Energiearmut auch im Landkreis Ludwigsburg: Doppelt so viele Menschen müssen auf Sparflamme leben

In immer mehr Haushalten bleibt die Wohnung kalt, weil das Geld nicht ausreicht – auch im Kreis Ludwigsburg. Energiearmut ist auch hier ein Thema, bestätigen Caritas und Diakonie.
dpa/Ole SpataDraußen liegt Schnee und die Temperaturen sind unter Null gesunken. Um sich richtig schön heimelig zu führen, wird die Heizung zuhause von der Stufe zwei, was etwa 16 Grad entspricht, auf die Stufe drei (20 Grad) oder auch auf vier (24 Grad) aufgedreht. Das jedoch können sich immer weniger Menschen leisten, stellte das Statistische Landesamt Baden-Württemberg in einer Erhebung über Einkommen und Lebensbedingung fest, die aus dem Mikrozensus (stichprobenartige Volksbefragung) abgelesen wurde.
Mehr Wohnungen bleiben kalt
Die neuesten Zahlen, die das Statistische Landesamt veröffentlicht hat, beziehen sich auf das Jahr 2022. Demnach lebten 2022 rund 633 000 Menschen in Baden-Württemberg in Haushalten, die laut eigener Einschätzung aus finanziellen Gründen in ihrem Zuhause Temperaturen unterhalb ihrer persönlichen Wohlfühlgrenze hatten. Das entspricht, gemessen an der Gesamtbevölkerung, einem Anteil von 5,7 Prozent. Deutschlandweit waren es sogar 6,6 Prozent. Zum Vergleich: 2021 waren es in Baden-Württemberg noch 2,4 Prozent, bundesweit 3,3 Prozent. Damit hat sich der Anteil der Menschen, die sich angemessenes Heizen nicht mehr leisten können, im Südwesten Deutschlands mehr als verdoppelt. „Grund für den Anstieg dürften vor allem die höheren Energiepreise im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine und steigende Lebenshaltungskosten gewesen sein“, so das Statistische Landesamt.
Für den Kreis Ludwigsburg kann das Petra Tolksdorf vom Caritas-Zentrum Ludwigsburg bestätigen. Sie ist die Leiterin des Bereichs Existenzsicherung und Integration, durch den Menschen beraten werden, die Hilfe bei persönlichen oder finanziellen Angelegenheiten benötigen. „Die Haushaltssperre des Bundestags beschäftigt uns aktuell an vielen Stellen“, sagt Tolksdorf. Der größte Posten sei dabei die Haushaltsenergie.
Die Preise für Strom, Gas, Heizöl und Co seien 2022, so berichtet sie, verglichen zum Vorjahr um 40,7 Prozent gestiegen und im vergangenen Jahr nochmals um weitere 21 Prozent. Diese Preiserhöhung treffe vor allem Menschen mit geringem Einkommen. Denn wie soll jemand, der sowieso schon am Existenzminimum lebt, monatliche Mehrkosten bezahlen? Auch das häufige Angebot der Stromanbieter, eine Nachzahlung in Raten abzustottern, helfe nur bedingt. Rentner seien oft betroffen und Empfänger von Transferleistungen wie dem Bürgergeld, „aber auch Erwerbsarbeit schützt nicht vor Energiearmut“, sagt Tolksdorf und weiter: „Wir merken in den Beratungen, dass es bei den Menschen immer knapper wird und auch viele aus dem Mittelstand abrutschen.“ Das liege daran, dass durch Inflation und Preiserhöhungen die Grundkosten immer höher würden. Was zuvor gerade so ausreichte, sei nun zu wenig.
Kirchen-Energiefond kann helfen
Tolksdorf weist darauf hin, dass sich jeder, bei dem das Geld für die hohe Energierechnung nicht reicht, an die Sozialverbände Caritas und Diakonie wenden kann. Denn die katholischen und evangelischen Kirchen in Baden-Württemberg haben bereits 2022 einen gemeinsamen Energiefond angelegt (die BZ berichtete). Dabei werden Mittel aus der Kirchensteuer aus der Energiepreispauschale des Bundes direkt und unkompliziert weitergegeben, erklärt Tolksdorf. Der Kirchen-Energiefond richte sich vor allem an Rentner und Alleinerziehende, aber auch Alleinstehende mit niedrigem Einkommen. Bei einem Vorab-Telefonat könne schnell geklärt werden, ob man dafür in Frage komme. „Es ist unkompliziert. Wir brauchen eine Lohnabrechnung und die Energierechnung“, erklärt Tolksdorf die unbürokratische Hilfe.
„Am Jahresanfang haben wir im Regelfall nicht so viele Anfragen“, sagt Carola Benker vom Kreisdiakonieverband Ludwigsburg. Als Leiterin des Fachbereichs Soziale Fachdienste und Projekte ist sie unter anderem für die Sozialberatung zuständig. „Sobald jedoch die Nebenkostenabrechnungen eintrudeln, häufen sich auch die Anfragen“, so Benker. Dabei sei aufgefallen, dass nicht nur die Anzahl der Anfragen gestiegen sei, sondern auch die Beträge selbst. „Die Energieunternehmen erhöhten zum Teil die Beiträge enorm.“ Die Maximalhilfe pro Fall liege bei 2000 Euro. In gut 30 Prozent der Fälle müsse diese Obergrenze auch ausgereizt werden. Der Energiefond der Kirchen ist bis mindestens 2025 angelegt, sagt Benker und berichtet, dass die Sozialverbände bislang immer wieder Gelder vom Kirchenverband beantragen können, um es an Hilfsbedürftige weiterzugeben.
CO2-Bepreisung und Klimaschutz
Natürlich müsse klimatechnisch etwas geschehen, sagt Petra Tolksdorf in Bezug auf die steigenden CO2-Preise für den Klimaschutz. „Wir dürfen dabei aber die Ärmsten nicht vergessen.“ Es müsste ein Klimageld eingeführt werden, das diejenigen entlastet, die sonst auf der Strecke bleiben. Dabei weist Tolksdorf auch darauf hin, dass energiearme Haushalte oftmals nicht diejenigen seien, die viel CO2 ausstoßen. Wohl aber in energieineffizienten Wohnungen mit schlechter Dämmung und unisoliertem Dach wohnen sowie veraltete, ineffiziente Geräte nutzen. Ihrer Erfahrung nach sei der Energieverbrauch energiearmer Menschen zumeist nicht sehr hoch. „Oftmals wird extra nur ein Raum geheizt, um zu sparen“, sagt sie und weiter: „Heizen sollte kein Luxusgut sein.“
Was ist Energiearmut?
Von Energiearmut spricht man, wenn sich Haushalte Heizung, Licht und Strom nicht oder nicht in angemessenem Umfang leisten können. Beim Heizen gilt eine Temperatur von 21 Grad Celsius im Hauptwohnraum und 18 Grad in den übrigen Räumen als angemessen.