Enkeltricks im Kreis Ludwigsburg
: Betrüger am Telefon und per Nachricht weiterhin erfolgreich

Die perfiden Abzocke-Versuche per Enkeltrick, Schockanrufe und WhatsApp-Masche im Kreis halten an. Der Schaden ist hoch wie nie zuvor.
Von
Bigna Fink
Ludwigsburg
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Betrugsversuche per WhatsApp häufen sich seit 2021. Täter geben sich als nahe Angehörige in Not aus und bitten um Überweisungen im meist vierstelligen Bereich.

dpa

Einen klassischen Schockanruf erlebte Franz C. aus Ludwigsburg im Februar diesen Jahres. Am selben Tag, kurz nachdem seine Tochter einen kleinen Autounfall hatte, rief den 60-Jährigen ein unbekannter Mann auf dem Festnetztelefon per anonymer Rufnummer an. „Papa, Papa, ich habe einen Radfahrer übersehen und ihn aus Versehen überfahren. Er ist tot“, berichtete er Franz C. mit weinerlich-panischer Stimme. Er sei bei der Polizei und brauche dringend die finanzielle Hilfe des Vaters.

Franz C. ahnte sofort, dass dies ein Betrug war, „denn ich habe ja gar keinen Sohn.“ Der Ludwigsburger blieb, so erzählt er, „völlig emotionslos“ und legte auf.

Mit erfundenen Geschichten von Enkeln und eigenen Kindern in Not versuchen Betrüger auch im Jahr 2023 per Schockanruf und neuerdings auch per SMS und WhatsApp an das Geld meist älterer Menschen zu kommen.

Drastischer Anstieg von Schockanrufen im Land

Anrufstraftaten mit den Maschen „Falscher Polizeibeamter“, „Enkeltrick“ und „Schockanruf“ sind laut aktuellem Sicherheitsbericht in Baden-Württemberg drastisch angestiegen: im Jahr 2022 im Vergleich zum Vorjahr um 62 Prozent. Das im Sicherheitsbericht neu hinzugekommene Phänomen „WhatsApp-Betrug“ erfuhr etwa eine 74-Jährige aus Asperg im Februar:

„Hallo Mama, ich habe ein neues Handy, Kannst du an meine neue Nummer eine Nachricht auf Whatsapp schicken? Das ist meine neue Nummer: +49178 6XXXX.“ Diese SMS erreichte Ruth Meier (Name von der Redaktion geändert) aus Asperg. Ähnliche Nachrichten dieser Betrugsmasche erhalten täglich Menschen deutschlandweit seit 2021 auf ihrem Smartphone.

Der Schaden durch Schockanrufe und WhatsApp-Betrügereien, die das Vertrauen der Menschen in die Polizei oder die Hilfsbereitschaft innerhalb der Familie missbrauchen, hat sich auch in der Region deutlich erhöht: Die Summe des erbeuteten Geldes ist seit 2021 im Polizeipräsidium Ludwigsburg um mehr als das Dreifache auf knapp zwei Millionen Euro im Jahr 2022 gestiegen.

Täter aus dem Ausland werden seltenst gefasst

Dabei werden immer mehr Fälle aus dem Ausland registriert, in der Auslands-PKS (polizeilichen Kriminalstatistik). Die Haupttäter agieren in Banden in ausländischen Callcentern, heißt es im Sicherheitsbericht des Landes. Leider können bisher die Täter in den seltensten Fällen gefasst werden, heißt es vom Polizeipräsidium Ludwigsburg.

Bei Ruth Meier aus Asperg kam die SMS-Nachricht mit der angeblich neuen deutschen Rufnummer von einer Telefonnummer mit der Vorwahl +48 – also aus Polen. „Dies habe ich übersehen“, berichtet die Rentner. „Ich dachte tatsächlich, meine Tochter hat ein neues Handy.“

Sie speicherte die von den Betrügern angegebene Nummer und schrieb ihrer vermeintlichen Tochter auf dem Messenger-Dienst WhatsApp eine längere, herzliche Nachricht. Der Betrüger oder die Betrügerin schickte der Aspergerin per WhatsApp daraufhin ein Kuss-Smiley und ein „Hallo, schön, dass es dir gut geht. Mir geht es jetzt wieder besser. Aber ich bin etwas gestresst.“

Auf die Frage der besorgten Mutter nach dem Grund des Stresses bekam sie folgende Antwort: „Mein Konto ist gesperrt und ich muss eine Rechnung überweisen, ich kann mich nicht einloggen in mein Bankkonto.“ Und anschließend: „Kannst du die Zahlung für mich überweisen? Ich schicke es zurück, wenn ich mich wieder einloggen kann. Es geht um 2800 Euro, ist das okay?“

Daraufhin wurde Ruth Meier stutzig und schrieb der vermeintlichen Tochter, sie sei im Minus und ließe sich die Tage bei der Bank wegen des Falls beraten. Der Kontakt brach mit einem „Okay“ ab. Die 74-Jährige war geschockt, als ihre wirkliche Tochter wenig später anrief und der Betrugsversuch aufflog.

Hohe Dunkelziffer, eher geringe Erfolgsquote der Täter

„Sehr viele Betroffene wenden sich nicht an die Polizei“, sagt Andrea Glück, Referentin für Kriminalprävention im Polizeipräsidium Ludwigsburg über eine vermutlich sehr hohe Dunkelziffer an Versuchsfällen. „Zum Glück ist lediglich die Versuchsquote der Täter sehr hoch und deren Erfolgsquote eher niedrig“, sagt Glück: „Die meisten Menschen fallen auf die Maschen nicht herein.“

2022 wurden 1220 WhatsApp-Betrugshandlungen im Polizeipräsidium Ludwigsburg erfasst, in 1059 Fällen blieb es beim Versuch. Doch in 13 Prozent der Fälle überwiesen die Geschädigten in den Kreisen Ludwigsburg und Böblingen Beträge auf deutsche oder ausländische Konten in Höhe von immerhin 558 000 Euro.

Betrüger wollen bei Opfern Panik und Angst auslösen

Selten seien die Opfer dement, die Betrügern Geldsummen meist im vier- bis sechsstelligen Bereich überwiesen, so Glück. Demente seien dazu gar nicht in der Lage. „Vor allem mit Schockanrufen, bei denen es meist um Verkehrsunfälle naher Angehöriger geht, soll bei Menschen Panik ausgelöst werden“, beschreibt Kriminalhauptkommissarin Glück die perfiden Maschen. Für ihre Schockanrufe telefonieren Täter Telefonbucheinträge ab. Sie suchen nach Vornamen, die älteren Personen gehören könnten, weiß der Betroffene Franz C., was auch Andrea Glück von der Polizei Ludwigsburg bestätigt.

Viele Betroffene könnten nicht mehr klar denken, so Glück: „Es wird Adrenalin ausgeschüttet, sobald es darum geht, dass das eigene Kind oder Enkelkind in Not ist.“ Auch wenn Menschen nicht darauf hereinfallen, ein ungutes Gefühl bleibt oft“, erzählt sie.

Das rät die Polizei zum Schutz bei verdächtigen Anrufen und Nachrichten

„Brechen Sie den Kontakt sofort ab und machen Sie einen Kontrollanruf bei Ihren Angehörigen auf deren alten Ihnen bereits bekannten Rufnummer ,“ rät Andrea Glück, Kriminalhauptkommissarin vom Polizeipräsidium Ludwigsburg Empfängern von Schockanrufen und verdächtigen SMS- oder WhatsApp-Nachrichten. Erhaltene unbekannte Telefonnummern von vermeintlich bekannten Personen sollten nicht ungeprüft abgespeichert werden. Außerdem empfiehlt die Polizei, das eigene WhatsApp-Profil-Bild nur für die eigenen Kontakte freizugeben. Sich bei der Polizeistelle zu melden, sei ebenfalls ratsam, ergänzt Glück.

DIE-Theater-Experten, eine Theatergruppe aus Ludwigsburg bietet in Kooperation mit der Polizei das buchbare, interaktive Stück „Hallo Oma, ich brauch Geld!“an.

Das Polizeipräsidium Ludwigsburg bietet Vorträge oder Spaziergänge zum Thema an, die Gemeinden und Organisationen umsonst buchen können.