Flüchtlinge in Sachsenheim: „Sachsenheim ist jetzt unsere Heimat“

Mustafa, Samir, Yaser, Saosan und Mohammed Khalil (von links) haben sich in Sachsenheim gut eingelebt.
/Oliver BürkleGroß sind sie geworden, die drei Jungs der Familie Khalil, seit dem letzten Besuch der BZ im Jahr 2018. Mohammed, der älteste der drei Brüder, hat inzwischen seinen Abschluss am Beruflichen Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen gemacht und steckt mitten in der Ausbildung zum Mechatroniker bei einem ortsansässigen Unternehmen. Der mittlere Sohn Mustafa hat seinen Realschulabschluss erfolgreich absolviert und beginnt in Kürze eine Ausbildung zum Heizungsinstallateur. Samir, der jüngste der drei Jungen, besucht die siebte Klasse der Gemeinschaftsschule.
Sprachkurse absolviert
Als die syrische Familie im Zuge des Flüchtlingsstroms 2015/2016 als eine der ersten Bewohner nach Sachsenheim in die Containeranlage im Seepfad kam, fiel Samir im Kindergarten das Erlernen der deutschen Sprache am einfachsten von allen Familienmitgliedern. Schwerer hatten es Mutter Saosan und Vater Yasser, die lange auf Plätze in einem Sprachkurs warten mussten und bei den Kursen des Asylkreises in Sachsenheim ihre ersten deutschen Sprachkenntnisse erworben haben. Inzwischen haben alle Familienmitglieder den Deutschtest auf B1-Niveau bestanden, der ihnen die selbstständige Verwendung der deutschen Sprache bestätigt. Die drei Söhne verständigen sich nahezu akzentfrei in der deutschen Sprache und haben auch viele einheimische Freunde.
Vater Yasser konnte in seinem Beruf als Elektroniker ebenfalls Fuß fassen und gehört inzwischen an seinem Arbeitsplatz zu den bewährten Mitarbeitern. Einzig Mutter Saosan fällt es schwer, eine Anstellung zu finden. Sie hat zwar einige Zeit als Aushilfe bei einem Supermarkt in Großsachsenheim gearbeitet, doch anschließend trotz zahlreicher Bewerbungen keinen neuen Job mehr gefunden. „Oft kommt auf meine Bewerbung keine Antwort mehr zurück. Manche Betriebe geben auch mein Alter als Grund für die Ablehnung an“, schildert die dreifache Familienmutter, die sich wie schon beim ersten Gespräch im Jahr 2018 durch ihre große Gastfreundschaft auszeichnet und extra gebacken und orientalische Snacks zubereitet hat.
Die Khalils leben immer noch in ihrer geräumigen Neubauwohnung, die zwar in der Nähe des Seepfads liegt, aber den Familienmitgliedern meilenweit davon entfernt vorkommt. Sie haben diese ersten Monate in Sachsenheim, beengt in einem Raum in der Containeranlage, längst hinter sich gelassen. Aber die Erinnerungen an die Zeit, in der die Jungs oft krank waren und Mutter Saosan viel geweint hat, sind noch nicht ganz verblasst.
Engagement im Arbeitkreis Asyl
„Wir engagieren uns ehrenamtlich im Asylkreis in Sachsenheim und unterstützen geflüchtete Menschen, die in der jüngsten Zeit in die Stadt gekommen sind. Wir können unsere Erfahrungen weitergeben und ihnen den Start erleichtern“, macht Vater Yasser deutlich. Kontakt hält er auch noch zu den Sachsenheimern, die der Familie Khalil in ihrer Anfangszeit sehr geholfen haben. Unter anderem gibt es noch regelmäßigen Austausch von Nachrichten mit Helga Niehues, welche die syrische Familie immer noch als ihren „rettenden Engel“ in den ersten Monaten in Sachsenheim bezeichnet.
Auch ins Fest- und Vereinsleben in der Stadt sind die Khalils integriert. Sie feiern beim „Sommer am Schloss“ mit, besuchen im Winter den Weihnachtsmarkt und haben im vergangenen Jahr am Heimatfest teilgenommen.
Samir spielt Fußball im Verein, Mustafa macht Kampfsport, und Mohammed trainiert täglich im Fitnessstudio. „Sachsenheim ist zu unserer Heimat geworden. Hier fühlen wir uns wohl. Daher möchten wir auch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen“, berichtet Mohammed.
Allerdings werden das Glück und die Zufriedenheit der Khalils alle zwei Jahre empfindlich getrübt. „Wenn die Verlängerung unserer befristeten Aufenthaltserlaubnis ansteht, müssen wir jedes Mal wieder alle Anträge und Dokumente neu einreichen. Zudem schwebt immer eine Unsicherheit im Raum, ob wir die Verlängerung erhalten oder doch zurück nach Syrien müssen“, beschreibt Mohammed die Angst, mit der die Familie immer wieder zu kämpfen hat. Er ist in seiner Heimat inzwischen wehrpflichtig und könnte bei einem Besuch des syrischen Konsulats in Berlin zum Wehrdienst in Syrien verpflichtet werden. „Wir müssen aber ins Konsulat, weil wir syrische Reisepässe brauchen, ohne die wir keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis erhalten, noch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen können“, unterstreicht Mohammed.
Wunsch nach weniger Bürokratie
Daher würde sich die Familie wünschen, wenn die bürokratischen Hürden für die Integration Geflüchteter hierzulande erleichtert werden. „Eigentlich möchte ich eine Ausbildung bei der Polizei machen. Das ist mein großer Traum, aber dafür sollte ich erst die deutsche Staatsbürgerschaft haben“, berichtet Mustafa. Sein Bruder Mohammed wiederum hat ebenfalls Wünsche für die Zukunft. Er möchte seine Ausbildung abschließen, ein Haus bauen und irgendwann eine eigene Familie gründen. Die BZ ist gespannt, welche Zukunftsträume sich beim nächsten Besuch bei den Khalils erfüllt haben.