal läuft, im Sommer sogar in die Bundesliga aufsteigen. Zuvor hatte der VfL sogar wochenlang die Tabelle angeführt. Wie stark die Tigers tatsächlich sind, mussten auch schon einige Bundesligisten erfahren. Den deutschen Rekordmeister Leverkusen kegelte die Zeitz-Sieben in der zweiten Pokalrunde raus, dem Thüringer HC rettete dann am Sonntag ein Siebenmetergeschenk in letzter Sekunde den hauchdünnen 27:26-Zittersieg.

Und auch wenn der VfL den erstmaligen Einzug ins Final Four in Stuttgart knapp verpasste, ist die Entwicklung der Tigers bemerkenswert. Als Vater des Waiblinger Erfolgs kann durchaus Thomas Zeitz bezeichnet werden. Im Sommer 2020 hatte der Coach des damaligen Bundesligisten FSV Mainz 05 die Nachfolge des Dänen Nicolaj Andersson angetreten.

Als Begründung seines Wechsels hatte der gelernte Bankkaufmann und Sparkassenfachwirt, der schon Mainz ins Oberhaus geführt hatte, seinerzeit das große Potenzial des Klubs genannt: „Es reizt mich sehr, die Mannschaft noch ein ganzes Stück weiter zu entwickeln. Die Vorstellung, im momentan interessantesten Gebiet des deutschen Frauenhandballs rund um Stuttgart arbeiten zu können, finde ich sehr spannend.“ Und weiter: „Das alles hat mich überzeugt, das Engagement in Waiblingen einzugehen und mit einem ehrgeizigen Team in einem ambitionierten Verein etwas zu bewegen.“ Schon zum Amtsantritt des gebürtigen Frankfurters hatte VfL-Vorstandsmitglied und Sportlicher Leiter Peter Müller verkündet, mittelfristig in die Bundesliga aufsteigen zu wollen, wo sich der Verein laut Zeitz auch etablieren soll.

Team soll gehalten werden

„Mein Dreijahresplan sieht so aus, dass wir in der nächsten Saison den Aufstieg in Angriff nehmen wollen“, verrät Zeitz im Gespräch mit der BZ. „Wir haben meiner Meinung nach bisher in dieser Saison überperformt. Aber sollte es schon in diesem Jahr klappen, würde ich mich auch nicht dagegen wehren.“

Bauen will der VfL-Coach beim Projekt Aufstieg auf seinen aktuellen jungen Kader, um die auch gegen den THC mit acht Toren wieder einmal herausragende Spielmacherin Sinah Hagen, die quirlige Linksaußen Rabea Pollakowski oder die Rückraumspielerinnen Mariel Wulf und Samira Brand. „Wir wollen das Team so weit es geht zusammenhalten“, sagt Zeitz. Unterstützung könnte es dabei möglicherweise auch aus dem nahen Bietigheim geben. Mit den Junioren-Nationalspielerinnen Matilda Ehlert, Magdalena Probst und Gianina Bianco oder auch Sonja Christel und Carlotta Hees verfügt die SG BBM unter anderem über reichlich Potenzial in der zweiten Mannschaft, für die der Sprung in die „Erste“ möglicherweise noch zu groß ist und die in Waiblingen auf hohem Niveau Spielpraxis sammeln könnten.

Eine offizielle Kooperation zwischen beiden Vereinen gibt es zwar nicht, die beiden Klubs tauschen sich jedoch aus. Gewissermaßen bilateral über ihre Trainer Markus Gaugisch und Zeitz. „In der Vorbereitung haben wir mal zusammen trainiert, aber während der Saison war das wegen Corona nicht möglich“, erklärt Zeitz. „Markus ist ein offener Mensch und ein super Typ.“ Und auch Gaugisch sagt: „Wir müssen sehen, wie man unsere jungen Spielerinnen auf ihrem Weg bestmöglich unterstützen kann.“

Hoffnung auf das Derby

Ob personelle Abstellungen oder nicht, in Bietigheim freut man sich jedenfalls über den Höhenflug des Nachbarn. „Der VfL Waiblingen wäre ein Zugewinn für die Bundesliga“, sagt beispielsweise SG-Sportdirektor Gerit Winnen. „Früher war der Osten im Frauenhandball sehr dominant, mit Klubs wie dem THC oder Leipzig. Aber inzwischen ist es der Südwesten. Deshalb wäre es für die Region richtig stark, wenn Waiblingen aufsteigen sollte“, sagt Winnen nicht nur mit Blick auf ein mögliches Derby in der dann sicherlich gut gefüllten MHP-Arena. „Wir drücken unserem Nachbarn auf alle Fälle kräftig die Daumen.“

Info: Bietigheimer Talente beim VfL Waiblingen

Mit Celina Meißner (23), Lena Klingler (21) und Alina Ridder (22) stehen gleich drei Spielerinnen im Kader des VfL Waiblingen, die eine Vergangenheit bei der SG BBM Bietigheim haben. Die ehemalige Jugendnationaltorhüterin Meißner stand zwischen 2016 und 2018 bei der SG BBM II in der Dritten Liga zwischen den Pfosten. Beachhandball-Nationalspielerin Klingler war zwischen 2017 und 2019 sowohl im A-Jugendteam als auch in der Drittliga-Mannschaft im Einsatz. Linksaußen Alina Ridder spielte zusammen mit Klingler von 2016 bis 2018 bei der Bietigheimer Reserve. Und Klinglers Torwarttrainer war auch damals schon Fabian König, der sie nun auch beim VfL coacht.